Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur HAZ-Interview mit Tommy Lee Jones
Nachrichten Kultur HAZ-Interview mit Tommy Lee Jones
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:36 22.09.2012
Von Stefan Stosch
„Was meinen Sie mit nervös?“: Tommy Lee Jones. Quelle: dpa
Berlin

Die erste Frage stellt der, der interviewt werden soll. Kaum hat Tommy Lee Jones in der Berliner Hotelsuite Platz genommen, deutet er auf das Mikrofon auf dem Tisch: „Das ist ein Mikrofon, richtig?“ Komische Frage. Zitiert Jones gerade seinen Agenten K aus „Men in Black“, der berufsbedingt auf Technik-Schnickschnack aller Art steht? Allerdings klang die Frage eher nach dem beinharten U. S. Marshal aus „Auf der Flucht“ (1993), der jeden Schachzug seines Gegners Harrison Ford vorausahnen muss. Also gut, ein kleiner Scherz zur Auflockerung: Ja, ein Mikrofon - kann man aber auch als Rasierapparat benutzen.

Jones verzieht keine Miene. So kennt man ihn: Jones, das Steingesicht. „Ist aber keine Kamera drin, richtig?“ Ach so, ein Hollywoodstar hat Angst vor unautorisierten Videos, die im Netz auftauchen könnten. Wenn man so lange im Geschäft ist wie der 66-Jährige, hat man wohl schon einiges erlebt. Seinen ersten Kinoauftritt hatte Jones 1970 in dem Melodram „Love Story“. Bald stieg er in Hollywoods A-Liga auf - und da ist bis heute sein Platz. So etwas schaffen nicht viele über einen so langen Zeitraum.

Nun spielt er auch noch in einer Alltagskomödie. In „Wie beim ersten Mal“ gibt er einen altgedienten Ehemann, dessen Gattin (Meryl Streep) die ermüdete Beziehung partout per Paartherapie reaktivieren will. Wie hilfreich sind denn nun Therapeuten beim Retten von Ehen, Mr Jones? „Da kenne ich mich nicht aus. Therapien sind nicht mein Geschäft, ich bin ein Kinomann. Ich habe auch keine Bücher über Paartherapie gelesen.“

Erstaunliche Antwort. Sonst betonen Schauspieler immer gern, wie toll sie recherchiert haben für ihre Rollen. Dann eben ganz persönlich gefragt: Sie sind jetzt zum dritten Mal verheiratet. Ihre Ehe mit Dawn Maria Laurel hält seit 2001. Haben Sie einen Tipp für eine gute Ehe parat? „Habe ich nicht. Und meine Ehe geht Sie gar nichts an.“

Da hat er recht. Aber dann schiebt Jones doch noch einen sachdienlichen Hinweis nach: „Paare, die ein gemeinsames Leben führen, sollten erst mal ein eigenes Leben gehabt haben. Es ist hilfreich, erst mal zu wissen, wer man ist, bevor man sich in eine Beziehung begibt.“ Na bitte. Schöner hätte das ein Therapeut auch nicht sagen können.

Hat sich Ihre Ansicht über die Ehe verändert im Laufe der Jahre? „Ja. Genau zweimal.“ Da ist ja endlich der ansatzlose Humor, der Tommy Lee Jones auch auf der Leinwand auszeichnet. Hat er nicht eben sogar gelächelt, sodass die Furchen in seinem Gesicht noch etwas schärfere Konturen annahmen? Nun legt er eine Pause ein. Kein weiteres Wort kommt über seine Lippen. Ein Mann sagt eben nicht mehr, als er sagen muss.

Was hat Sie denn an Ihrem neuen Film interessiert? „Er bot die Chance auszuloten, wie komisch normale Leute bei der Bewältigung normaler Probleme sein können. Das schien mir unterhaltsam. Außerdem konnte ich endlich mal mit Meryl Streep arbeiten.“ Und wie war es mit Streep? „Jeder Tag ein Genuss.“

Pause.

Und die Liebesszenen? „Wir haben unsere Zeilen gelernt, herausgefunden, wo die Kamera steht, und dann haben wir das Ganze ein paarmal geprobt und das Beste draus gemacht. So, wie der Regisseur das wollte.“

Pause.

