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Kultur Schuld sind die anderen
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08:29 13.08.2013
Fiasko in Miniatur: Ein kleiner Bauarbeiter aus Plastik vor dem Logo des Flughafens Berlin Brandenburg. Quelle: dpa
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Berlin

Von ganz oben schaut der im Mai 2012 geschasste Architekt Meinhard von Gerkan auf das BER-Fiasko. Sein Fazit: Der Flughafen musste scheitern – an organisierter Verantwortungslosigkeit, einer aufgeblähten Verwaltung, einer ahnungslosen, dafür aber umso anspruchsvolleren Politik. Das alles trug zu einem geschlossenen System bei, in dem alle nicht nur nach außen, sondern vor allem untereinander jedes Wissen zu verbergen suchten. Die „Black Box BER“ nennt es Gerkan. Schuld sind in diesem System immer die anderen. Das gilt nicht nur am BER, schreibt Gerkan. Bei der Hamburger Elbphilharmonie und bei Stuttgart 21 sei das Prinzip dasselbe, und neu ist es ebenfalls nicht: Das Opernhaus von Sydney wurde acht Jahre später als geplant fertig und kostete das 14-fache des ursprünglich Veranschlagten; das Internationale Congress Centrum (ICC) in Berlin wurde 1979 zwar pünktlich fertig, kostete aber das Zehnfache. „Ein öffentlicher Bauherr ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko für Architekten“, schreibt Gerkan, und: „Bei einer Katastrophe wird reflexartig immer zuerst dem Architekten die Schuld zugewiesen.“

Die Skandalberichterstattung über die aktuellen Großprojekte findet Gerkan dennoch übertrieben: Sie nehme „die Form des Selbsthasses“ an, „mit unabsehbaren Folgen für das Markenzeichen Made in Germany und die wirtschaftliche Stellung Deutschlands auf dem globalen Markt“.
Am „Schuld sind die anderen“-Spiel macht der Architekt mit seinem 160-Seiten-Band dennoch lustvoll mit. Die plötzliche Kündigung vor 15 Monaten („zeitgleich per Fax und an die Nachrichtenagenturen“) hat ihn anscheinend tief getroffen, vehement verteidigt er sein Büro und seinen Berufsstand. Gerkan sieht sich als Sündenbock. Die Kanzlerin war schon zur Eröffnungsparty eingeladen, die ersten Umzugskisten schon unterwegs, als am 8. Mai 2012 die für Anfang Juni anstehende BER-Eröffnung abgeblasen wurde. Eine Woche später war für den Aufsichtsrat klar, wer für das Desaster verantwortlich zeichnete: Das Gremium feuerte den Technikchef Manfred Körtgen und das Generalplanerteam PG BBI um Meinhard von Gerkan. Kurze Zeit später verklagte die Flughafengesellschaft die Architekten vor dem Potsdamer Landgericht wegen angeblicher Fehlplanungen auf 80 Millionen Euro Schadenersatz.

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Die Klage ruht inzwischen. Der neue, im März eingesetzte Flughafenboss Hartmut Mehdorn hat relativ rasch erkannt, dass der Rauswurf der Architekten mit ihrem Herrschaftswissen vielleicht etwas zu voreilig war. Er holte drei Mitarbeiter Gerkans wieder an Bord. Ein neuer Verhandlungstermin sei bis dato nicht anberaumt, heißt es bei Gericht.

Gerkans Wutschrift richtet sich gegen die „beratungsresistenten“, inzwischen ebenfalls längst gefeuerten Vorstände, gegen die Politiker aller Couleur, gegen die Medien. „Die Öffentlichkeit identifiziert Architektur mit Unberechenbarkeit“, schreibt er, die „Funktion der Architektur“ sei „massiv beschädigt“. Eine Grafik auf der Innenseite des Buchumschlags zeigt in signalrot, wann die 487 Änderungswünsche und Anordnungen des Bauherrn eingingen – die Mehrzahl von ihnen kam nach dem ersten Baustopp 2011: „Mit dem Baustopp ließ der Bauherr offenbar alle Hemmungen fallen.“

Von eigenen Fehlern aber steht nichts in dem Buch. Die Welt des selbstbewussten Stararchitekten ist klar geteilt: Auf der einen Seite stehen die Profis, die Sachverständigen, die Guten – auf der anderen Seite die Politik und ihre Erfüllungsgehilfen. Eröffnungstermine wurden gegen den Einspruch der Bauleitung „nach dem politischen Kalender gesetzt“.

