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Hans Georg Bulla wird 70: Der Dichter aus der Wedemark, der die Stille aufschreibt

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10:58 19.06.2019
Wird 70: Hans Georg Bulla, Lyriker aus der Wedemark, auf einer Zeichnung von Peter Marggraf aus dem Buch „So weiß das Papier“. Quelle: Peter Marggraf
Mellendorf

„Der Horizont liegt tief, / ein schmales Land, in dem / wir leben, eine Handvoll / Jahre zwischen Schnee und Sand.“

Da stand er vor den leeren Reihen. Die Lampen in der Aula der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hildesheim leuchteten neonkalt auf viele einsame Stühle. In Reihe drei ein Pärchen, in Reihe eins zwei Männer, mehr waren zu der Lesung nicht gekommen.

Doch der Dichter ließ sich nicht beirren. Er las auch für die wenigen, las in dem erbarmungslosen Licht, las mit seiner leicht aufgerauten und sich selbst immer ein bisschen zurücknehmenden Stimme. Mit der linken Hand unterstrich er ab und zu ein Wort, das durch den Saal schwebte, folgte mit den Fingern der Melodie eines Satzes. Und als er mit dem Gedicht „Abschied“ fertig war, las er es ein zweites Mal, mit behutsam verschobener Betonung. Die vier Leute in den Reihen eins und drei sahen einen anderen Horizont vor sich, ein anderes schmales Land.

Das war 1998. In einer Lyrik-Edition im Zu-Klampen-Verlag war kurz zuvor Hans Georg Bullas Gedichtband „Nachtgeviert“ erschienen, in dem der Autor außer von den Jahren zwischen Schnee und Sand auch noch von den Dienstgeräuschen von Jalousielamellen und von schwatzhaften Sternen erzählte. Und von dem, was Dichter manchmal tun: „… ich / schreibe eine Stille auf“. Bulla war zu dem Zeitpunkt längst einer der arriviertesten niedersächsischen Autoren. Und heute gibt es vermutlich noch weniger Lyriker als damals, die ihm das Wasser reichen können. An diesem Donnerstag, am 20. Juni, wird Bulla 70 Jahre alt.

Hans Georg Bulla, Lyriker aus der Wedemark, bei sich zu Hause, Mai 2019 Quelle: Bert Strebe

Die Eltern waren Vertriebene

Er lebt seit Urzeiten in Mellendorf in der Wedemark. Das war nicht vorgesehen. Bulla stammt aus Dülmen in Westfalen, seine Eltern kamen aus Oberschlesien, Vertriebene. Die Familie war bei einem Bauern einquartiert, der kleine Hans Georg kam in der Stube zur Welt, später zogen die Bullas nach Münster, wo der Vater, Eisenbahner, eine Stelle bekam.

Schlesisches Platt von der Mutter, westfälisches Platt von den Bauern, Hochdeutsch aus der Schule

Der Sohn musste unterschiedliche Sprachvarianten in seinem Kopf koordinieren, das schlesische Platt der Mutter, das westfälische Platt der Bauern, das Hochdeutsch in der Schule. Das, sagt er heute, habe zu seiner „Sprachempfindlichkeit“ beigetragen. Und dann war da die Erfahrung, für die Schule eine Geschichte von Elisabeth Langgässer nacherzählen zu sollen. Eine Idee, ein Blatt Papier, ein Füllfederhalter, blaue Tinte. Bulla lernte: Daraus konnte etwas Neues entstehen.

Münster ist katholisch, die Bullas waren katholisch, der Junge wollte Theologie studieren. Aber schon nach den ersten Vorlesungen kamen ihm seine Lehrer bigott vor, er wandte sich ab. Schließlich hat Hans Georg Bulla Anglistik, Linguistik, Germanistik und Erziehungswissenschaften studiert, in Münster und Konstanz.

Wiedersehen

Sie beugte sich zu mir

in den Wagen, fragte:

Hängt das Seil noch

am Baum, die Schaukel

an der Stange, steht

das Haus, wie ich’s

verließ. Ich sagte:

Ja, der Fluß fließt

weiter, die Katze ist

verschwunden, die

Steine liegen blank.

Und ich, ich muß

zurück.

Erschienen in Hans Georg Bulla: „Wechselgetriebe“. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2011.

Eigentlich wollte er an der Uni und am Bodensee bleiben, aber mit den Stellen war es nicht so einfach. „Ich war dann freier Autor“, erzählt er. Er lächelt. „Notgedrungen.“ Er schrieb Rezensionen, arbeitete für den Rundfunk, schlug sich durch. Prägend waren nicht nur die Bekanntschaft mit Martin Walser und der Abdruck von Bullas Gedichten in der „Neuen Zürcher Zeitung“, prägend war auch eine Sarkoidose, eine Immunsystem-Erkrankung, die zu verhärtetem Lungengewebe führt. Es lag lange eine Bedrohung über ihm. Aber er ist wieder gesund geworden: „Glück gehabt“, sagt er.

