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00:15 13.01.2014
Von Martina Sulner
Japans bekanntester Autor in Deutschland: Haruki Murakami. Quelle: dpa
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Hannover

Manchmal sind 16 Jahre eine kurze Zeit: Zwar hat Tsukuru Tazaki zu vergessen versucht, was ihn vor anderthalb Jahrzehnten aus der Bahn geworfen hat, doch noch immer prägt dieses Erlebnis sein Leben - auch wenn er sich das nicht eingestehen kann. Damals haben seine vier Freunde ihn von heute auf morgen aus ihrer Clique ausgeschlossen. Tsukuru verstand nicht, warum; ihm fehlte der Mut, die Auseinandersetzung mit den Vieren zu suchen; monatelang stand er nach dem Verlust der Freunde und der ungeheuren Kränkung am Rand des Selbstmords.

„Vom Juli seines zweiten Jahres an der Universität bis zum Januar des folgenden Jahres dachte Tsukuru Tazaki an nichts anders als an den Tod“ lautet der erste Satz von „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, dem neuen Roman Haruki Murakamis. Pünktlich zum 65. Geburtstag des japanischen Autors am Sonntag erscheint das Buch jetzt in Deutschland.

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Nach der voluminösen Trilogie „1Q84“, in denen er eine fantastische Welt entwarf, hat der Autor jetzt einen vergleichsweise schmalen, weitgehend realistischen Entwicklungsroman geschrieben. Murakami schildert einen gefühlsreduzierten Mann, der sich mit Mitte dreißig zum ersten Mal richtig verliebt. Es ist - na, klar - diese Frau namens Sara, die Tazaki dazu bringt, sich mit seinen früheren Freunden zu treffen und auszusprechen. Tazaki hat sich das so lange auch deshalb nicht getraut, weil er irgendwie meinte, die Ablehnung der vier verdient zu haben. Er sei ja, glaubt er, ein langweiliger Typ, den man nicht wirklich mögen oder gar lieben könne.

Tazakis Leben ist tatsächlich mäßig spannend: Er hat zwar seinen Traumberuf - der Ingenieur plant Bahnhöfe und deren Umbau -, doch sonst ist da wenig Aufregendes. Regelmäßig geht er schwimmen, ab und an hat er eine Affäre, doch meist verbringt er die Abende in seiner Tokioter Wohnung, in der drei Platten herumstehen: Die von Barry Manilow und den Pet Shop Boys hat seine Schwester dort vergessen; die Einspielung von Franz Liszts Klavierstücken „Années de pèlerinage“ („Pilgerjahre“) hat ein früherer Freund namens Haida ihm dagelassen. Dieser Mann ist ebenfalls urplötzlich aus Tazakis Leben verschwunden.

In einem gradlinigen Stil erzählt Murakami die klassische Geschichte, wie ein Mensch nach einer Enttäuschung Vertrauen in sich und das Leben zurückgewinnt. Ganz ohne fantastische Elemente geht das allerdings auch in diesem Buch nicht ab. Haida etwa erzählt Tsukuru von der Begegnung mit einem geheimnisvollen Jazzpianisten, der bald sterben wird; es sei denn, er findet jemanden, der für ihn in den Tod geht.

Das Leben ist mehr als das, was wir im Alltag sehen und rational erfassen - auch darum geht es in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. In vielen Romanen des Japaners tauchen die Helden in rational nicht schlüssige Abenteuer und in fantastische Welten ab. Das Erfolgsbuch „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ etwa handelt von einem Mann, der in einen Datenkrieg verstrickt ist und an zwei Orten zugleich lebt: in Tokio und in einem Fantasie-Reich.

Mit seinen rund zwei Dutzend Büchern in Deutschland veröffentlichten Büchern ist Murakami hierzulande der mit Abstand bekannteste japanische Autor. Allein sein Roman „Gefährliche Geliebte“, auf deutsch im Jahr 2000 erschienen, wurde hier rund 800 000-Mal verkauft. Der Autor, der sich für westliche Philosophie und Kultur interessiert, der Jazz liebt und Pop mag, ist literarisch vom Westen beeinflusst. Das prägt seinen Stil und macht seine Bücher für Leser in Deutschland leicht zugänglich.

Seit 1979, als er von einer Literaturzeitschrift gewürdigt wurde, hat der Japaner zahlreiche Auszeichnungen erhalten - darunter den Franz-Kafka- und den Jerusalem-Preis. Seit einigen Jahren gilt Murakami als einer der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Schwer einzuschätzen, ob die Schwedische Akademie ihn in absehbarer Zeit tatsächlich damit ehren wird. Dem Leser kann das letztlich egal sein: Verlässlich schreibt Murakami bittersüße, leicht melancholische Geschichten, die man - einmal begonnen - in einem Rutsch zu Ende lesen will. In seinem aktuellen Buch übertreibt es der Japaner etwas mit der Symbolik (Bahnhof! Abfahren! Ankommen!). Dennoch freut sich der Leser, dass Tsukuru Tazaki tatsächlich irgendwann sein Herz entdeckt.

Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont. 318 Seiten, 22,99 Euro.

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