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Kultur Hamburger Museum zeigt Plastikmüll
Nachrichten Kultur Hamburger Museum zeigt Plastikmüll
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19:05 17.12.2012
Von Martina Sulner
Foto: Konsumiert, weggeworfen, angespült: Die Installation „Plastikschwemmgut“ in Hamburg.
Konsumiert, weggeworfen, angespült: Die Installation „Plastikschwemmgut“ in Hamburg. Quelle: dpa
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Hamburg

Diese Installation sieht aus wie ein großer Müllhaufen. Und genau genommen ist es auch Müll, was in der ersten Etage des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe aufgeschüttet ist: Dort liegen gewaltige Mengen von Netzen, Kanistern, Flaschen, Tüten, Spielzeug, Flip-Flops und Bällen. Obendrauf ist ein Tretboot drapiert, das mal knallrosa war und jetzt ziemlich verblichen aussieht. Alles Müll, alles Plastik.

„Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt“ heißt die neue Ausstellung im direkt neben dem Hauptbahnhof gelegenen Museum. Die internationale Wanderschau wurde am Museum für Gestaltung in Zürich konzipiert und dort zuerst gezeigt; Hamburg ist die zweite Station. Die Ausstellung soll nicht weniger, als „mit den Mitteln der Kunst Betroffenheit erzeugen und erreichen, dass das Thema emotional bei den Menschen ankommt“, sagt Johannes Merk von der Michael-Otto-Umweltstiftung, die das Hamburger Rahmenprogramm von „Endstation Meer?“ mitgestaltet hat.

Betroffenheit: Was sonst im gegenwärtigen Kunstbetrieb verpönt ist, versucht man hier unverblümt zu erzeugen. Die Schau will einen Eindruck davon vermitteln, welche riesigen Mengen an Plastik tagtäglich produziert und benutzt werden - und wie viel davon in den Ozeanen landet. Auf dem Meeresgrund oder in riesigen Plastikstrudeln sammeln sich die Abfälle, die teils mehrere Hundert Jahre brauchen, bis sie verrotten. Eine Konservendose ist nach 50 Jahren abgebaut, eine Einwegwindel nach 450 und eine Angelschnur nach 600 Jahren.

Pro Sekunde werden am Dienstag weltweit 8000 Kilogramm Kunststoff hergestellt. Ein großer Teil der Ausstellung zeigt, wie präsent Kunststoff in unserem Alltag ist. „Plastik hat im 20. Jahrhundert die Welt verändert wie kein anderer Stoff“, sagt Angeli Sachs, Kuratorin am Züricher Museum für Gestaltung. Auf Holzblöcken sind Flaschen, Tüten, Spielzeug, CD-Hüllen und Coffee-to-go-Becher zu sehen, jeweils mit Beschreibungen, um welche Stoffe es sich dabei genau handelt. Neben solch kleinen Einführungen in die Materialkunde findet der Besucher zu jedem Ausstellungsstück ein Alternativprodukt: Neben den Plastiktüten steht ein Einkaufskorb, neben dem Einweggeschirr stehen kleine Brotboxen aus Aluminium. Selbst zum Peelingprodukt, mit dem sich Frauen winterfahle Hautschichten abzurubbeln versuchen, ist eine Bürste als umweltverträglicheres Gegenstück ausgestellt. Schließlich befinden sich in solchen Kosmetikprodukten „wasserunlösliche Reibekörper, Mikrokügelchen aus Plastik“. Klingt nicht schön.

Mehr als sechs Millionen Tonnen Müll, ein Großteil davon Kunststoff, landet jährlich in den Gewässern. Der zweite Ausstellungsteil veranschaulicht, was das bedeutet: Da hängen Fotos von Seevögeln, die an Müll verendet sind - aus den aufgeschnittenen Mägen quellen Plastikteile. Und da zeigen Fotografien und Grafiken, wo und in welcher unfassbaren Größe Plastikstrudel in den Weltmeeren vor sich hin rotieren. Dabei machen solche Strudel nur 15 Prozent des Mülls aus. 70 Prozent sinkt auf den Meeresgrund, der Rest wird an die Küsten geschwemmt. „Als Kind habe ich am Strand Muscheln gesammelt, jetzt suche ich Plastik“, sagt Angeli Sachs mit bitterer Ironie.

Mit ihren Infografiken und Erklärtafeln wirkt die Schau zum Teil sperrig und ein bisschen sogar wie ein Fremdkörper in dem aufwendig restaurierten Haus. Doch für Direktorin Sabine Schulze steht fest: „Ein Museum für Gestaltung sollte sich nicht nur dem Schönen und Prächtigen zuwenden.“ Vielmehr wendet sich das Haus in der Ausstellung der Frage zu, warum Designer überhaupt so viel und so gern mit (preiswertem) Plastik arbeiten.

Fast wirkt es da wie ein Trostpflaster, dass das Museum auch Beispiele präsentiert, wie beim sogenannten Upcycling aus alten Plastikteilen neue Designerstücke entstehen - zum Beispiel Taschen oder Lampenschirme.

Wer „Endstation Meer?“ besucht, ist jedenfalls wild entschlossen, künftig so wenig Plastik wie möglich zu benutzen. Eventuell sogar auf das gewohnte Peelingprodukt mit den bösen Mikrokügelchen zu verzichten. Das wäre wohl ganz im Sinn der Ausstellungsmacher.

17.12.2012
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