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01:15 24.01.2019
Aussicht mit Sternchen: Im Neuen Rathaus gelten neue Schreibregeln. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Es war vor ein paar Jahren bei einer ernsten, würdigen, offiziellen Feier. Der Oberbürgermeister sprach. Er redete über Begegnungen mit jungen Menschen, die frisch an der Uni eingeschrieben waren. Er sagte: „… die Erstsemesterinnen und Erstsemester …“ Und er hat es nicht einmal gemerkt.

Vermutlich sollte dieser Lapsus ein Beweis für die fortschrittliche, profeministische Haltung des Stadtchefs sein. Herausgekommen war eine Publikumsanbiederung, durchtränkt von der Angst, bei den eigenen politischen Freunden und, Gott bewahre, bei der potenziellen Wählerschaft anzuecken.

Die Stadt Hannover hat eine neue Sprachregelung beschlossen. In Zukunft sollen verbindlich geschlechterneutrale Begriffe (nicht: „Mitarbeiterinnen“ oder „Mitarbeiter“, sondern „Mitarbeitende“) verwendet werden. Geht das nicht, ist der sogenannte Gender-Stern („Kolleg*innen“) zu benutzen. Da man ein Wort mit Stern nicht aussprechen kann – selbst Frauen können das nicht, und meistens können Frauen ja mehr als Männer, weil Männer zu oft zu rational sind –, wurde die Handhabung des Bruchs in der Wortmelodie gleich mitgeliefert: Der Stern werde durch eine „kurze Atempause“ gekennzeichnet. In den Besprechungen im Rathaus wird künftig die Luft angehalten. Dann haben wir ja jetzt alle Probleme gelöst.

Lesen Sie auch: Geschlechtergerechte Sprache: Der Stern des Anstoßes

Die Ungleichbehandlung der Geschlechter in Deutschland und anderswo ist grundsätzlich nicht hinnehmbar, und sie war es noch nie. Dass Frauen für einen Job weniger Geld bekommen als Männer, lässt sich durch nichts rechtfertigen, nirgendwo, und wieso dergleichen nicht längst mit einem schlichten, klaren Gesetz aus der Welt geschafft wurde, ist völlig unverständlich, man bräuchte ja nur einen einzigen Satz dafür. Dass die katholische Kirche bis heute die Hälfte der Welt vom Priesteramt ausschließt (sogar im Islam gibt es inzwischen weibliche Imame), sagt nichts über die Hälfte der Welt, aber sehr viel über die katholische Kirche aus. Wenn Männer Männerbünde gegen Frauen schließen, macht sie das zu Waschlappen, sie können es verbrämen, wie sie wollen.

Aber was ändert ein Sternchen an dieser Praxis?

Man(n) kann verstehen, wenn Frauen es leid sind, sprachlich unterrepräsentiert zu sein. Als Ausdruck davon galt seit den Achtzigern das Binnen-I („OberbürgermeisterInnen“). Es war zwar immer etwas verwunderlich, dass ausgerechnet der Feminismus einen sprachlichen Phallus hervorgebracht hatte, aber gerechterweise muss man sagen, dass die Idee zu dem großen „I“ von Männern stammte. Es hat sich dann ja auch nicht durchgesetzt.

Was man in zehn oder 20 Jahren hoffentlich auch vom Gender-Sternchen sagen wird.

Sprache ist ein ungeordnetes, sich ständig veränderndes, anarchisches System aus Gesprochenem und Geschriebenem, und man kann in bestimmten Grenzen Regeln dafür aufstellen, aber ob die Sprache sich letztlich daran hält, muss sich immer erst erweisen. Der sinnigste Umgang mit Sprache ist ein behutsamer, der ihr mehr folgt, als dass er ihr Wege vorgibt. Wie furchtbar gerade politisch motivierte Eingriffe verlaufen können, hat die letzte Rechtschreibreform gezeigt, die diverse Male nachjustiert werden musste und heute mehr aus Erschöpfung über die endlosen Debatten als aus Überzeugung akzeptiert wird – und um den Preis, dass wir eine heillos zersplitterte Schriftsprache haben. Jeder Verlag verwendet seine eigenen Regeln, und der Duden ist aufgrund der vielen Ausnahmen anderthalbmal so dick wie zuvor.

Die Stadt Hannover tut natürlich gut daran, auf die Gleichstellung zu achten, auch in ihrer Sprache. Ein bewusster Umgang mit den Geschlechtern wie etwa eine häufige Verwendung beider Formen, der „Bürgerinnen“ wie der „Bürger“, ist angeraten. Und man sollte auch auf die Minderheit der Menschen mit unbestimmten Geschlecht Rücksicht nehmen. Ein Eingriff jedoch, der das Sprechen und Schreiben einem politischen Diktat unterwirft und zu Zungenverknotungen („die Teilnehmenden des Projekts“) und gedanklichen Kieksern wie dem Stern führt, hemmt die Kommunikation, beim Sprechen wie beim Lesen, alles wird bemüht und ängstlich und unnatürlich. Nicht umsonst verzichten sogar feministische Schriftstellerinnen in ihrer Literatur auf das sogenannte Gendern.

Und, noch wichtiger: Ein solcher Eingriff befördert mitnichten die Gleichstellung. Er baut bloß eine sprachliche Fassade auf, hinter der man sich als ach so progressiv verstecken kann.

Förderlich wäre, wenn die Partei, die seit 1946 den hannoverschen Oberbürgermeister stellt, auch nur ein einziges Mal eine Frau nominiert hätte. Förderlich wäre, wenn Hannover nicht auf einem beschämenden 29. Platz beim Gender-Ranking der Städte stünde. Förderlich ist zum Beispiel die vom Land angedachte Wahlrechtsreform, die Frauen auf den Listen der Parteien mehr Chancen einräumt. Das hat eine Vorbildfunktion.

Mit Veränderungen verändert man die Welt. Nicht mit Sprachregelungen, die keine faktischen Auswirkungen haben, außer die Sprache zu beschädigen. Umdenken kann man nicht anordnen. Das muss man vorleben. Und vor allem müssen es die Männer, die es begriffen haben, anderen Männern vorleben.

Von Bert Strebe

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