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19:09 22.12.2013
Von Stefan Stosch
Ein Blick zurück: Hanna Schygulla bei der Vorstellung ihrer Autobiografie in München. Quelle: Ursula Düren
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Hannover

Im Briefkasten liegt ein Zettel: „Hast du Lust, die Antigone zu spielen? Premiere übermorgen. Komme in das Kino an der Müllerstraße. Gruß Rainer.“ Die Adressatin hat Lust. Im Jahr 1967 folgt Hanna Schygulla der Einladung Rainer Werner Fassbinders, erst auf die Bühne des Münchener Action-Theaters und später auf die Leinwand. Aus dieser Kombination erwächst eine der fruchtbarsten Beziehungen des neuen deutschen Kinos.

Nachlesen lässt sich das in Schygullas Autobiografie „Wach auf und träume“, die pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag erschienen ist. Das schmale Buch, angereichert mit zahlreichen Schnappschüssen, ist mehr als der soundsovielte Fassbinder-Erinnerungsband. Schygulla, das Flüchtlingskind aus dem schlesischen Kattowitz, in Kindertagen „Polenmatz“ gerufen, vergewissert sich über ihr Leben.

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Trotzdem spielt Fassbinder darin eine Hauptrolle. Sie war der Star seiner Filme, ja „vielleicht gar so etwas wie ein Motor“, wie er notiert - von „Liebe ist kälter als der Tod“ über „Fontane Effi Briest“, „Die Ehe der Maria Braun“ und „Lili Marleen“ bis zur Fernsehserie „Berlin Alexanderplatz“. Bei ihm erprobt sie ihre prägnante Spielweise aus Künstlichkeit und Naivität, diese somnambule Erotik, die ihr den Beinamen „Vorstadt-Marilyn“ einträgt und in der immer beides steckt: Selbstbehauptung und Unterwerfung.

Wobei das Besondere ist: Geprobt wird eben nicht so viel, sondern ausprobiert. Eine ihr ersten Regieanweisungen lautet: „Dann kannst du was ganz Extremes machen, oder mach gar nichts, das kommt auch stark.“ Bei zu großer Perfektion verkrampft Schygulla. Dann fällt ihr nichts mehr ein.

Dieses assoziative Sich-treiben-lassen ist auch im Buch spürbar - und führt zu manch ärgerlicher Wiederholung. Am Ende hat offenbar die Kraft und auch die nötige analytische Schärfe gefehlt, um die eigene Geschichte zu durchdringen. Umso schöner ist die schwebende Leichtigkeit, und umso einleuchtender ist Schygullas Motto: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“ Sie glaubt an die vorantreibende Kraft des Zufalls, für den man sich allerdings ins Zeug legen muss.

Als Fassbinder 1982 stirbt, weiß sie, dass es mit keinem Regisseur wieder so wird wie mit ihm. Aber sie hat sich eben nie ganz von dem raubtierhaften Impresario in der Lederjacke domestizieren lassen, was neben ihr nur noch wenigen wie etwa Kameramann Michael Ballhaus gelang: „Ich habe überlebt, auch im Film“, schreibt sie.

1983 kommt sie aus Cannes mit dem Darstellerpreis für Marco Ferreris „Die Geschichte der Piera“ zurück. Sie hat sich in die Umlaufbahn des europäischen Kinos katapultiert, dreht mit Jean-Luc Godard („Passion“), Carlos Saura („Antonieta“), Ettore Scola („Flucht nach Varennes“), Andrzej Wajda („Eine Liebe in Deutschland“) oder Volker Schlöndorff („Die Fälschung“) - viel später mit Fatih Akin („Auf der anderen Seite“). Auch als Chansonsängerin macht sie sich einen Namen.

Anders als für Fassbinder gibt es für Schygulla ein Leben außerhalb der Arbeit. Lange pflegt sie ihre alten Eltern, besonders die Mutter. Der Leser erfährt auch vom Schatten der NS-Vergangenheit, der immer wieder über der Schauspielerin schwebte - bei ihrer Geburt am 25. Dezember 1943 ist ein Assistenzarzt von Josef Mengele zuständig. Und wir lesen von ihrer großen Liebe zum Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, der etwas kleineren zum Fotografen Helmut Newton, überhaupt von ihrer Beziehung zu den Männern: „Allerdings habe ich sehr wohl viele Männer damit verschreckt, dass ich ihnen zeigte, dass sie mich nicht zu erobern brauchten, weil ich mich ihnen sowieso hingeben möchte. Aber wenn dann einer kam, der vor so offensiver Bereitschaft nicht zurückschreckte, wusste ich, der ist der Richtige.“

„Wach auf und träume“ ist das Buch einer Frau, die für Neues offen ist - und stets bestrebt, sich nicht von anderen definieren zu lassen.

Hanna Schygulla: „Wach auf und träume. Die Autobiografie.“ Schirmer/Mosel. 200 Seiten, 63 Abbildungen, 19,80 Euro.

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