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20:03 18.05.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Der Konsul war gar kein Konsul? Günther Harder, Wolf List, Henning Hartmann und Beatrice Frey denken spielend über das Spiel nach. Foto: Karl-Bernd Karwasz Quelle: Karl-Bernd Karwasz
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Hannover

Wie ist es, ein anderer zu sein? Was macht es mit einem, wenn man eine Maske aufsetzt? Wie färben Rollen auf den ab, der sie spielt? Solche Fragen, solche Theaterfragen, hat sich auch Günter Wallraff gestellt. Der Schriftsteller hat falsche Identitäten angenommen, er hat als „Bild“-Reporter Hans Esser vier Monate für den Lokalteil der „Bild“-Zeitung in Hannover gearbeitet, als türkischer Gastarbeiter war er bei verschiedenen Unternehmen tätig, und er hat sich Gesicht und Hände dunkel geschminkt, um so als Somalier in Deutschland unterwegs sein zu können. Im Grunde ist er ein Theatermann: Er will aufklären, Verkleidung und Rollenspiel sind seine Werkzeuge dafür, sein Material ist die Wirklichkeit.

Das Staatsschauspiel Hannover zeigt auf der Cumberlandschen Bühne das Stück „Wir sind Günter Wallfraff“.

Regisseur Alexander Eisenach hat zusammen mit seinem Ensemble aus Texten von Wallraff und anderen Autoren einen bunten Wallraff-Abend für die Cumberlandsche Bühne zusammengestellt. Es ist auch eine Reise in eine andere Zeit und eine andere Welt. Staunend und lachend untersuchen die Schauspieler etwas, das früher sehr wichtig war: Kritik. Ach ja, da war doch mal was.

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Das Erste, was die Zuschauer auf der Bühne wirklich und nicht als Videobild zu sehen bekommen, ist das Hinterteil eines Kamermanns, der in gebückter Haltung rückwärts unter einem Vorhang hervorgekrabbelt kommt. Er filmt Beatrice Frey, die einen Wallraff-Text spricht. Ist dieser Po-Auftritt eine witzige Eröffnung, oder schlicht ein Versehen? Wahrscheinlich ist es gar nicht böse gemeint. Man spielt halt herum mit Versatzstücken und mit alten Texten und alten Ideen. Da kann so etwas schon mal passieren. Es ist nicht weiter wichtig. Wie vieles.

Die Bühne für Wallraffs Welt (eingerichtet von Lena Schmidt) besteht aus drei Segmenten, links ein Beichtstuhl, daneben zwei Kästen, die als Spielkammern dienen. Sie sind eher nachlässig gezimmert, über dem mittleren Kasten hängt ein ausgefranstes Bettlaken, das als Leinwand für die vielen Videos dient. Wie bei Frank Castorf an der Volksbühne selig wird in engen Räumen gespielt und das dann mit Video auf die Bühne übertragen. Neu ist das nicht. Und dann dieser ewige Theaternebel. Er brennt in den Augen. Wahrscheinlich ist Theaternebel sogar gesundheitsgefährdend. Man müsste das mal recherchieren. Vielleicht sogar undercover. Aber wer sollte das tun? Günter Wallraff ist anderweitig beschäftigt. Er ist gerade in wichtigerer Mission unterwegs. Was er genau recherchiert, will er nicht sagen. Er deutet nur an, dass es wieder um „Arbeitsunrecht“ geht.

Gestern war er im Zug in der Nähe von Hannover. Die Uraufführung von „Wir sind Wallraff“ hat er nicht gesehen. Aber das Stück interessiert ihn. Schön findet er, dass sich junge Leute mit seinen Texten auseinandersetzen. Überhaupt würden ihn die jungen Leute gerade wiederentdecken, sagt er.

Wahrscheinlich werde er irgendwann mal eine der Vorstellungen besuchen. Undercover vermutlich. Denn gerade ist er wieder mal sehr verkleidet. „Ich sehe so anders aus“, sagt er, „dass sogar meine Tochter mich nicht erkannt hat.“

Verkleidungen sind auch auf der Bühne wichtig. Gegen Ende spielen die Schauspieler (Beatrice Frey, Günther Harder, Henning Hartmann und Wolf List) ein paar zentrale Szenen aus Ibsens „Stützen der Gesellschaft“ nach. Auch hier geht es um Lüge und Verstellung. Zum Schluss offenbaren die Darsteller, dass sie nur undercover in dem Ibsenstück mitgewirkt haben: Der Konsul ist gar kein Konsul. Aha. Haha. Doch, das Rollenspiel im Rollenspiel war witzig.

Vieles sieht nach Studententheater aus: Wenn der frühere hannoversche „Bild“-Redaktionsleiter im Westernkostüm Zigarre raucht oder der derzeitige „Bild“-Chef Kai Diekmann dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff die Beichte abnimmt, fühlt man sich wie im Kabarett. Allerdings auch wie im guten Kabarett: Wenn Beatrice Frey im Beichtstuhl kniend den Text spricht, den Wulff vor seinem Rücktritt auf Diekmanns Anrufbeantworter hinterlassen hat („da ist jetzt der Rubikon überschritten“), wird eine alte Geschichte wieder quälend lebendig.

Auf die Frage, wie die Rollen, die man spielt, einen selbst verändern, gibt das Theater keine Antwort. Aber Günter Wallraff antwortet. „Hans Esser von der „Bild“-Zeitung, das war die größte Schmutzrolle meines Lebens“, sagt er. Und: „Als Türke Ali musste ich Giftstaub einatmen und wurde physisch geschädigt. Als Hans Esser wurde ich psychisch geschädigt.“

Weitere Vorstellungen am 22. und 29. Mai sowie am 4. und 19. Juni.

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