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Kultur Hamburg baut den Stadtteil Wilhelmsburg um
Nachrichten Kultur Hamburg baut den Stadtteil Wilhelmsburg um
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22:25 28.12.2010
Von Martina Sulner
Aus einer alten Siedlung soll in Hamburg Wilhelmsburg ein "Weltquartier" werden. Quelle: IBA
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Die IBA 2013, die Internationale Bauausstellung im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, ist in Bewegung. Das zeigt sich schon beim zentralen Büro- und Ausstellungsgebäude. Am Veddeler Zollhafen, direkt gegenüber den Hallen der Auswandererausstellung „Ballinstadt“, liegt der Bau auf einem Ponton in einem Hafenbecken. Bei Ebbe sinkt das dreistöckige „IBA Dock“ drei Meter nach unten, bei Flut steigt es wieder in die Höhe; zur Stromgewinnung ist auf dem Dach eine Photovoltaikanlage installiert, man nutzt das Hafenwasser für das hauseigene Heizsystem.

Das Haus, das täglich für Besucher geöffnet ist und auch ein Café beherbergt, ist ein Paradebeispiel für modernes, energieeffizientes Bauen. Und ein Symbol dafür, was die IBA 2013 möchte: ­Erneuerung, Öffnung zum Wasser und Offenheit.

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Um die Zukunft des Wohnens und Miteinanderlebens ging es schon bei der ersten IBA 1901, als auf der Darmstädter Mathildenhöhe eine Siedlung entstand – ein Gegenentwurf zu den billigen, schmucklosen Mietskasernen. Spätere Bauausstellungen befassten sich etwa mit dem Umbau des Ruhrgebiets (IBA Emscher Park) oder mit der Neugestaltung des Braunkohlegebiets in der Niederlausitz (IBA Fürst-Pückler-Land).

Die Aufwertung Wilhelmsburgs ist keine leichte Aufgabe, denn der Stadtteil gehört zu den Hinterhöfen der Hansestadt. Wilhelmsburg liegt nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt von der spektakulären Hafencity. Am Rande der Speicherstadt entstehen die Elbphilharmonie, ein neuer Kreuzfahrtterminal, Büros und Restaurants; eine Drei-Zimmer-Eigentumswohnung im neuen Marco-Polo-Tower kostet eine Million Euro. Wilhelmsburg ist in vielem das Gegenteil der Hafencity, in der jedes Wochenende Touristen die Baufortschritte ­bestaunen. Wilhelmsburg – gelegen ­zwischen Norder- und Süderelbe, zerschnitten von einer Autobahn, einer Bundesstraße und einer Bahntrasse – wird von Auswärtigen (und das meint jeden, der nicht im Stadtteil wohnt) kaum beachtet. Rund 50 000 Menschen aus 100 verschiedenen Nationen leben dort. Es gibt die alteingesessenen, bürgerlichen Familien, doch fast jeder zweite Bewohner hat einen Migrationshintergrund.

Seit einigen Jahren arbeitet die IBA-Gesellschaft an der Erneuerung des Stadtteils, jetzt erkennt der Besucher erste Ergebnisse. Dass es so lange gedauert hat, bis die Bauausstellung sichtbar wurde, bis tatsächlich Baugruben, Roh- und Neubauten zu sehen sind, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen versteht sich die IBA als „Entwicklungsmotor für strukturelle Veränderungen“, wie Geschäftsführer Uli Hellweg sagt. Nicht die Menge an verbauten Materialien ist entscheidend, sondern die zahlreichen Versuche, das Zusammenleben in einer disparaten Stadtgesellschaft fair und möglichst harmonisch zu gestalten.

Für das Projekt „Weltquartier“ zum Beispiel sind bereits vor einigen Jahren sogenannte Heimatforscher losgezogen, die Bewohner einer Siedlung nach ihren Wohnwünschen befragt haben. Im kommenden Jahr können die Menschen, die zwischenzeitlich in anderen Wohnungen untergekommen sind, in die nach ihren Wünschen umgestalteten Räume zurückziehen.

Der lange Zeitraum von der Idee bis zur Umsetzung der Projekte hängt aber, zum anderen, auch damit zusammen, dass man von vornherein die Wilhelmsburger mit vielen Veranstaltungen und „Bürgerdialogen“ möglichst gut an der IBA beteiligen und so auch Proteste vermeiden wollte. Die IBA hat nicht nur Freunde, doch insgesamt fällt der Protest moderat aus. Vielleicht, weil Bürgerbeteiligung auch jetzt noch ein großes Thema ist: Im „Weltquartier“ etwa ist ein Pavillon als Treffpunkt entstanden, als Betreiber hat man eine türkische ­Elterninitiative und einen Verein für psychosoziale Hilfe aus dem Stadtteil gewonnen.

Die IBA ist eine große Kommunika­tions- und Denkfabrik und eine Art Vernetzungsagentur. Und sie motiviert tatsächlich Stadtpioniere dazu, den Schritt aus angesagteren Vierteln heraus auf die Insel zu wagen. Im kommenden Jahr bezieht zum Beispiel eine Baugemeinschaft aus St. Pauli ein „Open House“ mit rund 50 Wohnungen.

In Wilhelmsburg mit seinen zahlreichen Freiflächen entstehen neue Wohnungen und moderne Einfamilienhäuser, ohne dass alter Bestand abgerissen wird oder langjährige Mieter verdrängt werden. Von den neuen Bewohnern und den 1500 Mitarbeitern der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die 2013 von der Innenstadt auf die Insel zieht, erhofft man sich auch wirtschaftlichen Schwung. Gebrauchen kann es das Viertel. Rund um die S-Bahn-Station Wilhelmsburg sieht es reichlich öde aus. Man braucht schon einige Phantasie, um sich auszumalen, dass dort – zwischen einer Bahntrasse und einer Bundesstraße, über deren Verlegung seit Jahren debattiert wird – in zwei Jahren die Internationale Gartenschau (IGS) eröffnet werden soll. Bis dahin sollen auf der Brachfläche auch energetisch hocheffiziente Häuser entstehen, die zum Teil am Wasser liegen. Die IBA arbeitet nach neuen Standards des klimaschonenden Bauens; schließlich hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, nur ökologisch sinnvolle Projekte umzusetzen.

Für diese Bauten und auch die auf der nahe gelegenen Harburger Schlossinsel existieren Investoren. Insgesamt liegt das Investitionsvolumen der IBA bei 750 Millionen Euro. Zwei Drittel davon sind öffentliche Mittel, die etwa in den Behördenneubau und die Renovierung von städtischen Wohnungen fließen. Der Etat der IBA selbst liegt bei 100 Millionen Euro; 90 Prozent davon kommen von der Hansestadt.

Neben den Neu- und Umbauten gibt es zahlreiche kulturelle Initiativen, ungefähr ein Dutzend großer Ökoprojekte und zahlreiche Initiativen im Bildungsbereich, um junge Wilhelmsburger fit für die Zukunft zu machen. Einen Wunsch vieler Leute im Stadtteil kann die IBA allerdings nicht verwirklichen – den nach einem Kino. Dafür gab es im vergangenen Sommer zahlreiche Open-Air-Filmvorführungen, und in der Halle, in der Fatih Akin seinen Film „Soul Kitchen“ drehte, lief die Komödie an mehreren Abenden hintereinander. Mittlerweile finden in der „Soul Kitchen Halle“ auch Konzerte und Partys statt. In Wilhelmsburg ist einiges in Bewegung.

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