Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Hannovers Probleme beim Umgang mit NS-Raubkunst
Nachrichten Kultur Hannovers Probleme beim Umgang mit NS-Raubkunst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:28 22.01.2010
Zurück an die rechtmäßigen Erben: Die Glaser-Nichte Constance Sattler und ihre Tochter Valerie erhalten 2007 Lovis Corinths "Römische Campagna" aus der hannoverschen Landesgalerie. Quelle: Miachel Thomas (Archiv)
Anzeige

Mehrere Jahrzehnte hing Lovis Corinths 1914 entstandenes Landschaftsbild „Römische Campagna“ in der Landesgalerie Hannover. Hinter einem Feldermeer erstreckt sich ein blau-dunstiger Horizont. Dass das Bild eine problematische Vorgeschichte hat, wurde vielen Hannoveranern erst bewusst, als die Stadt es im September 2007 an die Erben des vom NS-Regime verfolgten jüdischen Intellektuellen Curt Glaser restituierte.

Das „Campagna“-Gemälde wird am 4.  Februar im Londoner Auktionshaus Sotheby’s zur Versteigerung gebracht (Taxe umgerechnet etwa 200 000 bis 290 000 Euro). „Die Erbengemeinschaft ist über den halben Globus verteilt, es gibt somit keine Einzelperson, die das Bild übers Sofa hängen könnte“, ist aus der Berliner Anwaltskanzlei zu erfahren, die im Auftrag des New Yorker Anwalts David Rowland tätig ist. Dieser war auch im Fall der 2009 durch die Nord/LB restituierten „Katze hinter einem Baum“ von Franz Marc aus dem Sprengel Museum eingeschaltet.

Anzeige

Selbstverständlich bestünden Begehrlichkeiten, das Gemälde nach Hannover zurückzuholen, sagt der Direktor des Landesmuseums, Jaap Brakke, für den die Nachricht von der Versteigerung gestern neu war. „Bei Auktionen können wir aber leider nicht mitbieten, weil wir über keinen nennenswerten Ankaufsetat verfügen“, sagt Brakke.

Das „Campagna“-Gemälde gehörte zu jenem rund hundert Werke umfassenden Konvolut des Berliner Sammlers Conrad Doebbeke, das Hannover nach dem Krieg angekauft hat. Als einzige Stadt in Deutschland hat sich Hannover gleich eine ganze Sammlung mit problematischer Provenienz aufgehalst. Das „Campagna“-Bild war 2008 als Beleg für das dunkle Kapitel der Enteignung jüdischen Besitzes und die unrühmliche Rolle von damaligen Museumsleuten in den Jüdischen Museen in Berlin und Frankfurt ausgestellt.

Seit Mitte 2008 betreibt die Stadt Hannover aktiv Provenienzforschung. Für die kurz nach der „Campagna“-Restitution nach Hannover gekommene Kulturdezernentin Marlis Drevermann hat das Thema höchste Priorität. Drevermann hatte sich in Wuppertal als Kulturdezernentin den Ruf erworben, das Kapitel der NS-Raubkunst energisch und zielgerichtet anzugehen. Sie hatte dort gegen den Druck einer Museumsdirektorin und Teilen der Öffentlichkeit die Herausgabe von drei Kunstwerken an Erben jüdischer Vorbesitzer durchgesetzt.

Nach eineinhalb Jahren Forschung liegen in Hannover allerdings, und das ist etwas enttäuschend, immer noch keine Ergebnisse vor. Nur so viel ist zu erfahren: Es werden derzeit zwei Rückgabeforderungen bearbeitet. Eine habe sich bereits als „unberechtigt“ entpuppt. Um welche Werke es sich handelt, ist nicht zu erfahren. Auch möchte die Stadt (noch) keine Listen mit jenen Werken vorlegen, bei denen erhebliche Verdachtsmomente bestehen. Bei den Doebbeke-Bildern ist das aber wohl fast durchgehend der Fall. Und auch bei den Beständen aus der Quelle Max und Gustav Rüdenberg.

Mehr als zwei Dutzend hochkarätiger klassisch-moderner Meisterwerke in der Landesgalerie und noch einmal so viele im Sprengel Museum, darunter Gemälde Max Liebermanns und Lovis Corinths, sind wahrscheinlich betroffen. Es käme einem Kahlschlag gleich, würden sie aus den Museen genommen. In Ermangelung von Belegen – vieles ist verloren gegangen oder wurde vernichtet – werden häufig moralische Überlegungen den letzten Ausschlag geben müssen, so wie bei der „Campagna“-Restitution.

Die Glaser-Erben haben noch eine Reihe anderer Rückgabeforderungen laufen. Allerdings ist fraglich, ob sie damit Erfolg haben werden. Inzwischen wird argumentiert, der Sammler habe 1933 vor allem aus privaten Gründen – seine Frau war gestorben – eine Änderung seiner Lebensumstände angestrebt, und er habe über die Auktionserlöse vollständig verfügen können.

Was die Doebbeke-Erblast anlangt, hofft Drevermann, in Hannover mithilfe von Geldern der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin eine zentrale Forschungsstelle einrichten zu können, in Kooperation mit Museen in Bremen, Detmold, Düsseldorf, Darmstadt und Oldenburg, wo auch Werke aus dem ehemaligen Doebbeke-Bestand hängen könnten. Freiburg hat erst kürzlich ein Dix-Bild restituiert und zurückgekauft.

„Die Forschung wird Jahre dauern. Es ist detektivische Kleinarbeit. Manchmal geben Kunsthändler Auskunft, manchmal auch nicht“, so Drevermann.

Manchmal enden Bemühungen um Klärung und Bereinigung allerdings auch im Kompetenzdickicht der Stadt. So fragt die Dresdener Anwältin Sabine Rudolph, wann Bewegung in den Fall von Corinths „Bunte Wicken und Rosen“ (1913) im Landesmuseum kommen wird. Auf das Blumenbild in betörenden Rottönen erheben nach HAZ-Informationen die Erben von Max Levy Ansprüche. Der Fall sei schon vor Monaten von der Provenienzforscherin Vanessa Voigt (inzwischen an der Münchener Pinakothek der Moderne) ausrecherchiert gewesen. Doch die Stadt habe bislang nicht reagiert.

Von Johanna di Blasi

Karsten Röhrbein 21.01.2010
21.01.2010