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Kultur Hannovers kleine Klubs freuen sich über wachsende Nachfrage
Nachrichten Kultur Hannovers kleine Klubs freuen sich über wachsende Nachfrage
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20:16 11.03.2013
Von Felix Klabe
Foto: Kammermusik auf kleiner Bühne: Die französische Band Askehoug spielt im Saal des Vereins GUT in der Calenberger Neustadt.
Kammermusik auf kleiner Bühne: Die französische Band Askehoug spielt im Saal des Vereins GUT in der Calenberger Neustadt. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Da steht er nun. Tom Lüneburger. Hinter dem Berliner Musiker beleuchten kleine Funzeln einen schwarzen Vorhang, links von ihm steht ein Klavier, rechts von ihm ist der Bühnenrand. Viel Platz auf der schlichten Bühne ist nicht. Und vor ihm? 120 Zuschauer. Nicht mehr, nicht weniger. Wobei: Ein, zwei haben ihre Karte zurückgegeben. Es ist Grippezeit. Noch im vergangenen Dezember stand der Mann mit der Stimme irgendwo zwischen Bryan Adams und Rod Stewart in der fast ausverkauften TUI Arena auf dem Messegelände - als Vorband der Deutschpopgruppe Silbermond. Heute spielt er auf der Bühne des Theaters am Küchengarten in Linden vor rund 8000 Zuschauern weniger. Und damit hat Lüneburger noch Glück. Eigentlich sollte er auf der Bühne im Sing Sing, dem kleinen Konzertklub im Keller des Theaters, spielen. Doch weil Lüneburger ein paar mehr Menschen anlockt als andere Künstler, die sonst im Sing Sing auftreten, ging es hoch auf die Kabarettbühne. In ganz intimer Runde, die in den großen Konzerthallen der Stadt nur selten möglich ist.

In den vergangenen Jahren sind neue kleine Konzertklubs entstanden, die die bereits etablierten alternativen Veranstaltungsorte - wie Café und Indiego Glocksee, Béi Chéz Heinz oder Kulturpalast - ergänzen. Feine Konzerte, bei denen die Musik vor der Show steht, schätzen die Musikliebhaber der Stadt. Das Angebot steigt. Die Nachfrage aber auch.

„Die Nähe zum Musiker und Intimität können nur Konzerte im kleinen Rahmen schaffen“, sagt Sing-Sing-Geschäftsführer Nils Wintering. Wenn auch das Publikum, das zu Lüneburgers Konzert gekommen ist, nicht Winterings typische Gäste sind. Viele von ihnen seien Lüneburgers Ruf gefolgt, erklärt Wintering. Nach seinem Auftritt in der TUI Arena hatte Lüneburger angekündigt, dass er für ein eigenes Konzert nach Hannover ins Sing Sing komme. Und so kauften die Zuschauer ihre Karten im Internet. Nur wenige Tage und der Auftritt war ausverkauft. Ungewöhnlich für das Sing Sing, denn in der Regel gibt es Karten nur an der Abendkasse.

Wintering öffnet die Tür zum Sing Sing nur montags. Mehr wolle er nicht, und mehr schaffe er auch nicht, sagt er. Das Sing Sing betreibt er bereits seit zwei Jahren und zieht positive Bilanz, auch wenn der Laden keinen Gewinn bringt. Weil er seit einem Jahr auch Geschäftsführer des Theaters am Küchengarten ist und deshalb für die Räumlichkeiten unter dem Theater keine Miete zahlt, entfallen jedoch Fixkosten, die andere Klubs zahlen müssen. Auch versucht Wintering die meiste Arbeit im Sing Sing selbst zu machen. Seine Künstler wohnen oft in der kleinen Wohnung im Kabarett, für die Verpflegung der Künstler sorgt der 28-jährige Wintering in Eigenregie. So trägt sich der Laden gerade so. „Was an der Tür gezahlt wird, bekommen in der Regel die Künstler.“ Was Wintering beim Verkauf an der kleinen Bar verdient, landet in den Taschen der wenigen Helfer, die Wintering unterstützen, wenn er es einmal nicht hinter die Theke schafft. Doch der gelernte Kindergärtner ist zufrieden: „Mal kommen 30 Leute, mal 80.“ Ein Abend mit 120 Gästen sei das Limit. Das reiche ihm völlig.

