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18:42 25.03.2012
Von Jutta Rinas
Pendereckis "Teufel von Loudun" an Hannovers Staatsoper.
Hannover

Was für eine grelle Szene! Was für ein extrem effektvoller Kontrast! Da sieht man auf der Bühne der Staatsoper Hannover in einem silberfarbenen Gefährt barbusige Nonnen lüstern ihre Oberkörper räkeln. Männer, einer davon mit nichts als oberschenkelhohen Stiefeln bekleidet, bewegen rhythmisch kreisend ihr Becken. Teufelsgestalten in SM-Lederklamotten pressen ihre Leiber an Frauen im Engelskostüm. Schrill, lasziv, lustbetont: eine fahrende Lasterhölle.

Plötzlich - ein Bruch: Auf einer Rampe wird eine Gruppe von Menschen nach vorne gefahren. Starr blicken sie geradeaus. Es ist dunkel um sie herum, und es sind so viele, dass man sich kein Gesicht merken kann. Machtvolle, sakrale Musik erfüllt auf einmal den Raum, während die Menschenmasse immer raumgreifender, lateinische Gebetsformeln rezitiert.

In Hannovers Staatsoper sind die Teufel los, genauer: Krzysztof Pendereckis "Teufel von Loudun". 1969 hat der polnische Komponist die Oper als Auftragsarbeit für die Hamburgische Staatsoper erstellt. Hannovers Intendant Michael Klügl hat das Stück, das erst international Furore machte und dann immer seltener aufgeführt wurde, wieder ins Programm genommen. Der Regisseur des Abends, Balázs Kovalik, hat an der Staatsoper bereits Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" inszeniert. Er hat Erfahrung mit Teufeln. 2010 leitete er an der Bayerischen Staatsoper die Uraufführung von Peter Eötvös’ "Tragödie des Teufels". An der Staatsoper ist dem Ungarn jetzt eine Inszenierung gelungen, die brutale und verstörende Momente enthält - und die durch herausragende Leistungen des Chors (Einstudierung Dan Ratiu) und die grandiose Khatuna Mikaberidze als Jeanne besticht.

Penderecki hat seinen "Teufeln" die Geschichte einer Hexenverbrennung aus dem 17. Jahrhundert zugrundegelegt. Die Nonne Jeanne wird von erotischen Fantasien gequält, in deren Zentrum der katholische Priester Urbain Grandier steht. Weil Jeanne ihre sexuellen Visionen nicht verdrängen kann, glaubt sie sich vom Teufel besessen. Es ist große Kunst, wie Khatuna Mikaberidze diese schwierige Rolle interpretiert, wie sie Schmerz und Angst in einer so modernen Tonsprache Ausdruck verleiht: mal mit großen Intervallsprüngen, mal mit monologischem Sprechgesang. Jeanne sucht bei Priestern und Exorzisten Hilfe - und gibt die Schuld an ihrer Besessenheit Grandier. Der hat trotz seines Enthaltsamkeitsgelübdes Affären mit Frauen. Jeanne selbst aber ist er nie begegnet. Grandier, von Brian Davis anfangs etwas blass, dann aber mit großer Intensität interpretiert, wird Opfer einer politischen Intrige. Die Kirche nutzt die Satanismusvorwürfe Jeannes, um ihn aus dem Weg zu räumen.

Pendereckis Oper kann man als Parabel darauf verstehen, wie aus Glauben Fanatismus entsteht, wie ein politisches oder ein Glaubenssystem die Manipulierbarkeit Einzelner ausnutzt, um Massenhysterien auszulösen und Unschuldige in den Tod zu treiben. In Hannover fokussiert Regisseur Kovalik den Blick ganz auf die katholische Kirche und stellt sie als perversen, ja mörderischen Machtapparat dar. Jeannes sexuelle Visionen beispielsweise sind voller religiöser Zitate: Grandier erscheint ihr mal als lüsterner Liebhaber der jungen Philippe (Ina Yoshikawa), dann wieder als Christusgestalt. Die Witwe Ninon (Meike Morr) wird in Jeannes Träumen zu einer wahnhaften Salome-Gestalt. Selbst den Papst lässt Kovalik auftreten, in dem er die Rolle des Vaters Ambrose (Peter Michailov) paraphrasiert: "Ihr seid ein alter Mann. Habt ihr nichts erworben, in all Euren Jahren, als diese Phrasen" schleudert der gemarterte Grandier dem Mann in der weißen Soutane entgegen. Die wohl bekannteste Szene der Oper, in der Jeanne mit einem Klistier der Teufel ausgetrieben werden soll, wird in Hannover zu einer Massenvergewaltigung, bei der gleich drei Kirchenmänner, Vater Barré (Tobias Schabel) Vater Rangier (Albert Pesendorfer) und Vater Mignon (Edward Mout) mitmachen - umrahmt von voyeuristischen Statisten auf einem eindrucksvollen Baugerüst des Bühnenbildners Florian Parbs. Die Spannung, teilweise auch das Erschrecken des Publikums, ist in solchen Momenten mit Händen zu greifen. Dennoch verlässt niemand den Saal. Es ist deutlich, dass die Bizarrerie solcher Szenen nicht um der Effekte willen eingesetzt werden. Diese machtvollen Bilder machen, klug eingesetzt, die Faszination dieser Inszenierung aus. Erstaunlicherweise ist es ausgerechnet die Musik, die die einzige Schwäche freilegt. Dirigent Stefan Klingele gelingen mit dem Staatsorchester zwar intensive Schockermomente. Pendereckis atonale und zugleich emotionale Musik wurde nicht grundlos in Filmen wie "Shining" oder "Der Exorzist" verwendet. Die präzise Arbeit am Notentext offenbart aber das Problem der Komposition Pendereckis. Manche Passagen wie die Auftritte des Apotheker Adam und des Chirurgen Mannoury sind gerade angesichts des imposanten Orchesterapparates mit erstaunlich wenig Noten unterlegt. Ivan Tursic (Adam) und Michael Chacewicz (als Mannoury-Ersatz für den erkrankten Jin Ho Yoo), machen dieses Manko nicht wett. Am Ende - nach Momenten des bedrückten Schweigens - gibt es großen Applaus.

Wieder am 1., 21., 24., 25. und 29. März.

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