Anstellung bei der Volkshochschulverband brachte finanzielle Sicherheit

Im Verlauf seiner Suche nach einer stabilen Finanzierung des Schriftstellerdaseins tauchte irgendwann die Möglichkeit einer Anstellung in Hannover auf, beim Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens. Verbandsarbeit, Seminare. Und das hat Bulla dann von 1984 bis zum Ruhestand im Oktober 2014 gemacht. So kamen seine Frau und er zu dem Wohnsitz in der Wedemark.

Suhrkamp verlegt drei Lyrikbände von Hans Georg Bulla

Gedichte geschrieben hat er schon als Jugendlicher, hat den Beatles und Bob Dylan die Poesie abgehört, hat zusammen mit einem Freund die ersten Gedichte auf handgeschriebenen, hektografierten Blättern selbst veröffentlicht, hat von Eich, Krolow, Celan gelernt. Irgendwann, schon am Bodensee, schickte Bulla ein Skript an Suhrkamp und zugleich an Sauerländer. Suhrkamp schwieg, Sauerländer sagte zu. Bulla schrieb an Suhrkamp, dass er die Gedichte zurückziehe. Da antwortete der Lektor sofort: Nächstes Mal solle sich der Dichter bitte direkt an ihn wenden.

Verleger Siegfried Unseld missfällt aufmüpfige Kleinschreibung

Das tat Bulla, und so erschienen zwischen 1980 und 1986 drei Lyrikbände von ihm bei Suhrkamp. Der Lyriker befleißigte sich damals einer progressiv-aufmüpfigen Kleinschreibung. Verleger Siegfried Unseld meldete sich noch vor Drucklegung des ersten Bandes: Klein schreiben könne Bulla ja privat, für das Buch bitte nicht. „Ich musste das ganze Manuskript noch mal korrigiert abtippen“, sagt Bulla, und der Schnauzbart zieht sich in die Breite.

Die Jahre mit Suhrkamp waren wichtig. Die Jahre nach Suhrkamp waren wichtiger. Zumindest waren sie das für die niedersächsische Literaturszene. Denn Bulla hatte inzwischen den niederländischen Kleinverleger Eric van der Wal aus Bergen in Nordholland kennengelernt. Van der Wal druckte deutsche Gedichte. Bulla begann, die schmalen Büchlein, liebevoll handgesetzt, handgedruckt, handgebunden, zu lektorieren.

Bulla wird Lektor für Kleinverleger van der Wal – und verhilft vielen Autoren aus Niedersachsen zum Lyrik-Debüt

Mehr als 120 Bände hat Bulla für van der Wal betreut, mindestens ein Drittel davon waren Debüts. Die beiden haben sehr vielen (und vorwiegend niedersächsischen) Lyrikern zu ihrer ersten eigenständigen Veröffentlichung verholfen. In ähnlicher Weise arbeitet Bulla heute noch mit dem Künstler und Büchermacher Peter Marggraf von der San Marco Handpresse in Neustadt am Rübenberge zusammen. In zahllosen Schreibseminaren hat er zudem seine Kenntnisse an den Nachwuchs weitergegeben, weil er weiß, „wie förderlich Literaturgespräche sind“: Er gehört seit 25 Jahren einem Kreis von Kolleginnen und Kollegen an, die sich regelmäßig treffen und Texte besprechen.

Zusammenarbeit mit Peter Marggraf von der San Marco Handpresse in Neustadt

Bullas Texte finden sich in mehr als 30 Büchern, und es sind auch etliche Prosaarbeiten dabei. Aber in erster Linie ist Hans Georg Bulla Lyriker. Und zwar einer, der es überhaupt nicht nötig hat, die eigenen Sätze bildungshuberisch mit Angelesenem aufzuladen oder sich hinter hermetischen Versen zu verstecken. Er erzählt. Vom Am-Tisch-Sitzen, von der Katze, vom Sommer, von Sehnsucht, von früher. Ganz schlicht. Aber die Gedichte funkeln.

Bulla tut das, was er damals in der leeren Aula vorgelesen hat: Er schreibt die Stille auf.

Vom Schreiben und Büchermachen

Vor Kurzem hat Hans Georg Bulla eine Anthologie lektoriert: Beim Büchermacher Peter Marggraf ist mit „So weiß das Papier“ ein Buch über das Schreiben und Büchermachen entstanden, mit diversen Autoren, und von jedem hat Marggraf eine Kohlezeichnung angefertigt – auch von Bulla.

Das Buch versammelt auf 70 Seiten Texte von 14 Autoren. Es kostet 25 Euro und ist über die San Marco Handpresse, Im Winkel 5, 31535 Neustadt, zu beziehen.

Bei Peter Marggraf wird anlässlich des 70. Geburtstags demnächst auch ein neuer bibliophiler Band mit Gedichten von Hans Georg Bulla erscheinen, handgesetzt und mit einer Radierung von Marggraf. Der Titel: „Landflüchter“.

Von Bert Strebe

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