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Kultur Günter Grass zeigt sich streitlustig bei „Herrenhäuser Gesprächen“
Nachrichten Kultur Günter Grass zeigt sich streitlustig bei „Herrenhäuser Gesprächen“
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20:07 21.01.2011
Von Jutta Rinas
Der mittlerweile 83-jährige Schriftsteller und Nobelpreis­träger Günter Grass bei den „Herrenhäuser Gesprächen“ in Hannover. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Günter Grass ist mittlerweile 83 Jahre alt – und als der so wortgewaltige Schriftsteller an diesem Abend bei den „Herrenhäuser Gesprächen“ in gebeugtem Gang auf die Bühne kommt und beim Hinsetzen in seinem Sessel auf dem Podium der „Schlossküche Herrenhausen“ fast zu versinken droht, sind die Anzeichen des Alters kaum zu übersehen.

Das ändert sich schlagartig, als G. G., wie manche ihn abkürzend nennen, zu sprechen beginnt. Mal leidenschaftlich, dann wieder schroff, aber fast immer im Ton des Anklägers formuliert er seine Grundsätze. Und gleich seine ersten Redebeiträge zum Thema „Soziale Gerechtigkeit – Utopie oder Garantie“ zeigen, dass er in Streitlaune ist. „Wie konnte es dazu kommen, dass in einem so reichen Land wie unserem der soziale Konsens aufgekündigt wurde?“, schimpft er – und macht Günstlingswirtschaft von Politikern mit Lobbyisten dafür verantwortlich.

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Selbst in der Verfassung festgelegte Gerechtigkeitsgrundsätze hielten der Wirklichkeit nicht mehr stand, poltert er, kommt vom Zweiklassensystem im Gesundheitswesen auf ungerechte Abfindungen für Bankdirektoren und hat plötzlich die Wissenschaft als Feindbild im Visier. „Wo bleibt ihr Soziologen?“, donnert er in einer Runde, in der außer ihm nur Wissenschaftler sitzen. „Wo seid ihr, wenn in endlosen Quasselrunden im Fernsehen alles wegrelativiert wird oder Politiker wie der Nochaußenminister in eingeübtem Zynismus über die Nöte der Menschen hinwegreden?“

Es gehört zur Tragik des Abends, dass die so attackierten Forscher kaum Mittel finden, um den eher pauschalen Polemiken des Literaturnobelpreisträgers Einhalt zu gebieten. Ein ums andere Mal arbeiten sie sich an Grass’ Vorwürfen über den vermeintlichen Verfall ihres Berufsstandes ab („Wo bleiben die Habermase der Republik?“ – O-Ton Grass) statt die Fragestellung des Abends „Was ist sozial gerecht?“ in den Blick zu nehmen.

Das ist umso erstaunlicher, weil allein das von Moderator Stephan Lohr von NDR Kultur ins Spiel gebrachte, gerade auf Deutsch erschienene Buch „Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ der britischen So­zialwissenschaftler Kate Pickett und Richard Wilkinson genug Thesen böte, um solche Fragen fundiert zu diskutieren.

Stattdessen lässt sich der Soziologe Stefan Liebig von der Universität Bielefeld zu so blassen Formulierungen wie der hinreißen, dass seine Disziplin die Frage, was gerecht sei, gar nicht beantworten könne. Sie könne nur sagen, was Menschen als gerecht ansehen. Liebig muss sich daraufhin von der Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, anhören, dass sie nicht verstehe, wie Liebig objektive Ungerechtigkeiten wie die ungleichen Bildungschancen von Kindern so kleinreden könne.

Allmendinger ist die Einzige, die Grass Paroli bieten kann, indem sie immer wieder konkrete Vorschläge ins Spiel bringt, wie die Sozialsysteme reformiert werden müssten. Als sie gefragt wird, warum wissenschaftliche Erkenntnisse in der Gesellschaft so wenig Spuren hinterließen, greift sie zum Schluss sogar die Zuhörer an. Auch in Runden wie dieser werde Wissenschaft oft nur konsumiert, statt dass man konkrete Handlungsansätze aus ihr ableite. Nach einer Schrecksekunde im Publikum gibt es dafür großen Applaus.

Das Gespräch ist am 23. Januar von 20 Uhr an auf NDR Kultur zu hören.

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