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Kultur Greta Amend inszeniert Dostojewski
Nachrichten Kultur Greta Amend inszeniert Dostojewski
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00:00 02.03.2012
Traumverloren: Christian Alexander Rogler und Helga Lauenstein. Quelle: Theater am Glocksee
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Hannover

Zwei Wochen zwischen Juni und Juli ist die wahrscheinlich schönste Zeit in St. Petersburg. Die Sonne geht dann nie vollständig unter, eine silbrig blaue Dämmerung verzaubert die Stadt. In jeder Nacht wird sie zu einem fast magischen Ort. In diesen sogenannten „Weißen Nächten“ ist es Tradition, durch die Straßen und an den Kanälen entlang zu flanieren.

Fjodor Dostojewski hat diesen Schauplatz für seine Erzählung „Weiße Nächte" gewählt. Darin treffen sich eine junge Frau und ein Träumer. Abend für Abend treffen sie sich. Es entwickelt sich eine Freundschaft, die jedoch zum Scheitern verurteilt ist, weil er mehr will als sie. Das gleichnamige Stück, inszeniert von Greta Amend, ist im Theater an der Glocksee zu sehen.

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Das Leben des Träumers besteht im Grunde genommen nur aus Sehnsucht. Doch er phantasiert so lebhaft von dem Haus am Meer und dem Palazzo in Italien, dass ihm all das vorkommt, als sei es Realität. Und immer ist da auch eine Frau. Seine Traumfrau. Also ist das Erste, was er sagt, als er Nastenka begegnet: „Von wem soll ich denn nun träumen, da du real vor mir stehst?“ Bloß traut er sich nicht, ihr seine Liebe zu gestehen, denn sie hatte verlangt: „Du darfst dich nicht in mich verlieben!“ Im Grunde wartet Nastenka nur auf die Rückkehr ihrer großen Liebe. Der Träumer aber ist ein unerfahrener Mann. Er geht auf die Abmachung ein, weil der Schüchterne schon froh ist, dass er sich regelmäßig mit einer Frau treffen kann.

All das wirkt schief, wenn Schauspieler mittleren Alters auf der Bühne stehen. Im Theater an der Glocksee sind es Helga Lauenstein und Christian Alexander Rogler. Aber immerhin sind sie umgeben von einem schlicht schönen Bühnenbild in silber-grau, dazu weißes Licht.

Die ersten Sätze des Poeten versprechen noch russische Weltliteratur: „Fuhrwerke“ bevölkern die Straßen. Dann kippt die Ausdrucksweise in moderne Alltagssprache. „Weiße Nächte“ wurde von Dostojewski größtenteils als Monolog des Träumers angelegt. Amends Bühnenversion wirkt dagegen wie eine steife Collage: Lauenstein und Rogler monologisieren nebeneinander her. Sie bekommen gar nicht erst die Möglichkeit, in Interaktion zu treten, außer wenn sie sich ausgelassen wie Tiere um eine Parkbank jagen oder kindlich verspielt mit einem Hut Frisbee spielen. Als er ihr seine Lebensgeschichte erzählt, sitzt sie teilnahmslos am Rand wie auf der Reservebank. Ihre Figuren vermögen die Schauspieler in dem zweistündigen Stück nicht weiterzuentwickeln: Er bleibt der Trauerkloß, der seine Gefühle unterdrückt. Und sie kichert alle Ernsthaftigkeit beiseite. Am Ende imaginieren sie sich ihr mögliches gemeinsames Leben, müssen aber im selben Augenblick schon feststellen, dass diese Träumereien in sich zusammenfallen. Das Paar hat keine Zukunft, denn trotz der vielen gemeinsamen Stunden kommen die beiden sich nicht wirklich nah. Und überhaupt liebt sie einen anderen – auch wenn der nie wieder auftauchen wird.

Die meisten Zuschauer erfreuen sich an der Situationskomik eines traurigen Clowns (Rogler mit roter Pappnase) sowie anderen kurzweiligen Momenten. Entsprechend ausgiebig wird auch applaudiert.

Das Stück läuft bis zum 31. März. Karten gibt es unter 0511-1613936 und bei der Online-Kartenreservierung des Theaters an der Glocksee.

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