120 Besucher in einem der größeren Veranstaltungsorte wie Capitol, AWD-Hall oder auch Kuppelsaal sind für die großen Veranstalter wie Hannover Concerts nicht vorstellbar. „Konzerte, zu denen wir 100 oder 200 Besucher erwarten, im Capitol durchzuführen, macht weder aus finanzieller noch aus atmosphärischer Sicht Sinn“, sagt Karsten Seifert, Pressesprecher von Hannover Concerts. Dafür sei der Klub schlicht zu groß. Seifert erinnert sich aber an Konzerte im Capitol mit Künstlern, bei denen Hannover Concerts mindestens 700 Fans erwartete. Am Ende standen nur 350 vor der Bühne. Wie bei der Hamburger Band Fink im vergangenen Jahr. Die finanzielle Rechnung sei zwar nicht aufgegangen, „dennoch war es eine magische Show und für das Image des Capitols ein Volltreffer“. Der Veranstalter, dessen Kerngeschäft die Konzerte von Popgrößen wie Lady Gaga in großen Spielorten wie dem Capitol, der TUI Arena oder gar der AWD-Arena ist, buche aber immer häufiger Auftritte in kleineren Klubs wie etwa dem Musikzentrum. „Weil uns die Indie-Szene in Hannover selbstverständlich am Herzen liegt“, sagt Seifert.

Konkurrenz zwischen großen und kleinen Veranstaltern gebe es nicht direkt, sagt Seifert. Vielmehr habe er den Eindruck, dass sich die Veranstalter in Hannover mit ihren Angeboten wunderbar ergänzen. Man schätze und respektiere die Arbeit der kleinen Klubs. „Was dort vor einem kleinen Publikum passiert, ist sehr gut für die Stadt“, sagt Seifert. „Dort werden gute Künstler gefördert.“

Darum geht es auch Wintering. Er versucht Künstler, die ihm und seinem Publikum gefallen haben, regelmäßig spielen zu lassen. Zwar nicht jeden Monat, aber vielleicht einmal im Jahr. Und wenn das Publikum wächst, ist das gut - solange es die Grenze, die sich Wintering selbst gesetzt hat, nicht überschreitet. Bei der Auswahl der Künstler verlässt sich der 28-Jährige auf seinen eigenen Musikgeschmack, auf Tipps von Freunden und auf seine gute Beziehung zu Hamburger Plattenfirmen wie Omaha Records oder Tapete. Und die kommen zum größten Teil eben aus der Singer/Songwriter-Szene.

Wer Bands wie Neerström & Julian Gerhard oder den New Yorker Paul Basile nicht kennt, hört die Liedermacher eben bei Wintering zum ersten Mal - nachdem der Eintritt gezahlt ist. „Meine Gäste verlassen sich auf meinen Musikgeschmack und ich mich auf ihr Kommen.“ Sein Stammpublikum beschreibt Wintering so: „Irgendwo zwischen 25 und 35 Jahren, in Arbeit und ausschließlich an der Musik interessiert.“

Nicht an der großen Show interessiert und auf der Suche nach musikalischen Perlen und Besonderheiten: So sieht auch Claudia Pahl die Menschen, die auf den Stühlen und Sofas in der umgebauten Mädchentoilette einer alten Schule in der Eleonorestraße in Linden Platz nehmen. Seit acht Jahren gibt es den Veranstaltungsort Feinkost Lampe bereits. Gut versteckt im Hinterhof und noch immer ein Geheimtipp für all die, die auf der Suche nach Musik sind, die nicht im Radio gespielt wird. Wer zu einem Konzert ins Feinkost Lampe geht, bekomme immer etwas Besonderes zu hören, sagt Pahl.

Das Catering für die Künstler stellen Arne Jantos und Claudia Pahl. Auch Bühne und Technik bauen die beiden auf. Theke und Kasse? Ebenfalls. Für beide Veranstalter ist der Betrieb ein „schönes Hobby“ - neben ihrem Arbeitsalltag. Jantos ist selbstständig im Bereich Kulturmanagement, Grafik und Künstlerbuchen. Pahl ist Pressesprecherin am Schauspiel Hannover und initiierte die Konzertreihe „Ballklang“ im Ballhof, die immer wieder mit feinen Konzerten überraschte. Das Miteinander mit den Künstlern vor und nach den Konzerten sei für Pahl und Jantos auch nach acht Jahren ein Grund, weiterzumachen. Bei der Auswahl der Musiker legen sich beide nicht auf ein Genre fest, „doch trotzdem haben wir den Ruf, dass unsere Künstler häufig melancholischen Pop aus Skandinavien spielen“. Mittlerweile häufen sich die Anfragen von Musikern oder Agenturen - doch „am liebsten jagen wir alleine“. Das heißt, Konzerte besuchen und kleine Künstler anfragen. Gerne aus den Bereichen Folk, Pop, Weltmusik oder auch Klassisches auf Elektrobeats aus dem Computer. Bunt ist es auf der Bühne und hinter der Bar.