Gerkans Architekturbüro GMP hat Hunderte von Wettbewerben, Ausschreibungen und Preisen gewonnen. GMP, das steht für Gerkan, Marg und Partner. Mit Volkwin Marg bewarb sich der Berufsanfänger Gerkan 1965 um ein ganz großes Los und erhielt prompt den Zuschlag: Die beiden bauten den neuen West-Berliner Flughafen Tegel. Ironie der Geschichte: Heute ist Gerkans Frühwerk wegen Gerkans gescheitertem Spätwerk BER so gefragt wie nie.
Tegel katapultierte den 1935 geborenen Gerkan und sein Büro in die erste Liga der Architektur. Seither hat er Hunderte von Großprojekten realisiert: von der Bielefelder Stadthalle über den Moskauer Flughafen Scheremetjewo bis zum Berliner Hauptbahnhof. In China lässt GMP  eine ganze Stadt aus dem Boden wachsen. Lingang New City in Shanghai soll bis 2020 Wohnraum für 800.000 Menschen bieten.

Auch einen Bahnhof hat GMP in China gebaut: Der Westbahnhof in Tianjin ist doppelt so groß wie der Berliner Hauptbahnhof. Er war in zweieinhalb Jahren fertig, in Berlin brauchte es 14 Jahre und heftigen Streit zwischen Bauherr und Architekten. In zwei Jahren muss der 2006 eröffnete Bau wegen schwerwiegender Mängel über Monate saniert werden.

Ohne Freiheit baut man besser: Ist das Gerkans Fazit? „Ich weigere mich, mir das vorzustellen“, schreibt der 78-Jährige. Wer sich wie er mit autokratischen Regimen auskenne, sei sensibilisiert – für Verschleierungstaktiken, die auch demokratische Bauherren anwenden.
Gerkans Buch ist eine Verteidigungsschrift für den Architektenstand. Niemand muss das dem Autor so abkaufen; seine Analysen des politisch gesteuerten Missmanagements aber treffen den Punkt.

Torsten Gellner und Jan Sternberg

Meinhard von Gerkan: „Black Box BER“, Quadriga Verlag, 160 Seiten, 14,99 Euro.

Der Absturz

Wie konnte es soweit kommen? Wie war es möglich, dass in Berlin nun die Ruine eines nagelneuen Flughafens herumsteht? Wer hat die Schuld an dem Desaster des Flughafenneubaus? Eine Antwort darauf gibt auch Matthias Roths Buch, das in den kommenden Tagen erscheint. Es ist ein Bericht aus dem Inneren. Roth wurde als Referent in der zentralen Controllingabteilung der Berliner Flughafengesellschaft eingestellt und hat 18 Monate lang bei der Betreibergesellschaft gearbeitet.

Er berichtet darüber chronologisch – vom ersten Arbeitstag bis zur Kündigung. Das Problem dabei: Viel ist die ganze Zeit über nicht geschehen. Immer wieder wendet er sich an seinen Vorgesetzten, um endlich etwas zu tun zu bekommen. Es hilft nichts, der Icherzähler bleibt heillos unterfordert. Er trinkt viel Kaffee und lernt in der Cafeteria Leidensgenossen kennen, die auch nicht wissen, was genau sie hier eigentlich tun sollen, Kollegen, die wie er längst in die innere Emigration gegangen sind.

Einen Großteil seiner Arbeitskraft verwendet Roth darauf, sich überhaupt Arbeit zu beschaffen. Einmal hat er es mit einem echten Projekt zu tun. Er beschäftigt sich mit dem Risikomanagement und stolpert über die Frage, was passieren würde, wenn Air Berlin, einer der Hauptnutzer des Flughafens, Insolvenz anmelden würde. Die Frage erreicht die Vorstandsebene, wird aber abgeschmettert. „Es gibt keine Risiken“, sagen die Führungskräfte.

Der Bericht aus der Arbeitswelt nimmt stellenweise kafkaeske Züge an, ist aber recht locker geschrieben. Roth, wiewohl auch ein Mitverantwortlicher der Misere, nimmt das Missmanagement um sich herum mit Galgenhumor und Fatalismus.

Ronald Meyer-Arlt

Matthias Roth, „Der Hauptstadtflughafen. Politik und Missmanagement. Ein Insider berichtet“, zu Klampen Verlag, 176 Seiten, 13,99 Euro.

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