Waren Sie nervös? „Nein“, sagt Jones, beugt sich in seinem dunklen Anzug mit dem weißen Hemd und der lila gepunkteten Krawatte vor und nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse. Die kleine Bewegung sieht unglaublich cool aus. Wie macht er das? Genauso cool hätte er das auch als Westernheld in „The Missing“ (2003) oder „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (2005) tun können. Nur eben am Lagerfeuer, natürlich ohne schicken Anzug, dafür mit Metallbecher, und hinter ihm hätte sein Pferd gewiehert. Auf Pferden sitzt Jones gern. Auch privat. Er spielt leidenschaftlich gern Polo.

Jetzt kommt doch noch eine Reaktion von der anderen Tischseite: „Was verstehen Sie denn unter nervös? Handzittern, Schlaflosigkeit, so was?“ Genau. „Nein, kenne ich nicht. Nervosität gehört nicht zum Job eines Schauspielers. Ich habe im Alter von 16 Jahren mit der Schauspielerei begonnen und immer hart gearbeitet, um mehr zu lernen.“

Okay, zurück zur Schauspielerei: Der Job eines Darstellers im Actionfach hat sich enorm gewandelt. Finden Sie es gut, dass CGI - also Bilder aus dem Computer - heute so eine große Rolle spielen im Kino? „Ich finde CGI gut. Mich interessieren die Ergebnisse, nicht der Prozess dahin. CGI wird immer ausgefeilter. Und auch wenn man vor einer Green Screen steht und nicht sieht, gegen wen man kämpft: Phantasie wird man immer brauchen.“

Macht ihnen die Schauspielerei denn immer noch Spaß? „Natürlich, sonst würde ich es nicht tun. Ich liebe es, Filme zu machen.“ Keine Ahnung, wie oft er diesen Satz schon gesagt haben mag. Das Komische ist: Er klingt glaubhaft. Die Pressedame hinten auf dem Sofa hat schon signalisiert: fünf Minuten noch. Jetzt schnell was Politisches nachschieben: Jones hat an der Havard-Uni Anglistik studiert und ein gemeinsames Zimmer mit Al Gore bewohnt. Er machte für den späteren US-Vizepräsidenten Wahlkampf. Könnte er sich vorstellen, selbst Politiker zu werden? „Nein, zu viel Arbeit.“

Pause.

Dann: „Ich habe mich damals für Al Gore engagiert, weil er mein Freund ist und mich darum gebeten hat. Aber ich hatte keinen Zweifel, dass er der beste Mann für den Job ist, und das glaube ich immer noch.“

Die Zeit ist um. Man hat jetzt ein bisschen besser verstanden, wieso Tommy Lee Jones in seinen Rollen immer so geradlinig wirkt. Der Mann ist so geradlinig. Vermutlich auch in einer seiner nächsten Rollen in Steven Spielbergs Präsidentendrama „Lincoln“. Da spielt er Thaddeus Stevens, einen radikalen Rechtsanwalt, damals bekannt für die Verteidigung geflohener Sklaven.

Aber jetzt verabschiedet sich Tommy Lee Jones erst einmal mit festem Händedruck: „Thank you, Sir“, sagt er formvollendet. Ja, vielen Dank für das Gespräch. Und auch für die Pausen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur „Von Katz und Maus und mea culpa“ - Günter Grass und die Religion

Günter Grass, wie hältst du's mit der Religion? Der Nobelpreisträger hat sich schon früh losgesagt, doch christliche Motive ziehen sich durch sein ganzes Werk. Man kann sogar Gottesdienste mit Grass-Texten gestalten. Evangelische zumindest.

24.09.2012

Ein Begriff macht Karriere als polemische Formel im Meinungskampf: Man erklärt etwas zum Tabu, um gehört zu werden, wenn man darüber spricht. Und nun kommt das Wort sogar ins Museum.

21.09.2012

Nach neun Jahren, Millionen Euro und viel Zank und Streit ist es soweit: Das Stedelijk Museum für moderne Kunst in Amsterdam wird wieder eröffnet. Die Stadt hat eine neue Attraktion.

21.09.2012