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Kultur Raus aus dem Elfenbeinturm: Schriftsteller arbeiten gemeinsam an Texten
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Hannoversche Autorenkonferenz: Schriftsteller arbeiten gemeinsam an Texten

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13:03 14.06.2019
Teambildung: Die Teilnehmer der 1. Hannoverschen Autorenkonferenz. Vorn rechts auf der Couch: Preisträger Alexander Rudolfi. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Stirn in Falten. Hochgezogene Augenbrauen. Lächeln (leicht angespannt). Bebende Nasenflügel. Pochende Schläfenadern. Lächeln (amüsiert). Kalte Augen. Mahlende Kiefer. Lächeln (peinlich berührt). Schlucken. Gesenkter Blick. Lächeln (gefroren). Und manchmal: Lächeln (frisch angeknipst). Das ist dann das Glück, sich verstanden zu fühlen.

Es waren die unterschiedlichsten Mienenspiele, die man am Pfingstwochenende bei den Teilnehmern der 1. Hannoverschen Autorinnen- und Autorenkonferenz (in derzeitiger Stadtverwaltungsschreibweise: „Autor*innenkonferenz“) beobachten konnte. Und zwar immer dann, wenn ihre Texte gelobt oder zerpflückt wurden oder irgendwas dazwischen. Zwölf Schriftstellerinnen und Schriftsteller hatten sich in den Räumlichkeiten der Fachhochschule des Mittelstands im Podbi-Park versammelt. Lesen, reden, diskutieren, kritisieren.

Die hannoversche Literaturszene ist sehr lebendig, im Adressverzeichnis des städtischen Kulturbüros stehen rund 100 Autoren, und das sind keine Hobbydichter, alle haben publiziert. Während eines Treffens im Februar wurde die Idee geboren, diese Literaten auch mal Gruppe-47-mäßig zusammenkommen zu lassen, und am Ende sollten sie aus ihrer Mitte einen Preisträger für einen neuen hannoverschen Literaturpreis küren, den „Kurt 2019“ (benannt nach Kurt Schwitters). Ihn bekam am Ende Alexander Rudolfi, 32, der noch einen speziellen Gesichtsausruck beisteuerte: Wenn er gelobt wird, legt er die Hand vor den Mund. Als wäre er erschrocken.

Das Bild vom genialen Dichter im Elfenbeinturm sei „eher eine Autorenszenierung“, sagt Thomas Klupp, Schreiblehrer beim Hildesheimer Schreibstudiengang, beim Einstiegsreferat. Der Verfasser selbst sei „der unobjektivste Leser“. Also solle man sich der Kritik von anderen aussetzen. Und das tut die Runde dann. Sie besteht, neben Rudolfi, aus Nicole Balschun, Naby Benjamin Berdjas, Gyde Callesen, Bodo Dringenberg, Eva Horter, Leander Fischer, Nima Moraghebi, Tobias Premper, Barbara Schlüter, Axel Schnell und Tarja Sohmer.

Raum im Kopf der Leser

Außerdem dabei: Annette Hagemann, die sich im Kulturbüro um die Literatur kümmert und die Konferenz angestoßen und zusammen mit dem Autor Marco Sagurna und mit Achim Engstler vom Verband deutscher Schriftsteller Niedersachsen/Bremen die Kandidaten aus 25 Einsendungen ausgesucht hat. Die Leitung der Textwerkstatt liegt bei Martin Reckweg, Kulturchef von NDR 1, und Gabriela Jaskulla, selbst Autorin und Leiterin der Fachhochschule des Mittelstands (so kam die Runde zu ihrem Tagungsort).

Schreiben ist die Kunst, Gedanken und Gefühle in Wörter zu übersetzen, die dann auch noch in eine Folge von abstrakten Zeichen transferiert werden. Beim Leser läuft dieser an sich schon komplizierte Weg rückwärts, und dabei kommt nie zu hundert Prozent das heraus, was der Verfasser intendiert hat. Wichtig ist, dass überhaupt etwas herauskommt. Für alle guten Texte in der Runde gilt: Sie beanspruchen Raum im Kopf der Leser.

Wie die Geschichte „Im Zeigefinger“ von Preisträger Rudolfi. Ein Paar am Strand, sie gehen umher, er macht Fotos mit dem Smartphone. Dinge sind für ihn nicht mehr die Dinge selbst, sie sind auch nicht auf dem Foto, sie sind in dem Zeigefinger, der das Foto auslöst, die Frau ist auf den Bildern nur „etwas von ihr, das nicht sie war“. Wahrnehmung verschiebt sich, die Frau klettert in das Häuschen eines Rettungsschwimmers und lacht, und plötzlich ist es nicht mehr die Frau, sondern das Lachen, das in das Häuschen geklettert ist.

Nie verletzend

Der jeweilige Autor oder die Autorin liest nicht selbst, das macht ein anderer aus der Runde. Der Autor muss auch den Mund halten, bis alle Kritik geäußert ist. Diese Kritik ist behutsam, man beginnt mit der Beschreibung, was man gelesen (und verstanden) hat, Wertungen kommen erst nach und nach. Sie sind dann aber auch deutlich: Es wird über mit Klischees überladene Absätze, nicht greifbare Figuren und den Versuch diskutiert, einen Text mit Geheimnissen künstlich interessant zu machen. Aber unter der Aufsicht von Jaskulla und Reckweg wird es nie verletzend – und es wird viel gelobt.

Die meisten Schriftsteller bedanken sich am Ende. Nur eine Autorin sagt, sie habe schon einen Verlag für ihr Skript, und der wolle keine Verbesserungen, er wolle einen schlichten Text, weil sich das besser verkaufe. Sie könne es sich bloß nicht leisten auszusteigen. Sie sagt: „Da wird aus einem Manuskript ein Produkt gemacht.“ Betroffenes Schweigen in der Runde.

Die Entdeckung des Wochenendes: Naby Benjamin Berdjas, der bisher nur in kleinen Zeitschriften vorgekommen ist. Seine Geschichte „Die absolute Nulllinie“ erzählt von einer Reanimation in einer Klinik. Rotzig, verrückt, witzig, schmerzhaft und wohl leider ziemlich realistisch. Die Kritik, die kam, lautete: „Mehr davon.“

Das gilt übrigens auch für die Preissumme. Der „Kurt 2019“ war mit 300 Euro dotiert, Annette Hagemanns Budget ist schmal. Für den „Kurt 2020“ wünscht man sich von der Stadtspitze mehr finanzielle Fantasie.

Ein Date mit der Literatur

Es ist Bewegung in die hannoversche Literaturszene gekommen. Das städtische Kulturbüro hat zum Beispiele schon im April eine laufende „Junge Schreibwerkstatt“ für Menschen von 16 bis 30 Jahren eingerichtet. Und im Juli startet eine neue Lesereihe: „Literarisches Speeddating“.

Dabei stellen mehrere Schriftsteller kurze Texte vor, die Besucher wandern von einem Verfasser zum anderen. Zum Auftakt lesen am 3. Juli Ulrike Gerold und Wolfram Hänel, Christoph Honegger, Lisa Kreißler, Susanne Mischke und die HAZ-Autoren Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers.

Beginn: 19.30 Uhr in der Heldraumstation, Gerberstr. 3A (Hinterhaus). Karten gibt es für 9, ermäßigt 5 Euro im Künstlerhaus oder unter (0511) 168-41222.

Von Bert Strebe

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