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Kultur Leichen im Fernsehturm
Nachrichten Kultur Leichen im Fernsehturm
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00:15 22.06.2014
Von Johanna Di Blasi
Faszination bis in den Tod: Der Plastinator Gunther von Hagens möchte sich mit seinen Leichen im Berliner Fernsehturm am Alex verewigen lassen.  Quelle: Axel Heimken
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Berlin

Ausgerechnet im Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz möchte sich der „Plastinator“ mit seinen Leichen verewigen. Das „höchste Bauwerk Deutschlands“ sei gerade recht für sein Museum, meint der schwer an Parkinson erkrankte Leichenbastler.

Von Hagens begnügt sich nicht mit Attrappen, sondern stellt echte enthäutete Verstorbene zur Schau, in die er unheimliche Lebendigkeit hineinknetet. Seine Toten sitzen auf dem Fahrrad, hängen wie Christus am Kreuz oder sehen aus, als wären sie beim Tantrasex für alle Ewigkeit plastiniert worden.

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Voraussichtlich bereits ab Herbst 2014 könnten rund 200 Ausstellungsstücke - Ganzkörperplastinate, isolierte Organe und salamiartige Humanscheiben - im Sockelgebäude des Fernsehturms zur Touristen-Attraktion werden. In dem Museum in Berlin möchte von Hagens außerdem die Leichenkonservierungsmethode dokumentieren, die er 1977 an der Universität Heidelberg entwickelte.

Seit 1996 gibt es die Wanderausstellung "Körperwelten". Sie zeigt plastinierte, zum Großteil menschliche Körper in Alltagssituationen. Seit 2009 ist die Ausstellung des Plastinators Gunther von Hagens in aller Munde. Im Februar 2015 eröffnete das "Körperwelten"-Museum im Fernsehturm am Alex.

Der 368 Meter hohe Turm, der für hochfliegende moderne Utopien steht und ein Paradebau der untergegangenen DDR ist, würde durch von Hagens gewissermaßen zum Funkturm der Toten.

Mit dem „Menschen Museum in Berlin“ erfüllt sich der Plastinator nach eigenen Angaben „einen langgehegten Traum“. Für viele Anrainer aber ist es eher ein Alptraum. Ihnen graut es vor der „toten Ecke“, in die sich ihr Quartier zu verwandeln droht. Besonders erbittert protestieren die Kirchen. In der benachbarten Marienkirche, die ein mehrere Meter großes Totentanzfresko aus dem Mittelalter aufzuweisen hat, findet man die geplante Leichenschau im Fernsehturm geschmack- und pietätlos.

Neben dem evangelische Bischof Markus Dröge verurteilt auch der katholische Weihbischof Matthias Heinrich von Hagens Leichenkult scharf. Verstorbene würden ihrer Identität beraubt und als Kassenschlager genutzt. „Zu reißerisch und kommerziell“ findet sogar Burkhard Kieker von der Tourismusgesellschaft „Visit Berlin“ die Plastinate-Show. Es sei eine schlechte Visitenkarte für Berlins Zentrum. Manche Zyniker meinen indes, toter könne die scheinlebendige Ecke am Alex ohnedies nicht mehr werden.

Ein abgebrochener Medizinstudent, der auf Bike Taxis umgesattelt ist und im Schatten des Fernsehturms auf Kundschaft wartet, sah die „Körperwelten“-Schau in Mannheim und fand sie „grauenhaft“. „Diese Art der Volksbelustigung ist fast schon Forum Romanum. Das ist kein anständiger Spaß“, pflichtet ihm sein Kollege bei. „Unten Gastronomie, oben Leichengeschäft. Das passt nicht zusammen“, sorgt sich der überarbeitet aussehende Kellner vom Lounge-Restaurant direkt unter dem geplanten Totenkabinett. Noch wirbt sein Restaurant mit „edlem Ambiente“.

Eine Filiale von „Fitness First“ mit Blick auf das entstehende Stadtschloss liegt Tür an Tür mit dem geplanten Museum. Die dortige Mannschaft, selbst vertraut mit Muskeln und Sehnen, hat interessanterweise am wenigsten Berührungsängste. „Ich finde Plastinate toll, meine Freundin findet sie doof“, sagt ein Trainer. Er hätte nichts dagegen, wenn neben schwitzenden Kunden bald schon kalte Plastinate einziehen würden.

Museumsgegner hoffen indes, dass das für Bestattungfragen zuständige Gesundheitsamt doch noch einen Strich durch von Hagens Rechnung machen könnte. Grundsätzlich müssen Tote bestattet werden. In Ausnahmefällen, etwa für medizinhistorische Ausstellungen, können Ausnahmen bewilligt werden. Von Hagens habe, obwohl er dazu aufgefordert worden sei, bislang aber noch keinen Antrag gestellt, heißt es aus dem Rathaus.

Eine Umbaubewilligung für die 1200 Quadratmeter großen Räume im ersten Stock des Sockelpavillons hat der Plastinator bereits in der Tasche. Das Bau- und Stadtentwicklungsamt sah keinen Grund, gegen die „private Aktivität“ Einspruch zu erheben. Inzwischen haben auch schon angehende Bühnenbildner der TU Berlin mögliche Ausstellungskonzepte erarbeitet. „Für uns war es eine große Herausforderung mit einem so erfolgreichen und gleichzeitig streitbaren Partner zusammenzuarbeiten“, sagt Dozent Tobias Kunz.

Im Internet bewirbt von Hagens sein makabres Museum mit einem Varieté-Bild: Aus einem roten Samtvorhang ragt kokett eine Skeletthand hervor. Der Werbetext preist den Plastinator als „einen der herausragenden Wissenschaftler unserer Zeit“, der die Anatomie „demokratisiert“ habe. Gerade den wissenschaftlichen Anspruch aber bezweifeln seine Kritiker, zumal in dem Berliner Museum angeblich auch Leichenteile verkauft werden sollen.

Nach seinem Ableben möchte sich auch Dr. Tod konservieren lassen. Er weiß auch schon, in welcher Pose: „Ich möchte gerne am Eingang in der Begrüßungspose stehen“. Rund 1,3 Millionen Gäste besuchen den Fernsehturm jährlich. Touristen, die künftig den Eingang zum Panoramarestaurant verpassen, könnten einem gruseliger Grüßaugust in die Arme laufen.

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