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Kultur Hannovers Liste zum Schutz von Fünfziger-Jahre-Bauten
Nachrichten Kultur Hannovers Liste zum Schutz von Fünfziger-Jahre-Bauten
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Die hannoversche Markthalle 1967.
Die hannoversche Markthalle 1967. Quelle: Heinrich Riebesehl/Archiv
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Auf der Denkmalliste standen damals acht Objekte aus dieser Zeit: neben dem heute umstrittenen Plenarsaal des Landtags unter anderem das Wohngebiet um die Kreuzkirche und die St.-Clemens-Kirche am Leibnizufer. Damals schlug die Arbeitsgruppe mehr als vierzig weitere Bauten und Ensembles vor, die praktisch auch alle aufgenommen wurden.

Dafür wurden architekturgeschichtliche, künstlerische und städtebauliche Gründe aufgeführt, aber auch politische. So heißt es zur Markthalle von Erwin Töllner (1955): „Aber auch in seiner Gesamterscheinung, die sehr zurückhaltend und bescheiden ist, ist es (das Bauwerk) baulich typisch für die Zeit, die das protzige und pompöse Gehabe der offiziellen Architektur des gerade vergangenen Regimes verabscheute und sich im Ausdruck und Material auf das Allernotwendigste beschränken wollte.“

Die typische Architektur der fünfziger Jahre wollte mit ihren geraden Linien und der strengen Symmetrie den Bruch mit dem Nationalsozialismus ausdrücken. Gegen die Wuchtigkeit der Bauten vor 1945 wurde der Eindruck schwebender Leichtigkeit gesetzt – hervorgerufen durch Glas, zierliche Säulen, überkragende dünne Dächer, Aufteilung der Flächen durch unterschiedliche Gestaltung und geschwungene Linien. Die oft gewählte Vielfalt des Materials signalisierte den im Dritten Reich unterdrückten Pluralismus. Diese Architektur gehört zur ersten Kulturschicht der Bundesrepublik.

In der Vorschlagsliste der Architektenkammer tauchen denn auch diese Gründe für eine Schutzwürdigkeit der Bauten auf. Beim Gewerkschaftshaus in der Otto-Brenner-Straße von Friedrich Lindau (1952/53) werden die zarten Profile gelobt. Beim Pressehaus in der Goseriede gegenüber dem Anzeiger-Hochhaus fiel die Kombination von Beton, Glas und Spaltwandplatten auf. Das Stichweh-Gebäude in der Georgstraße von Ernst Zinsser (1954) gefiel den Experten der schwebende Eindruck. Die Liste der Begründungen ließe sich noch lange fortsetzen, aber sie ähneln sich.

Aus heutiger Sicht erschließt sich noch stärker, dass es für die fünfziger Jahre eine zeittypische Architektur gab, die sie nicht nur vom Dritten Reich, sondern auch von den sechziger Jahren mit ihren wieder monumentalen Bauten, deren kantigen Profilen, tief eingeschnittenen Fassadenöffnungen oder kompakten Betonstürzen unterschied. Diskussionen über die Denkmalwürdigkeit der Fünfziger gibt es heute längst nicht mehr, und die Aufstellung der Liste, damals bundesweit beachtet, hat dazu beigetragen. Heute ist sie zwar aktualisiert worden, aber sie gibt noch immer das Rückgrat für die Erfassung der denkmalwürdigen Bauten der fünfziger Jahre in Hannover ab.

Freilich ist ein Objekt inzwischen auch von der Liste gestrichen worden: die Siedlung Rehmerfeld in Groß-Buchholz, weil diese baulich so stark verändert worden ist, dass sie ihre Denkmalwürdigkeit verloren hat. Dieter Oesterlens Plenarsaal von 1957 bis 1962, schon vor 1989 erfasst, könnte bald hinzukommen – rechtliche Möglichkeiten, seinen Abriss zu verhindern, hat das Denkmalamt nicht.

von Ekkehard Böhm

Johanna Di Blasi 02.04.2009