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Kultur Grönemeyer mit neuem Album „Dauernd Jetzt“
Nachrichten Kultur Grönemeyer mit neuem Album „Dauernd Jetzt“
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07:36 20.11.2014
Grönemeyer stellt seine 14. Studioalbum „Dauernd Jetzt“ vor.
Grönemeyer stellt seine 14. Studioalbum „Dauernd Jetzt“ vor. Quelle: Britta Pedersen/dpa
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Herbert Grönemeyer braucht man, wenn es grau wird und der Winter etwas in die Luft wirft, dessen Aggregatzustand man nicht genau erkennt. Ist das Schnee? Melancholie? Oder einfach das Tief Herbert? Grönemeyer steht oft mit einem Bein im Glück und mit dem anderen in einer Pfütze. Ob seine Lieder trösten oder ob die Tristesse durch sie erst Einzug hält, die Entscheidung darüber überlässt er seinen Hörern, die ihn lieben – weil er klug ist, doch nicht klug tut.

Seine Single „Morgen“ läuft seit zwei Wochen im Radio. Man will sie mögen, weil es derzeit sonst im Radio nicht viel gibt, was man dort mögen kann. Doch „Morgen“ klingt breitbeinig, amerikanisch-schmucklos und pathetisch, mitunter gar bonjovihaft. Er singt das Ganze irgendwann halt noch mal, einen Halbton höher, tiefer, genauso, das ist zu mager für Grönemeyer.

Nein, „Morgen“ hat den Mund nicht wässrig gemacht, die Neugier nicht geweckt aufs 14. Studioalbum „Dauernd jetzt“. Es gab bislang keinen massiven Fehltritt in Herbert Grönemeyers Plattenhistorie. Auch das Album „Schiffsverkehr“, das vor drei Jahren erschienen ist, hatte wieder die Frische, die beachtlich ist für jemanden, der seinen Durchbruch 1984 mit „4630 Bochum“ schaffte. Grönemeyer hat die Routine immer umschifft, er hat den Eindruck vermittelt, seine neuen Alben seien künstlerisch notwendig und kein kommerziell gefärbter Coup.

Auch „Dauernd jetzt“ fängt sich mit der Zeit, die Single steht gleich zu Beginn. Es folgt „Wunderbare Leere“ mit einer Hammerrhythmik, die einfältig und flüchtig hingeworfen wirkt. Erst beim dritten Stück, „Uniform“, kriegt das Album Boden unter den Füßen. Auch wenn Grönemeyer zu beflissen klingt in dem Refrain, sich zu sehr in die Brust wirft, um zu wettern: „Und wir laufen am Draht, weil es uns nicht mehr gibt, Abhören gegen Menschenwürde, auf einmal sind wir im Krieg.“

Infos

Herbert Grönemeyer: „Dauernd jetzt“. Grönland/Universal. Ab 21. November im Handel.

Es gibt Sätze, die klingen bei Grönemeyer geschrieben schöner als gesungen, doch es gibt auch solche, die klingen weder hier noch dort gut. Was bei ihm allerdings wenig stört, weil er mitunter eine Dada-Lyrik liefert, die durchweg seine Handschrift trägt und sich durch diese streng intime Sicht meist interessant macht. Herbert Grönemeyer ist einer der wenigen Sänger, die die deutsche Sprache lieben. Fast liebt er sie so sehr, wie sich Sven Regener von Element Of Crime an seinen eigenen Worten labt.

Grönemeyer singt tiefer auf dem neuen Album, als man es von ihm kennt. Das schafft kein komplett neues Klangbild, doch dreht es den Ton ein wenig mehr in Richtung Moll, hin zum Mir-ist-kalt-ich-drehe-die-Heizung-jetzt-mal-höher. Doch es wirkt nicht wehleidig. Er bleibt bei seiner grundlegenden Unruhe, die Nervosität rettet das Album, wenn auch nur in Maßen. Musikalisch stark ist der Song „Unser Land“, Grönemeyer singt übers Deutschsein und zieht sich fröhlich und reflektiert am eigenen Schopf aus seinem Moll. „Der Löw“ ist ein Lied über den WM-Titel, er steht fürs ganze Album: Man hört das Lied, doch er schillert nicht. Grönemeyer rutscht ins Mittelmaß, was allgemein für deutschen Rock ja immer noch beachtlich ist.

Annette Humpe hat ihm ein Lied geschrieben, Text und Musik – immer hat er Ideal, Humpes alte Band, verehrt. Dieses „Einverstanden“ wird in Grönemeyers Händen zu einer Kraftnummer über Abschied, die sich ziemlich bemüht mit den Möglichkeiten elektronischer Musik schmückt. Sonst lässt er auf dem Album den Gitarren ungewöhnlich freien Lauf. Er mag ja das Piano lieber, dort findet er Nuancen, die seinem süß-sauren Gemüt entsprechen. Das Klavier, so kann man generell mutmaßen, entspricht der deutschen Seele vielleicht doch eher als die Gitarre. Und wer würde von sich sagen, er könne die deutsche Seele besser ausleuchten als Herbert Grönemeyer?

Von Lars Grote

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