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Kultur Guilherme Botelho eröffnet Tanztheater International
Nachrichten Kultur Guilherme Botelho eröffnet Tanztheater International
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13:55 03.09.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Ja, wo laufen sie denn? Die Tänzer von „Alias“ bewegen sich nur von links nach rechts. Mal rennend, oft auch ganz anders. Quelle: Genoud
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Hannover

Es war eine glänzende Eröffnung, ein erstaunliches Tanzfest, eine verblüffende Seherfahrung.

Eine Stunde dauert das Stück – und zwischendurch fragt man sich öfter, ob man wirklich noch alles richtig sieht. Denn immer mal wieder kommt es einem hier so vor, als würden Tänzer, die mitten auf der Bühne stehen, langsam nach links driften. So als würden sie auf einem Fließband stehen. Aber da ist kein Fließband. Da war nur zuvor jede Menge Bewegung in die andere Richtung. So viel, dass sich das Zuschauergehirn daran gewöhnt hat und nun Stillstand für die Gegenbewegung hält. Eine Augentäuschung im Theater. Interessant.

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Guilherme Bothelos Truppe bietet viel fürs Auge. Zwölf Tänzer (zur Premiere in Genf vor einem Jahr sollen es 14 gewesen sein) treten auf. Und zwar – wie sich das im traditionellen Theaterbetrieb gehört – von links. Dann laufen, gehen, rutschen, kugeln, kullern, rollen, stürzen und wirbeln sie über die Bühne nach rechts, wo sie eiligst abgehen, um hinter der Bühne wieder an die linke Seite zu eilen, wo sie dann gleich wieder auftauchen. Mit ziemlicher Sicherheit kann man behaupten, dass es kein anderes Theaterstück auf der Welt gibt, das so viele Auf- und Abgänge präsentiert. Das atemberaubende Spektakel verwischt die Grenzen der Genres: Ist es Theater? Tanz? Soziale Skulptur? Oder gar Sport? Auf jeden Fall ist es sehr unterhaltsam.

Die Tänzer zeigen eine Art Entwicklung. Das kann man als Lebensgeschichte – vom Kind zum Erwachsenen, zum Greis – sehen, muss man aber nicht. Man kann auch versuchen, dieses Theater als Schrift zu lesen, von links nach rechts. Oder als Partitur, schließlich treten die Tänzer auf ihren Auftritts- und Abgangslinien mal weiter vorn, mal weiter hinten auf – zweidimensional gesehen entsteht so eine Art Notenblatt. Wobei diese Musik wohl anders klänge als der düstere Klangteppich von Murcof (Fernando Corona), der dem Wandertheater unterlegt ist.

Wenn man dem Choreografen etwas vorwerfen wollte, könnte man sein Stück Exerziertheater nennen. Doch das wäre ungerecht, denn Genauigkeit der Bewegung, Exaktheit des Timings, Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv sind ja nicht unüblich im zeitgenössischen Tanztheater. Außerdem muss man ihm auch nichts vorwerfen, denn sein Stück unterhält bestens (oder könnte gerade das der Vorwurf sein?)

„Sideways Rain“ ist ein großer künstlerischer Wurf. Vielleicht ist es nicht schwer, auf die Idee zu kommen, Tänzer immer von links nach rechts laufen zu lassen; die Leistung besteht darin, das umzusetzen, durchzuhalten und ins Extrem zu steigern. Botelhos Compagnie präsentiert erfrischend anderes Tanztheater. Weit jenseits der bekannten Tanztheatergeschichten von Masse und Individuum, Stillstand und Bewegung, Anziehung und Abstoßung präsentiert „Alias“ etwas sehr Eigenes, Energiegeladenes und Verstörendes. Ein wunderbarer Festivalauftakt.

Am Sonnabend bei Tanztheater International: „Alpha Boys“ von Club Guy & Roni um 20 Uhr in der Orangerie Herrenhausen. Am Sonntag zeigen Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen ihre Produktion „Betrügen“ um 20 Uhr im Ballhof 1. Karten: (05 11) 16 84 12 22.