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Kultur Günter Grass liest aus seinen umstrittensten Texten
Nachrichten Kultur Günter Grass liest aus seinen umstrittensten Texten
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00:15 10.04.2013
Von Jutta Rinas
Günter Grass im Kloster Rehburg-Loccum während seiner Lesung. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Der Schriftsteller Max Frisch hat einmal in einem Essay die herausragenden Redner-Qualitäten seines Schriftstellerkollegen Günter Grass beschrieben. 1965 war das – Frisch war damals 54, Grass gerade einmal 38 Jahre alt. Der ältere Autor lobte an dem jüngeren seine Fähigkeit, selbst aus monologischen Vorträgen noch eine Art Dialog mit dem Publikum zu machen. Grass sei einer, der vierzig Minuten lang ununterbrochen das Wort haben könne – und seinen Zuhörern trotzdem das Gefühl vermittle, mit ihnen im Kontakt, im Gespräch zu stehen. Der Grund? Der Dichter suggeriere auf einzigartige Weise, dass er spontan auf die Gedanken und Gefühle der Menschen im Saal antworte. Dabei entstünden jene Gedanken und Gefühle oft erst durch und im Verlauf seiner Rede.

Man kann die Faszination, die von Grass’schen Lesungen so oft ausgeht, wohl kaum besser in Worte fassen. Mit was für einer enormen kommunikativen Kompetenz der mittlerweile 85-jährige Schriftsteller sein Publikum immer noch in den Bann ziehen kann, konnte man jetzt bei einer bis auf den letzten Platz besetzten Lesung in der Loccumer Klosterkirche anlässlich des Jubiläums zum 850-jährigen Bestehen des Klosters erleben. Schlangen von Besuchern, die einen guten Platz ergattern wollten, hatten sich schon eine Dreiviertelstunde vor Beginn gebildet. Mit Blitzlichtgewittern und einem so gewaltigen Andrang beim Büchersignieren, dass Organisationskräfte wiederholt um Abstand baten, um dem Autor wenigstens ein bisschen Luft zum Atmen zu lassen, endete das Ganze.

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Bekannt war, dass Grass Passagen aus dem wohl am heftigsten diskutierten Buch der vergangenen Jahre, „Beim Häuten der Zwiebel“, lesen würde, jenem Buch also, in dem Grass seine Mitgliedschaft als Jugendlicher bei der Waffen-SS bekennt. Erst im Verlauf des Abends wurde deutlich, dass Grass auch den zweiten jener beiden Texte thematisieren würde, die das Bild von ihm als moralischer Instanz in Nachkriegsdeutschland nachhaltig erschüttert haben: das israelkritische Gedicht „Was gesagt werden muss“ von 2012, das ihm ein Einreiseverbot nach Israel und sogar den Vorwurf des Antisemitismus eintrug.

War Grass beim Schreiben jener Sätze über sich und die Waffen-SS klar, was für einen Debattensturm er damit auf der ganzen Welt auslösen würde? Warum kam das Eingeständnis so spät – und hatte die weltweite Empörung nicht damit zu tun, dass es viel zu spät kam? Der frühere NDR-Kulturchef Hanjo Kesting stellte zu Beginn des Abends, der in mehrere Leseblöcke und dazwischengeschobene Gespräche unterteilt war, genau jene Fragen, die sich zwangsläufig mit der Rezeptionsgeschichte dieses Textes verbinden. Grass’ Antworten enthielten wenig Erhellendes, Neues. Bärbeißig und angriffslustig, so wie man ihn kennt, attackierte er das „Ausmaß von Infamie“, mit dem die „FAZ“ seine Sätze über die Waffen-SS falsch zitiert habe: Aus der Schilderung des Werdegangs eines jungen Menschen in der NS-Zeit habe man mithilfe des Reizwortes „Waffen-SS“ eine Kampagne gemacht. Außerdem habe er mit einzelnen Personen, beispielsweise dem Verleger Klaus Wagenbach, schon Ende der sechziger Jahre über das Thema gesprochen.

Dann begann er zu lesen – und in der Kirche wurde es stiller, je mehr er sich jener gerade einmal zwei Seiten langen Passage über die Waffen-SS näherte. Wie würde Grass diese Stelle lesen? Bekenntnishaft? Eher dozierend, distanziert? Grass’ Lesung zeigte, dass er die Fragen, die sich um das Thema Waffen-SS drehen, mithilfe seiner Texte viel differenzierter, viel wahrhaftiger als im Gespräch beantworten kann. Der 85-Jährige, dem man beim Laufen das hohe Alter anmerkt, der (immerhin über weite Strecken stehend am Rednerpult) als wortgewaltiger Redner viele jüngere Autoren aber immer noch übertrifft, nimmt sich hier deutlich zurück. Keine übertriebene Betonung, keine Tempo- oder Dynamikwechsel lenken vom Inhalt ab. Klarheit und Schlichtheit charakterisieren seinen Vortrag, als er beschreibt, wie dem jungen Grass beim Anblick des „doppelten S“ in seinem Marschbefehl kein Schrecken anzumerken ist, wie der Erwachsene „das Wort und den Doppelbuchstaben“ jahrzehntelang aus „nachwachsender Scham“ verschweigt, und wie der alte Mann mit dieser Mitverantwortung für die „restlichen Jahre“ leben muss.

Bewegend ist es zu hören, als Grass gegenüber Kesting im Gespräch leise zugibt, wie sehr ihn der Vorwurf des Antisemitismus nach der Veröffentlichung von „Was gesagt werden muss“ traf. Dennoch: An diesem Abend ist es Grass’ größte Stärke, die eigenen Texte sprechen zu lassen. In dem Kapitel „Er hieß Wirtunsowasnicht“ aus dem „Zwiebel“-Buch erfährt man etwas über die Schuldgefühle, die der junge Grass hat, als er einen Kameraden, der sich beim Arbeitsdienst weigert, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, verspottet, statt ihm zu helfen. Das damalige Schweigen wird später zum Impuls, Missstände umso unerbittlicher anzuprangern, notfalls als „Splitter im Auge“ Deutschlands, wie es in dem danach gelesenen Gedicht „Trotz allem“ heißt. Grass rezitiert sein Poem „Guter Rat“, in dem Max Frisch ihm rät, er solle im Alter zornig bleiben statt weise zu werden. Danach liest der Schriftsteller „Europas Schande“ über die Griechenlandkrise. Hier zeigt sich die einzige Schwäche des Abends. Jede Analyse des problematischen Gedichtes unterbleibt. Stattdessen: Zwischenapplaus, vielfältig interpretierbar. Dennoch: Man hat am Ende das Gefühl, mehr über den Dichter Günter Grass erfahren zu haben, als manches Mal zuvor.