Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Hamburger Oper verhebt sich an Mozarts „Don Giovanni“
Nachrichten Kultur Hamburger Oper verhebt sich an Mozarts „Don Giovanni“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:18 19.09.2011
Ewiger Weiberheld: Wolfgang Koch als Don Giovanni (links) und Tadashi Endo. Quelle: dpa
Anzeige

In einem Vorabinterview hatte Doris Dörrie erkannt, der Mythos um Don Juan sei „ein rein männlicher Mythos, an dem sich die Frauen abarbeiten“. Womit wahrscheinlich gemeint ist, dass der männliche Mythos ein Mythos vom Mann ist, dem die Frauen einfach nicht widerstehen können: „Cosí fan tutte“ – so ­machen’s alle. Das ist zwar eine andere Mozart-Oper, war aber vor zehn Jahren das Operndebüt der Filmregisseurin Doris Dörrie, die damals gerne verkündete, sie sei Operndilettantin. „Don Giovanni“ ist mittlerweile ihre sechste Operninszenierung (und ihr dritter Mozart).

Dörries prägender Einfall ist die Vermählung von Liebe und Tod. Don Giovanni geht es zwar mehr um Sex als um Liebe, aber den Tod sucht und findet er alleweil. Dörrie greift auf die Tradition des mexikanischen Totenfestes „Dia de los Muertos“ zurück, bei dem die Skelette tanzen und die Lebenden mit den Toten feiern.

Anzeige

Es trifft sich, dass nicht nur im Spanischen der Tod weiblich ist: La Muerta trägt auf dem Totenschädel einen schicken Damenhut. In Hamburg wird La Muerta vom japanischen Butoh-Tänzer und Choreograf Tadashi Endo verkörpert, mit dem Dörrie schon bei zwei Operninszenierungen und bei ihrem Film „Kirschblüten – Hanami“ zusammengearbeitet hat. Das sieht trotz Butoh eher mexikanisch als japanisch aus. Immerhin gelingt Dörrie mit dem stilisierten Totentanz von La Muerta und Don Giovanni eine leidlich unpeinliche, wenn auch inszenatorisch eher schlichte Höllenfahrt des Verführers.

Doris Dörrie zeigt, dass Frauen offenbar nicht lernfähig sind. Immer fallen sie auf denselben, nämlich den Falschen herein. Also kommen Donna Anna und Don Ottavio im Rokokokostüm daher und reichen sich ihr Schoßhündchen hin und her. Donna Elvira ist Damenreiterin mit Peitsche. Masetto und Zerlina schließlich sehen aus wie ein Post-Punk-Echo auf Sonny und Cher, haben es aber schon zu einem Baby gebracht. Ausstatter Bernd Lepel hat allen die stilistisch passenden Betten aufschütteln lassen.

Im Hintergrund dräuen die Wolken, die sich zunehmend verfinstern, zur Höllenfahrt des Helden natürlich rot leuchten und zum Finale himmelblauen Frieden suggerieren. Vor so filmisch bewegtem Hintergrund kommen Don Giovanni und Donna Anna zur Sache, und das sieht mehr nach einvernehmlichem Sexualverkehr aus als nach der später behaupteten Vergewaltigung. Doch sobald nicht mehr Sexualakrobatik im Spiel ist, erstarrt das Spiel in routinierten Floskeln. Subtile Personenführung ist nicht gefragt. Dafür wird jedes Mal, wenn eine der Frauen von ihren Gefühlen singt, im Hintergrund eine schmachtende Frau in einem quietschbunten Stummfilm gezeigt. Wenn Leporello dann in Giovannis Sündenregister blättert, läuft hinten ein schemenhafter Schwarz-Weiß-Porno. Giovannis Vergnügungspark, in dem er Zerlina vernascht, ist offenbar von Niki de Saint Phalle möbliert: Der Fluchtweg des Mädchenschänders führt geradewegs in eine rote Nana-Vagina.

Am Ende machen Zerlina und Masetto weiter wie bisher. Aus Donna Anna und Don Ottavio wird wieder einmal kein Paar, und Donna Elvira hat endlich in Leporello jemanden gefunden, der ihr die Peitsche gibt.

Das alles ist zwar nicht sehr aufregend, beschädigt das Werk aber viel weniger als die lieb- oder hilflose Weise, mit der Simone Young das Stück vergeigt. Kann man die Giovanni-Ouvertüre so langweilig spielen lassen? Sie kann. Nie sprüht die Musik Funken, die Spannung hängt zwischen Routine und Pflichterfüllung durch. Da passt es, dass Wolfgang Koch als Titelheld durch das Stück spaziert wie ein gelangweilter Bruder von Guildo Horn. Eine zur Schärfe neigende Donna Anna (Elza van den Heever), eine geforderte Donna Elvira (Cristina Damian) und eine Zerlina (Maria Markina), die nicht nur keinen Charme, sondern auch keine Nerven hat, stellen der Opernchefin Simone Young kein gutes Zeugnis aus. Am überzeugendsten war Dovlet Nurgeldiyev als Don Ottavio, der aber in der hier gespielten Prager Fassung sein „Dalla sua pace“ nicht singen darf. Nicht nur am Ende viel Widerspruch, auch für die Hausherrin.

In der Opern- wie in der Fußball-Bundesliga ist Hannover erfolgreicher in die neue Saison gestartet!

Wieder am 21., 24. und 27. September. Karten unter (040) 35 68 68.

Rainer Wagner

Kultur Internationaler Fernsehpreis - Emmys für Scorsese und Winslet
19.09.2011
Rainer Wagner 18.09.2011