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Kultur Lena Dunham, die Generationen-Erklärerin
Nachrichten Kultur Lena Dunham, die Generationen-Erklärerin
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11:43 18.10.2014
Von Hannah Suppa
Früher brünett, jetzt blond: Lena Dunham probiert sich aus, und lässt die Öffentlichkeit daran teilhaben. Ein Merkmal für die „Generation Y“? Quelle: Paul Buck

„Alle abenteuerlichen Frauen haben es.“ Sie tippt den Satz, zögert, drückt dann doch auf „Tweet“. Geteilt mit der Welt, wieder was erlebt, festgehalten in der virtuellen Zeitleiste. Und wenn es bloß eine intime Nachricht über eine Geschlechtskrankheit ist. Hannah Horvath aus der TV-Serie „Girls“ teilt sich gerne mit. Oder vielmehr: Lena Dunham. Man kann zuweilen nicht so recht unterscheiden, wessen Stimme es ist: Die 28-jährige Dunham schreibt Drehbuch, führt Regie, spielt die Hauptrolle, denkt, atmet und erklärt das Jungsein. Und das Mitteilungsbedürfnis, das „Oversharing“ von zu vielen Details im Digitalen und Privaten, ist ihre Kunstform.

Nun liegt Dunhams Buch „Not that Kind of Girl“ in den deutschen Buchhandlungen, 3,5 Millionen Dollar Vorschuss hat sie dafür bekommen. Es ist ein Ratgeber für ihre Generation geworden – für die „Millennials“ oder auch „Generation Y“. Und vielleicht auch eine Anleitung für jene, die es mit Leuten zu tun haben, die um das Jahr 2000 herum volljährig wurden und den Schultag nie vergessen werden, an dem in New York die Türme einstürzten.

Drama ist das, was man posten kann

Ihnen geht es gut. So gut, dass sie die Vielzahl der Möglichkeiten überfordert, weil sie nicht gelernt haben, dass Leben heißt, sich auch einmal festzulegen. Sie halten Drama für Leben, und Drama ist das, was man posten kann. Sie machen es sich gemütlich – wohl wissend, dass sie sich nicht abschotten können vor der Welt da draußen. Wirtschaftskrise und Krieg gegen Terror gehören zu ihrem Alltag, genauso wie die fortschreitende Digitalisierung, deren Hauptakteure diese Millennials sind. Sie sind behütet aufgewachsen und bestens ausgebildet, aber sie wissen: Nichts ist sicher, schon gar nicht der Wohlstand ihrer Eltern.
Und nun sitzen sie wie die vier New Yorkerinnen in der Serie „Girls“ in miesen, überteuerten Wohnungen, hangeln sich von Job zu Job – und wollen einfach nur klarkommen im Leben. Und das Erwachsenwerden vielleicht noch ein bisschen verschieben.

Lena Dunham hat bisher eigentlich nicht viel mehr gemacht, als ihr Zwanzigsein zu verarbeiten und jedes Detail mitzuteilen. Hat ihre Angstattacken und Zwangsneurosen auf den Bildschirm gebracht. Und auch jede Speckrolle am Bauch. Ihre Art der Darstellung von Nacktheit, von ganz gewöhnlichem Sex ohne Chris-Isaak-Musik im Hintergrund, wirkte gegen all den Hollywood-Hochglanz revolutionär. „Girls“ brachte ihr Emmy-Nominierungen ein, sie erhielt 2013 zwei Golden Globes, sie wurde vom „Time Magazine“ erst zur coolsten Person des Jahres 2012 gewählt, ein Jahr später war sie unter den einflussreichsten 100. Man sagt, Dunham sei für die Millennials das, was J. D. Salinger für die Nachkriegsgeneration war und Woody Allen für die Babyboomer. Sie ist der Liebling derer, die den Mainstream verachten und doch Teil dessen sind.
„Was ich im Leben so gelernt habe“, heißt es im Untertitel zu Dunhams erstem Buch – und es mutet ziemlich kess an, wenn eine 28-Jährige behauptet, Lebensweisheiten weitergeben zu können. Und doch: Der Frau, die in einer New Yorker Künstlerfamilie aufwuchs und im Alter von acht Jahren erste Erfahrungen mit dem Schreiben und mit Panikattacken machte, hört man gern zu.

Bis zum Erlebnis-Burn-out

Dunham teilt das Leben in ihrem Buch in die Kapitel „Liebe & Sex“, „Körper“, „Freundschaft“, „Arbeit“ und „Das große Ganze“. Sie erklärt, mit wem man besser nicht in einem Bett schlafen sollte („Jeder, der dir das Gefühl gibt, du seist ein Eindringling“), und dass Verknalltsein Flucht aus Verantwortung ist („Die beste Art, mich selbst auszulöschen und so zu tun, als sei ich jemand anderes“). Sie erzählt, wie ihre Angst vor einfach allem („Entführung, Milch, U-Bahn, Schlafen“) sie nachts wach hält. Anstatt gegen die Eltern zu rebellieren, druckt sie deren Lebenstipps: „Wenn jemand nicht innerhalb von sechs Stunden auf deine E-Mail antwortet, kann er dich nicht leiden“ (Mutter) und „Es gibt keine schlechten Ideen, nur schlechte Taten“ (Vater). Dunham warnt vor Lichträubern und meint: ältere Männer, gefangen in den Zwängen des Alltags, gelangweilt, uninspiriert. „Sie wollen deine Ideen, deine Neugier, deine Lust, morgens aufzustehen und etwas Kreatives zu machen.“ Bis der Erlebnis-Burn-out kommt.

Dunham ist keine große Autorin und ihr Buch kein „Fänger im Roggen“. Sie reiht Buzzfeed-Listen aneinander, wirft Gedankenfetzen hin, springt zwischen Fließtext und Fußnoten hin und her: Man hat das Gefühl, einen langen Facebook-Chat zweier Freundinnen nachzulesen. Wirr und zuweilen auch sehr anstrengend, aber für Ko-„Millennials“ dennoch irgendwie logisch. Neue Zeiten brauchen neue Erzählformen – und Dunhams Posting-Prosa ist eine authentische Annäherung an eine Generation, die noch dabei ist, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, von dem aus sie in zehn, zwanzig Jahren mehr zu sagen haben wird.

Als die Eltern in der ersten „Girls“-Folge der erfolglosen Autorin Hannah das Geld streichen, damit sie endlich auf eigenen Beinen steht, knallt sie ihnen ihr Skript hin: „Ich bin vielleicht die Stimme meiner Generation. Oder zumindest eine Stimme irgendeiner Generation.“ Ihr müsst das jetzt lesen, sagt sie. Und bleibt so lange sitzen, bis sie fertig sind.

Buchtipp

Lena Dunham: „Not that kind of Girl. Was ich im Leben so gelernt habe“. S.-Fischer-Verlag. Deutsch von Sophie Zeitz und Tobias Schnettler. 19,99 Euro.

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