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Kultur Kutten, Kerle, Kreischgitarren
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15:48 21.06.2015
Von Uwe Janssen
Das Teufelszeichen gehört zu ACDC-Konzerten einfach dazu. Quelle: dpa
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Hannover

Auf dem Schulhof waren sie die Gefährlichen. Sie trugen Mopedjoppe, darüber eine ärmellose, fransende Jeansjacke. Und dem bevorzugten Gesichtsausdruck nach hatten sie die Ärmel nicht abgeschnitten, sondern einfach abgebissen. Hinten auf der Jacke prangte ein unübersehbarer, wenn auch stets zu großer Aufnäher: AC/DC, der die kleine „HSV“-Raute fast von der Jacke drängte. Für Großstädte mag so ein Grüppchen ein Pausenhofgetto von vielen gewesen sein. Für einen ostfriesischen Schulhof der Siebzigerjahre verströmte das ein Höchstmaß an Coolness. Harte Jungs. Manche von ihnen hatten AC/DC schon live gesehen, besser gesagt, sie hatten das Konzert überlebt, aber auch nur wegen der Kluft, gerissene Jeans über Leder. Eine Art Uniform also. Wer ohne anreiste, musste komplett lebensmüde sein.

Die Musik von AC/DC konnte mit dieser schillernden Fan-Aura eigentlich nicht ganz Schritt halten. Bluesgetränkter Rock ‘n’  Roll, meist mittelschnell, kreischende Soli und ein Sänger, der jeden Morgen mit Heftzwecken in Strohrum zu gurgeln schien. Hardrock hieß das damals, und es war schon das Böseste im Plattenregal, weil der noch bösere Heavy Metal seine vielen sportlichen Spielarten seinerzeit noch nicht ausgespuckt hatte.

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Wenn der Hamburger Sportverein am Wochenende gewonnen hatte, kamen die Kuttenträger abends in unsere Dorfdisko, breiteten ungefragt die Vereinsfahne auf der Tanzfläche aus, und sangen kniend und kopfschüttelnd „T.N.T.“ mit, so gut es der Alkoholpegel erlaubte. „T.N.T.“ war in der Disko ohnehin ein Hit, vielleicht weil das strophenbegleitende „Hoi! Hoi!Hoi!!“ für uns Landeier wie ein vertrautes „Heu!Heu!Heu!“ klang.

Männer mit Plastikhörnern auf dem Kopf

Der andere große Hit war „Highway to Hell“. AC/DC war erkennbar nicht das philosophische Quintett, die Männer setzten sich Plastikhörner auf und grinsten diabolisch, so gut es wiederum ihr Pegel zuließ. Einer spielte in einer Schuluniform wie aus einem Sofakissen gefertigt. Na ja, das wird er schon bleiben lassen, wenn er älter wird. Dachten wir. Der Sänger sang wirklich erstaunlich. Bis er irgendwann eine Zechtour nicht überlebte. Ein Rock-’n’-Roll-Ende, auch wenn nie ganz geklärt wurde, ob Bon Scott in dieser kalten Februarnacht auf dem Rücksitz des R5 nicht doch erfroren war. Jedenfalls hatte die Band jetzt auch für uns Nichtkuttenträger eine Aura. Umso mehr, als der Tod des Sängers, in den meisten Fällen auch der Tod der Band, weder die Kapelle, noch die Band zum Aufhören bringen konnte. Der neue Sänger sah noch trinkfester aus, er machte den Mund auf – Heftzweckensound, alles klar, weitermachen.

Und zurück in die Hölle. Mit „Hells Bells“ und dem Album „Back in Black“ erklärte die Band 1980 ihre eigene Unsterblichkeit. Wer die LP nicht hatte, bekam sie für die Kassettenaufnahme geliehen. Und die Kuttenträger auf dem Schulhof waren plötzlich beliebter als ihnen recht war.

Dass sich die nächsten 35 Jahre nichts Wesentliches ändern sollte, konnte niemand ahnen. Außer in Ostfriesland natürlich.

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