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Kultur Hannoversches Staatsballett tanzt „¡Tango!“
Nachrichten Kultur Hannoversches Staatsballett tanzt „¡Tango!“
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19:47 28.02.2012
Damen bitten zum Tanz: Debora di Giovanni mit Patrick Michael Foe. Quelle: Weigelt
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Hannover

Seine Waffen waren sein Charme und das Messer. Seine Leidenschaft galt der Liebe und dem Tango. Der „Guapo“, im ausgehenden 19. Jahrhundert in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires der Inbegriff des urbanen Mannes, war ein Macho. Kühn und streitsüchtig. Doch er hatte Schneid: Für die Ehre von Frau und Freunden gab er im Zweifel sein Leben. Und schneidig war auch sein Auftritt, wenn er mit Hut und Lackstiefeln zum Tanz ging, um die Frauen zu erobern. Der „Guapo“ ist so gut wie ausgestorben. In den „Bailantas“, den großen Tanzhallen Argentiniens, führen längst nicht mehr allein die Männer.

Auch in „¡Tango!“, der aktuellen Produktion des Niedersächsischen Staatsballetts unter Leitung von Jörg Mannes, sind die Frauen gleichberechtigt, wenn nicht sogar eine Spur dominanter. Vor allem aufgrund der umwerfenden Präsenz von Catherine Franco. Der berühmt berüchtigte Machismo des „Guapo“ blitzt nur dann auf, wenn die beiden Brasilianer Denis Piza und Demis Moretti tanzen. Es sind – zusammen mit Francos Auftritten – die stärksten Momente dieses dreiteiligen Ballettabends in der Oper, der ganz im Zeichen Südamerikas steht.

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Vor allem Piza erinnert mit seinen eindrucksvollen Soli daran, dass Tango einst die Ausdrucksform der männlichen Einwanderer war, die ohne Frauen und Familie aus Europa gekommen waren und von Liebe und Geborgenheit träumten. Tango gilt denn in Argentinien auch als „der traurige Gedanke, den man tanzen kann“. Wut, Wehmut und der ehrgeizige Wunsch, endlich die Oberhand über das Leben zu gewinnen, bestimmt Pizas von schnellen Drehungen und hohen Sprüngen bestimmtes Solo im dritten Part des Eröffnungsstücks „5 Tangos“ des Niederländers Hans van Manen. In Franco hat Piza eine ihm ebenbürtige Partnerin für die Duette in „5 Tangos“. Franco, ebenfalls aus Brasilien stammend, legt in ihr Auftreten den ganzen Stolz der südamerikanischen Schönheit, die die Kunst beherrscht, sowohl hingebungsvoll als auch unnahbar zu wirken. Sie macht aus jedem Pas de deux ein reizvolles Duell. Das gilt auch für ihren erotisch angehauchten Tanz mit Piza in Mannes‘, „Strictly Tango“, dem zweiten Teil des Ballettabends.

Während van Manen in seinem bereits 1977 uraufgeführtem Werk auf strenge Ordnung und die Beherrschtheit des Tanzes setzt, wirkt bei Mannes alles verspielter. Van Manen, der persönlich zur Aufführung nach Hannover kam, lässt Tango tanzen, gepaart mit neoklassischen Bewegungen: Der für den Tango typische Schleifschritt etwa gehört ebenso zur Choreografie wie das Tanzen auf Spitze. Mannes nähert sich dem Tango an und wählt, wie so oft bei seinen abstrakten Werken, assoziative Ausdrucksformen. Mit einer eigenwilligen Lichttechnik (Susanne Reinhardt), bei dem die Scheinwerfer fast bis auf den Bühnenboden fahren, beleuchtet er unterschiedliche Motive des Tanzes.

Einsamkeit, Verlangen, Eifersucht, aber auch Fröhlichkeit scheinen durch. Schnelle Attacken und Verzögerungen im Bewegungsfluss erinnern vage an Tangotanz. Ansonsten bestimmt viel Akrobatik die rasant wechselnden Formationen. „Strictly Tango“ kommt zwar mitreißender als das von kühler Eleganz geprägte „5 Tangos“ daher, wirkt aber dafür leider recht unstrukturiert und fast ein wenig überladen. Gemeinsam ist beiden Stücken die (vom Band eingespielte) Tangomusik von Astor Piazzola. Die jazzig angehauchten, eher sperrigen Melodien verlangen den Tänzern viel komplizierte Fußarbeit ab.

Wie Mannes arbeitet auch der gebürtige Kanadier Kinsun Chan mit dem gesamten 30-köpfigen Ensemble. „Batucada“ hat der ehemalige Solist am Ballett Basel, der als viel beachteter Newcomer unter den europäischen Choreografen gilt, extra für diesen Abend kreiert – neben „Strictly Tango“ die zweite Uraufführung im Programm. Es wirkte wie ein Vorbote für den heutigen Rosenmontag. Im Mittelpunkt von „Batucada“ steht nicht Tango, sondern Samba. Mit einer aus geometrischen Formen zusammengesetzten Holzkonstruktion im Bühnenhintergrund, erinnert Chan an die Hütten der Favelas, die Armenviertel von Rio de Janeiro. Die Menschen dort erwachen zum Leben, wenn die vibrierende Samba-Musik (ebenfalls vom Band) ertönt. Sie schauen aus Fenstern und stürzen aus Türen.

Die Männer versammeln sich zum tänzerischen Wettstreit und formieren sich um Chans „Guapo“, den kraftvollen und athletischen Demis Moretti. In meerblauen Trikots mit Fransenröckchen fallen schließlich die Frauen ein. Trillerpfeifen, Rasseln und Schlaginstrumente ertönen. Hüften kreisen, Arme und Beine wirbeln, Füße heben ab zu ausladenden Sprüngen. Chan schafft es, das Tempo der Tänzer den Sambarhythmen anzupassen und trotz seiner stark im Ballett verwurzelten Bewegungssprache immer weiter zu steigern. Dabei gleitet er keinesfalls ins Chaotische ab. „Batucada“ ist der Höhepunkt dieses Abends, ein finales Feuerwerk, von dem sich die Zuschauer sogar noch eine Zugabe erklatschen. 

Der tosende Beifall am Ende von „¡Tango!“ gilt dem herausragenden Ensemble, das drei ganz unterschiedlichen Bewegungssprachen Ausdruck verliehen hat. Und nicht zuletzt Jörg Mannes, der nicht den Vergleich mit einem ehrwürdigen Altmeister und einem gefeierten Jungstar scheut, um dem Publikum die außergewöhnliche Bandbreite seiner Tänzer vor Augen zu führen. Schneid bewiesen!

Kerstin Hergt

Nächste Aufführung von „¡Tango!“  am Freitag, 2. März, von 19.30 Uhr an im Opernhaus. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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