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Kultur Gregory Maqoma und „Club Guy & Roni“ beim Tanztheaterfestival
Nachrichten Kultur Gregory Maqoma und „Club Guy & Roni“ beim Tanztheaterfestival
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18:44 04.09.2011
„Beautiful me“: Gregory Maqomai tanzte im Ballhof.
„Beautiful me“: Gregory Maqomai tanzte im Ballhof.
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Hannover

Baba ndiyi peacock, spricht Gregory Maqoma ins Publikum. Womöglich verstand der eine oder andere Zuschauer die zungenbrecherischen Laute des südafrikanischen Tänzers und Choreografen. Es ist Xhosa, Maqomas Muttersprache. Die Worte bedeuten: Papa, ich bin ein Pfau, ich bin schön.

„Beautiful me“, so lautet der Titel von Gregory Maqomas Stück, mit dem er mit seinem Vuyani Dance Theatre, das er vor mehr als zehn Jahren gegründet hat, bei Tanztheater International gastierte. Maqoma stammt aus Soweto, und von Soweto, dem Symbol für das Südafrika der Apartheidsära, erzählt Maqoma während der folgenden Stunde im ausverkauften Ballhof 1. Es ist die Geschichte von einem, der auszog, das Leben zum Schönen zu verwandeln. Gegen alle politische und persönliche Unbill.

Maqoma erzählt von Überlegungen, Gespräche mit politischen Führern zu führen – wie etwa mit Jacob Zuma, dem südafrikanischen Staatspräsidenten. „Change!“, verändere das System, würde er ihm zurufen. Dabei scheint sich Maqomas kräftiger Körper in seine Einzelteile zu zerlegen. Der Brustkorb bewegt sich in einem anderen Rhythmus als das Becken, die Hände flattern aufgeregt. Der Rhythmus des rituellen afrikanischen Tanzes ist allgegenwärtig.
Mit auf der Bühne befinden sich auch Maqomas künstlerische Kollegen: Akram Khan (der heute im ausverkauften Schauspiel Hannover gastiert), der ihn den indischen Kathak lehrte, dieses satte Klatschen auf die Erde, als seien die Fußsohlen nasse Waschlappen; Faustin Linyekula, der kongolesische Tänzer und Choreograf, der den Körper zum Schlaginstrument erweitert. Oder Vincent Mantsoe, der Wegbegleiter aus den Kindertagen in Soweto, der die Tradition in den zeitgenössischen afrikanischen Tanz übertrug.

Maqoma spricht und tanzt mit ihnen – und mit seinen Ahnen. Die Musik dazu liefert ein einzigartiges Ensemble aus Perkussions, Cello, Violine und Sitar, das im dämmrig beleuchteten Hintergrund der Bühne sitzt.
Diese vier Jungs vereinen mühelos musikalische Anregungen aus New Yorker Jazzkellern, indischen Tempeltänzen, Hochzeitspartys auf Mozambique und elektronischen Tonstudios in Brüssel, wo Maqoma Ende der neunziger Jahre in Anne Teresa de Keersmaekers renommierter PARTS-Schule dem europäischen Tanz nachspürte. So entsteht weniger ein Tanztheater als ein leidenschaftliches Tanzkonzert.

Testosterontheater: „Club Guy & Roni“

Männer fliegen zum Mond, Männer hängen ab, Männer hängen Pin-Ups auf, Männer zeigen, was sie drauf und drunter haben. „Alpha Boys“, das Tanztheaterstück vom „Club Guy & Roni“, spielt mit den Bildern, die man – oder frau – von ihnen hat, und mit ihren Wünschen, Ängsten und Freuden. Sechs junge Männer in einer Bar träumen von der Zukunft, von Erfolg, Liebe, Anerkennung. Sie probieren Rollen und suchen Grenzen. Zwischen Sonnenuntergangspanoramatapete, Couch, Fernseher und Tresen entwickelt sich ein höchst vergnügliches, energie- und temporeiches Spiel.

Guy Weizman und Roni Haver, das israelische Tänzer- und Choreografenduo, das den „Club Guy & Roni“ im niederländischen Groningen leitet, hat mit „Alpha Boys“ die männliche Variante von „The Language of Walls“ gemacht, das vor sieben Jahren beim Tanztheaterfestival weibliches Verhalten erkundete. Nun also sind die Männer dran. Sie ringen um Aufmerksamkeit (die sie sich höchstens gegenseitig gewähren, denn die einzige Frau auf der Bühne sitzt bis zum Schluss gelangweilt auf dem Sofa und blättert in einer Zeitschrift), sie zelebrieren (oder karikieren?) Machogehabe, und sie geben sich metrosexuell und tragen Pumps, Perücken, Röcke. Immer wieder geht man zu Boden, immer wieder steht man auf, es wird viel gefallen an diesem Abend, aber Männer geben ja nicht auf, denn sie können einstecken. Auch ein Spagat kann wehtun, erst recht das Brusthaarpflaster, das mit einem Ruck abgezogen wird.

„Alpha Boys“ ist ein ironisches Spiel mit Klischees. Und ein höchst kunstvolles, manchmal auch akrobatisches dazu. Wie das Ensemble im Stile von Hip-Hop-Battles über die Bühne fegt; wie es in einem dreigeschossigen Schrank auf engstem Raum immer wieder überraschende, witzige Bilder schafft, die an Puppentheater erinnern; wie der Musiker Jens Bouttery an Schlagzeug, E-Gitarre und singender Säge treibende Beats oder faszinierende Klangflächen schafft – das ist beeindruckend. Auch die Wechsel von lauten, schnellen und aggressiven Bildern zu zarten, leisen und poetischen sind dramaturgisch gelungen.

Am Ende ist die Bühne mit Müll übersät, das Schlagzeug verprügelt, der Raum mit Kunstnebel, Schweiß und Testosteron aufgeheizt. „Ich habe einen kleinen Vogel in meinem Herzen, aber ich lasse ihn nur raus, wenn keiner guckt“, sagt ein Tänzer dann in einem trotzig-zärtlichen Monolog. Und fragt schließlich: „But I don’t cry – do you?“

Das heutige Gastspiel von Akram Khan ist ausverkauft. Morgen ist Lisbeth Gruwez im Ballhof 2 zu sehen, am Mittwoch Heddy Maalem in der Orangerie Herrenhausen.

Alexandra Glanz und Matthias Schmidt

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