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Kultur Goslarer Kaiserring 2012 geht an John Baldessari
Nachrichten Kultur Goslarer Kaiserring 2012 geht an John Baldessari
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22:07 06.01.2012
Von Johanna Di Blasi
„Ich will keine langweilige Kunst mehr machen“: John Baldessari 2010 im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Quelle: afp
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Goslar

Baldessari, 1931 in National City in Kalifornien geboren, ist gewiss kein Kind der Wegwerfgesellschaft. Seine erste künstlerische Inspiration, so sagte er in einem Interview, habe er „von Kurt Schwitters bekommen, der sein Material auf der Straße fand“.
Wie gestern in Goslar bekannt gegeben wurde, ist der im kalifornischen Santa Monica lebende Baldessari Kaiserring-Träger 2012. Nach dem Regisseur David Lynch (2010) und der feministischen Künstlerin Rosemarie Trockel (2011) wird er am 6. Oktober in Goslar mit der renommierten undotierten Auszeichnung geehrt.

Baldessari war zweimal auf der documenta vertreten, 2009 erhielt er den „Goldenen Löwen“ der Biennale in Venedig. In Hannover waren ihm Ausstellungen in der Kestnergesellschaft (1988) und im Sprengel Museum – 1999 war er Spec­trum-Preisträger der Stiftung Niedersachsen – gewidmet. Was Baldessari besonders freuen dürfte: Er wird in Goslar als „einer der Väter der konzeptionellen Kunst“ geehrt.

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Tatsächlich wurde sein Werk schon früh als „concept art“ bezeichnet – eine Kunstströmung mit stark intellektueller Ausrichtung und oftmals demonstrativer Unsinnlichkeit. Baldessari galt manchen Konzeptkünstlern indes eher als Störenfried, als eine Art Konzeptkomiker von der Westküste. Sein Kollege Joseph Kosuth sah in Baldessari keinen vollgültigen, ernsthaften Konzeptkünstler wie etwa Sol LeWitt, Lawrence Weiner oder Marcel Broodthaers, sondern jemanden, der „konzeptionelle Cartoons tatsächlicher Konzeptkunst“ macht.
Genau für seine ironischen, frechen und unkonventionellen Zugänge aber liebt man den Amerikaner bis heute. Insbesondere die jüngere Riege der mit Text-Bild-Kombinatorik arbeitenden Künstler verehrt ihn. Baldessaris grobkörnige Schwarz-Weiß-Videos aus den frühen siebziger Jahren, die entstanden sind kurz nachdem der Künstler alle seine Zeichnungen und Malereien während eines Schaffenstiefs verbrannt hatte, gelten heute als Ikonen.

In dem Video „I Am Making Art“ (Ich mache Kunst) sieht man den Zweimeterhünen mit Neil-Young-Frisur und hängenden Schultern in ungelenken Posen: rechter Arm hoch, linker Arm hoch, beide Arme hoch. Was der Künstler hier ausprobiert, sind neue künstlerische „Positionen“. Dazwischen wiederholt er leiernd: „Ich mache Kunst.“ Vertreter der Body Art und des gravitätischen Post­minimal konnten sich veräppelt fühlen. Das Video im Stil dilettantischer Lehrfilme kann aber auch als grundsätzliche Reflexion über die Frage nach der Lehrbarkeit von Kunst angesehen werden.

In „I will not make any more boring art“ (Ich will keine langweilige Kunst mehr machen), einer weiteren legendären Arbeit der Zeit, schreibt Baldessari wie bei einer Strafarbeit immer wieder diesen Satz. Daneben wurde er mit Werken bekannt, bei denen er Bilder und Texte so kombinierte, dass Klischees der Kino- und Werbewelt ausgehebelt werden. Baldessaris Werkstätte ist die Kluft zwischen Bild- und Textbotschaft. Seine letztendlich philosophischen Werke sind Versuche, diese Kluft zu überbrücken.
In Goslar wird Baldessari für sein Lebenswerk geehrt. Die Juroren hätten für ihn votiert, „weil wir uns auf ein lebendig junges, neues Œuvre freuen“, sagte der Juryvorsitzende Wulf Herzogenrath.

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