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Kultur Hannover ist Partnerstadt des 7. Bremer Kunstfrühlings
Nachrichten Kultur Hannover ist Partnerstadt des 7. Bremer Kunstfrühlings
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10:25 05.05.2011
Von Johanna Di Blasi
Es wird alles wieder gut: Blinkendes Heilversprechen des Künstlerpaares Lindner & Steinbrenner. Quelle: Lotte Lindner und Till Steinbrenner
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Ein ängstlich schauendes Auge ziert den Katalog. Oder blickt es nur neugierig? Die omnipräsente Terrorangst, anschwellende Sorge ums politische und ökologische Weltklima und chronisch gewordene Panik treiben nicht zuletzt bildende Künstler um, deren eigene Stellung nicht selten prekär ist. Die sorgenvoll brütende Zeitstimmung greift der 7. Bremer Kunstfrühling, eine üppige Überblicksschau der dortigen Kunstszene, in seinem Motto „T(raum)a – Die Phobie als Muse“ auf.

Eine Reihe von Künstlern hat das Angstthema aufgegriffen. Darüber hinaus herrscht in den weitläufigen Hallen eines ausrangierten Güterbahnhofsbereichs, wo man als Besucher immerhin fürchten kann, in ein schmutziges Gleisbett zu fallen, eine Fülle an Einzelpositionen, die in keine Mottoschablone passen. Mehr als 200 Kunstschaffende aus der Metropolregion BremenOldenburg – mit Hannover als Gaststadt – finden in romantisch bröckelnden Industriehallen einen idealen Ort zur Präsentation ihrer Malereien, Videoarbeiten und Installationen. Rund 60 davon werden in einem kuratierten Bereich gezeigt.

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Aus der Tiefe der schummrigen Halle mit 180 Meter langen Bahnsteigen leuchtet einem der Schriftzug „Es wird alles wieder gut“ entgegen: Trostworte, die wie ein Gefahrenhinweis auf der Autobahn blinken und kaum zur Beruhigung taugen. Die markant die Hallenmitte besetzende Lichtarbeit mit dem Titel „Transformator“, die zugleich ein Tor ist, das man als Besucher durchschreitet, stammt vom ideenreichen hannoverschen Konzeptkünstlerpaar Lotte Lindner & Till Steinbrenner. „Ein bisschen Vorhölle, ein bisschen Zuckerwatte-Heilsversprechen“ – so charakterisierte Steinbrenner gestern das kulissenhafte Werk.

Gleich dahinter stößt man auf eine schwarze Gondel. Die Bremer Künstlerin Anja Fußbach, die ihr Atelier direkt im Güterbahnhof hat, war gestern noch mit der Dekorierung der Gondelpassagiere beschäftigt: drei Schaufensterpuppen mit prallen Brüsten, Softair-Waffen und den Gesichtszügen der Künstlerin. Kino- und Comic-Charaktere wie Snake Plissken, Terminator und Blade Runner standen Pate für die Figuren aus dem Actionuniversum, wo das Trauma Routine ist.

In einer anderen Ecke stößt man auf ein eindrucksvolles Ensemble von Timm Ulrichs: An den Wänden hängt dessen 2008 in Slowenien entstandene Serie „Die Welt im Wohnzimmer“ mit Digital­aufnahmen von altarartig anmutenden Fernsehecken in Privatwohnungen. Kombiniert ist die Serie mit zwei Stehlampen als Teil eines biederen Wohnzimmerinterieurs – ebenfalls ein Ulrichs-Werk. Scheinbar haben die Lampen einen Wackelkontakt, in Wahrheit aber morsen sie sich etwas auf Englisch zu.

Hier hat man allerdings den kuratierten Bereich verlassen. Das Ulrichs-Werk gehört nicht zur Traumaschau, auch wenn es dorthin passen würde, vielmehr präsentieren sich die Kunstsammlungen Böttcherstraße mit dem Konzeptkunstpionier. Neben künstlerischen Einzel­positionen bietet der Kunstfrühling nämlich auch Institutionen eine Plattform: Museen, Kunstvereinen, Galerien und Atelierhäusern. Für diese wurde eine Art Messearchitektur aus Stellwänden in den Bahnhof gestellt – wohl, damit sie sich in den Hallen nicht allzu verloren vorkommen. Aus Hannover sind nicht etwa Galerien wie Drees oder Koch dabei, sondern die Galerie Artforum. Nach dem Tod des Galeristen Hermann Otto im Jahr 2007 hatte diese ihre Präsenz weitgehend aufs Internet verlagert. Auch die Isernhagener Galeristin Vera Lindbeck und die Galerie per-seh sind vertreten.

In der Koje des Kunstvereins Hannover lacht einem – im wahren Sinn des Wortes – ein Hai entgegen: Sebastian Neubauers Persiflage auf Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegte Tierkadaver. Der Bereich der Kestnergesellschaft war gestern noch leer. Bei dieser hochkarätigen Kultureinrichtung stößt der Bremer Kunstfrühling an seine Grenzen. Die Kestnergesellschaft kann als Vorgeschmack auf ihre kommende Schau kaum Originale des Kunstmarktschwergewichts Daniel Richter in eine Halle hängen, die nicht rund um die Uhr beaufsichtigt wird. Man werde in Bremen Informationsmaterial auslegen und Stücke aus den hauseigenen Editionen zeigen, hieß es gestern auf Anfrage.

Der Bremer Kunstfrühling in der Gleishalle am Güterbahnhof wird am Donnerstag um 19 Uhr eröffnet. Die Ausstellung dauert bis 5. Juni und hat täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet, Katalog 5 Euro.