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Kultur Hannovers Kinopioniere präsentieren ersten deutschen 3-D-Animationsfilm
Nachrichten Kultur Hannovers Kinopioniere präsentieren ersten deutschen 3-D-Animationsfilm
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20:01 17.08.2010
Von Stefan Stosch
Wenn Tiere Politik machen: Der kleine Held Billy und sein großer Freund Sokrates.
Wenn Tiere Politik machen: Der kleine Held Billy und sein großer Freund Sokrates. Quelle: Constantin
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Was die größte Herausforderung bei diesem Projekt war, weiß Holger Tappe genau. Es sei frech gewesen, den Film in 3-D zu inszenieren, „obwohl die meisten von uns überhaupt keine Ahnung hatten, wie das gehen sollte“, sagt der hannoversche Produzent und Regisseur. Der Chef und sein Team von Ambient Entertainment in Hannovers Südstadt – über zwei Jahre hinweg waren durchschnittlich etwa 60 Mitarbeiter beteiligt – haben die nötige Frechheit besessen. Jetzt ist der von Erich Kästners Kinderbuchklassiker inspirierte Kinofilm „Konferenz der Tiere“ fertig – der erste deutsche 3-D-Animationsfilm überhaupt, entstanden in Koproduktion mit der Münchener Firma Constantin.

Solche dreidimensionalen Computerzaubereien kennt man bislang aus Hollywood, aktuelle Beispiele sind „Toy Story 3“ oder „Shrek 4“. In dieser Liga spielt jetzt eine vergleichsweise kleine hannoversche Firma mit, und zu großen Teilen ist das Wagnis gelungen. Das ist umso beeindruckender, wenn man daran zurückdenkt, wie schwer sich die mutigen Filmpioniere von Ambient Entertainment in ihrer Anfangszeit taten.

Mit dem arg holperigen Versuch „Back to Gaya“ – 2004 der erste deutsche 2-D-Computertrickfilm – hatte es begonnen, dann folgten zwei „Urmel“-Abenteuer (auch schon im Verbund mit Constantin) und nun dieser Ausflug in die afrikanische Savanne. Viel Erfahrung hat sich wohl in der Villa in Hannovers Südstadt angehäuft, hilfreich waren sicher auch wachsende Rechnerleistungen. Deutlich wird das bei der liebevollen Ausgestaltung von Tier- und Pflanzenwelt. Beim weiten afrikanischen Himmel orientierten sich Tappe und sein Team an Hunderten von 360-Grad-Panorama-Fotos, die er an der Skelettküste Namibias und im Okavango-Delta in Botswana aufgenommen hatte.

Wild zitiert sich „Konferenz der Tiere“ durch die Trickfilmgeschichte, egal ob die Vorbilder „Findet Nemo“ (böser Hai!) oder „Chicken Run“ (Hahn mit Führungsqualitäten!) heißen. Auch ein leicht debiler Tasmanischer Teufel, wie wir ihn schon aus seeligen Bugs-Bunny-Zeiten kennen, ist mit von der Partie. So viel Selbstbezüglichkeit ist in dem Genre nicht unüblich, zeigt aber auch, dass die Filmemacher auf Nummer sicher gehen wollten und genau auf populäre Produkte aus Hollywood geschaut haben.

Der eigentliche Held ist das Erdmännchen Billy (gesprochen vom Comedian Ralf Schmitz), das sich gewiss gut mit dem Faultier Sid aus „Ice Age“ verstehen würde. An seine Seite gesellen sich bald das altersweise Galapagos-Schildkrötenpaar Winston und Winifred, das Känguru Toby und die Eisbärin Sushi. Sie alle sind Umweltflüchtlinge – und der Film ist damit womöglich aktueller, als es den Machern lieb sein kann: Ölkatastrophe und Flächenbrand spielen eine zentrale Rolle bei der Vertreibung der bunten Truppe nach Afrika. Dort sieht die Lage jedoch kaum besser aus. Erdmännchen Billy und den Neuankömmlingen droht wegen eines riesigen Staudammprojekts der Tod durch Verdursten. Der Fluss führt kein Wasser mehr.

Erich Kästner schrieb sein Buch 1949 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges. Bei ihm wehrten sich die Tiere dagegen, dass die Menschen bei Friedenskonferenzen endlos palaverten und dann doch Kriege anzettelten. Nun zielt die Bedrohung aufs Ökologische ab (sogar ein zeitgemäß vegetarischer Löwe, gesprochen von Thomas Fritsch, ist dabei) – und das in einem klar an Kinder gerichteten Werk.
Die eindeutige Adressierung unterscheidet „Konferenz der Tiere“ von anderen 3-D-Filmen, die zweigleisig fahren, um auch erwachsene Zuschauer bei der Stange zu halten. Hier ist das Süßliche, Bedächtige erst einmal gewöhnungsbedürftig. Das gilt auch für die aufdringliche Musik des US-Komponisten David Newman (tätig schon für „Ice Age“) und Xavier Naidoos Titelsong „Wild vor Wut“. Dagegen wirkt Leonardo DiCaprios Umweltdokumentation „The 11th Hour“ wie ein offenes Diskussionsforum, so dick wird die moralische Botschaft hier aufgetischt. Der 3-D-Film, heißt es im Abspann, unterstütze die Umweltstiftung WWF.

Vielleicht verfügt „Konferenz der Tiere“ auch wegen dieser – sympathischen – Gradlinigkeit nicht ganz über den Witz und trotz aller Konflikte nicht ganz über die Spannung einer gelungenen Hollywoodproduktion. Doch dürfte der Film Chancen auf ein großes, junges Publikum haben.

Dann aber sind die hannoverschen Trickfilmexperten womöglich schon mit dem nächsten Projekt beschäftigt: Constantin hat die Verfilmungsrechte für den animierten Tarzan aus Edgar Rice Burroughs’ Dschungel-Romanen erworben. Eine kleine Traumfabrik in Hannovers Südstadt soll die Computeranimation übernehmen.

„Konferenz der Tiere“ startet am 7. Oktober in den Kinos.