Sich nicht festlegen - diesen Gedanken haben auch Iyabo Kaczmarek, Gunnar Geßner und weitere 13 Mitglieder des Vereins GUT. Zumindest musikalisch. Erst Anfang des Monats spielte Askehoug, die Band des französischen Chansonnier Matthieu Aschehoug. Abseitig, stimmungsvoll mit Nähe zum Publikum. Eine Woche zuvor gab es ein Jazzkonzert. „Bei unseren Veranstaltungen sollen sich die Menschen wie zu Hause fühlen“, sagt Kaczmarek, die mit Geßner die Agentur Festnetz betreibt und die „Fête de la Musique“ organisiert.

An einem Konzertabend im GUT verdient niemand - „außer der Künstler, die Gema und unsere Grafiker“, sagt Kaczmarek. Wenn jeder seine Personalstunde in Rechnung stellen würde, würde das Ganze nicht funktionieren. Von den 15 Vereinsmitgliedern - viele von ihnen wohnen direkt über dem Saal - packt jeder einmal zu, doch fair verteilt solle es sein. Sogar Geßners Vater, der lange Zeit Lichttechniker beim Schauspiel Hannover war, unterstützt den Verein. Ein anderes Mitglied ist Tontechniker. Sein Equipment stellt er dem Verein kostenlos zur Verfügung. So funktioniert GUT. Ehrenamtlich, mit persönlichem Einsatz und in der Freizeit. Für die Zukunft sucht der Verein weitere Kooperationspartner, die den Saal nutzen wollen, sagt Kaczmarek. Dadurch soll Geld in die Kasse kommen, „irgendwann einmal Stellen geschaffen werden und vielleicht auch eine Technikpauschale möglich werden“.

Die drei Betreiber des neuen Klubs Lux am Schwarzen Bären setzen auf Konzerte und Partyreihen. Sechs bis sieben Livekonzerte sollen im Monat gespielt werden, sagt Heiko Seeger, ehemaliger Chef der Bar Bronco’s in Linden. Dabei bringen auch sie unbekannte Bands auf die Bühne. Aus Seegers Initiative heraus entstand die Idee, den „Ballsaal der Finsternis“ neben dem Capitol endlich zu beleben. Gemeinsam mit Dirk Sadlon, der auch Geschäftsführer im Altstadtklub 3raum ist, und Ralf Zitzmann (Cumberlandsche Galerie) versucht Seeger einen Ort für kleine Konzerte bis 200 Zuschauer aufzubauen.

„Wirtschaftlich muss er allerdings sein“, sagt Seeger. Denn ist die Tür auf, laufen die Kosten. „Die Miete muss bezahlt werden und das Tresenpersonal.“ Läuft ein Tanzabend im Klub einmal nicht so gut, könne ein Konzert mit einem starken Künstler das wieder einspielen. So spielt Betty Dittrich, die mit dem eingängigen „La La La“ einen Versuch startete, für Deutschland zum Eurovision Song Contest zu fahren, im April ein Konzert. Dabei stellt das Lux seine Räumlichkeiten auch für Konzertveranstalter wie etwa Living Concerts zur Verfügung, bei dem Sadlon Geschäftsführer ist. „Wir wollen eine gute Mischung zwischen Künstlern, die wir als Lux suchen, und denen, die etwa Living Concerts bei uns platziert“, sagt Seeger, der zuversichtlich ist, dass das Lux ein guter Ort für Konzerte in kleiner Runde wird.

Im April wird Tom Lüneburger wiederkommen. Wieder zu Wintering ins Sing Sing. Dann spielt der Berliner Songwriter dort ein Zusatzkonzert. Nur schlafen wird er wohl nicht bei Wintering in der Künstlerwohnung. Seine Agentur gönnt ihm ein Hotelzimmer, schließlich war er schon einmal Vorband bei Silbermond.

Sonja Fröhlich 11.03.2013
Nicola Zellmer 11.03.2013