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Kultur „Halt auf freier Strecke“ berührt und bewegt
Nachrichten Kultur „Halt auf freier Strecke“ berührt und bewegt
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12:22 17.11.2011
Von Stefan Stosch
Humorvoller Kampf gegen das Vergessen: Gelbe Zettel kleben an den Köpfen von Frank Lange (Milan Peschel) und seiner Frau (Steffi Kühnert); Mika und Lili haben das angezettelt.
Humorvoller Kampf gegen das Vergessen: Gelbe Zettel kleben an den Köpfen von Frank Lange (Milan Peschel) und seiner Frau (Steffi Kühnert); Mika und Lili haben das angezettelt. Quelle: Pandora
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Hannover

Frank hat Krebs. Gehirntumor, sagt der Arzt, der ein echter Arzt ist so wie alle Ärzte in diesem Film. Und dann weiß auch der Mediziner nicht mehr viel zu sagen, obwohl er in seinem Leben wohl schon ziemlich oft so eine Diagnose hat stellen müssen. Der Arzt sitzt auf der einen Seite des Schreibtisches im Krankenhaus-Neonlicht, und Frank und seine Frau Simone sitzen auf der anderen.

Dazwischen ist viel Schweigen. Jeder Satz klingt jetzt hohl und unbeholfen. Als einmal das Telefon klingelt wegen irgendeiner Sache im Operationssaal, fühlt man sich beinahe erleichtert. Die Ratlosigkeit und Verzweiflung aber ist von nun an nicht mehr aus den Gesichtern von Frank und Simone wegzuwischen. Was die Diagnose bedeutet, werden wir in den folgenden 110 bedrückenden, seltsamerweise aber immer wieder auch tröstlichen Kinominuten erleben.

Herausoperieren kann man den Tumor nicht. Ein paar Monate bleiben dem DHL-Mitarbeiter Frank (Milan Peschel) noch – ihm, seiner Frau Simone (Steffi Kühnert), der Straßenbahnfahrerin, und den beiden Kindern Lili (Talisa Lilli Lemke) und Mika (Mika Nilson Seidel). Sie müssen mit dem Befund klarkommen – und die Zuschauer müssen es auch. Doch wenn der Film vorbei ist, dann hat man begriffen, was der so banal klingende Satz bedeutet: Der Tod gehört zum Leben dazu. Die Kunst besteht offenbar darin, das Sterben in Würde hinzubekommen.

Schon Andreas Dresens voriger Film „Wolke Neun“ hatte für Furore gesorgt. Darin ging es um Sex und Liebe im Alter. Der Film setzte aber überhaupt nicht aufs Spektakuläre, das tut auch Dresens mit kleinem Team und viel Mut zur Improvisation inszeniertes Sterbedrama nicht. Kaum einer nähert sich so einfühlsam Extremsituationen des menschlichen Alltags wie der 1963 in Gera geborene Regisseur. Kaum einer filmt so hart an der Wirklichkeit. Man könnte beinahe vergessen, dass das alles inszeniert ist.

Wir erleben, wie hart es ist, sich mit dem Tod zu arrangieren: der Schock, die Angst, die Verzweiflung, die sinnlose Wut auf alle und alles, die Suche nach jedweder Hilfe in der Not. Franks Mutter zum Beispiel kapituliert schon bald, sie kommt einmal und dann nicht wieder. Sie hält es einfach nicht aus, ihren Sohn sterben zu sehen.

So vieles muss geregelt werden: Wie sagt man es den Kindern? Wie lässt sich die Pflege zu Hause regeln? Welche Musik bestellt man zur eigenen Beerdigung? Wie verabschiedet man sich von Frank? Wie verabschiedet er sich von den anderen?
Und wie hält die Ehefrau das alles aus, die zuletzt in dem glatzköpfigen Verwirrten im Pflegebett kaum mehr ihren Mann erkennt? Soll sie ihn vielleicht doch im Krankenhaus sterben lassen, oder hat sie die Kraft, das alles bis zum Ende durchzustehen? Simone muss stark sein, aber manchmal will sie nur, dass die „Folter“ vorübergehen möge.

Momente des Glücks findet Dresen auch: im familiären Zusammenhalt und in der Komik – wenn zum Beispiel Sohn Mika seinen Vater fragt, ob er nach dessen Tod dessen iPhone haben könne. Oder wenn die Kinder die zunehmende Vergesslichkeit Franks mit gelben Zetteln bekämpfen, die sie überall im Haus aufhängen, sogar auf der Stirn von Frank und den anderen.

In einem Videotagebuch kommentiert Frank sein eigenes Sterben. Wir sehen die unscharfen, manchmal gespenstischen, oft skurrilen Bilder. Es gibt auch surreale Momente: Einmal glaubt Frank, im Fernsehen in der „Harald-Schmidt-Show“ zu sehen, wie dort sein eigener Gehirntumor als Gast auftritt und damit angibt, wie er sich’s in Franks Kopf gemütlich gemacht hat.

Dresen will bei seiner Chronik eines angekündigten Todes so ehrlich wie möglich sein. Er zeigt das Sterben im Detail – und bleibt trotzdem innerhalb der Grenzen des Unterhaltungskinos. Dies ist eine fiktive Geschichte.
Trotzdem kann, wer will, das Sterbedrama als eine Art Therapie begreifen – tröstlich, weil jedem irgendwann der Tod auf die eine oder andere Art begegnet. Es lohnt, sich dieser Zumutung im Kino auszusetzen

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