Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Hans Küng: "Die Leute gieren nur noch nach Geld"
Nachrichten Kultur Hans Küng: "Die Leute gieren nur noch nach Geld"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:56 17.04.2013
Von Kristian Teetz
Foto: Der Kirchenkritiker Hans Küng spricht im HAZ-Interview über sein „Projekt Weltethos“ und den neuen Papst.
Der Kirchenkritiker Hans Küng spricht im HAZ-Interview über sein „Projekt Weltethos“ und den neuen Papst. Quelle: Michael Latz
Anzeige
Hannover

Im Jahr 1990 veröffentlichte Hans Küng sein Buch „Projekt Weltethos“. Dieses Projekt wird von der Grundüberzeugung getragen, dass die Religionen der Welt einen entscheidenden Beitrag zum Frieden der Menschheit leisten können, wenn sie sich auf ihre bestehenden ethischen Gemeinsamkeiten besinnen. Das „Weltparlament der Religionen“ – eine Zusammenkunft von Vertretern aller großen Religionen –  verabschiedete vor 20 Jahren die „Erklärung zum Weltethos“. Die 1995 gegründete Stiftung Weltethos verbreitet Küngs Ideen mithilfe von Ausstellungen, Büchern und Vorträgen.

Kritiker werfen Hans Küng unter anderem vor, dass seine Ideen nicht umsetzbar sind. „Zweifellos ist es verlockend, an ein Weltethos als an ein nur zu entdeckendes und verpflichtendes ,Gemeinsames’ zu glauben, und zwar umso mehr, als sich die Furcht als plausibel erweist, dass die Menschen sich und die Welt über kurz oder lang zugrunde richten. Trotzdem bleiben die aufgeführten Gesichtspunkte zu großmaschig und unpraktikabel und hängen theoretisch in der Luft“, schreibt etwa die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Scharfe Kritik äußerte auch der Philosoph Robert Spaemann.

Hans Küng zieht sich am kommenden Montag vom Vorsitz der „Stiftung Weltethos“ zurück. Nachfolger wird Eberhard Stilz, Präsident des Staatsgerichtshofs für das Land Baden-Württemberg. Im Freizeitheim Vahrenwald in Hannover ist noch bis zum 30. Mai eine Ausstellung der Stiftung Weltethos zu sehen, die vor allem Schulklassen das „Projekt Weltethos“ nahebringen soll.

In Hannover wird die Ausstellung der Stiftung Weltethos gezeigt, deren Präsident Sie sind. Was verstehen Sie unter dem Begriff „Weltethos“?

Das „Projekt Weltethos“ strebt an, Frieden unter den Religionen, Kulturen und Nationen auf der Basis einiger gemeinsamer elementarer ethischer Werte, Maßstäbe und Haltungen zu schaffen.

Das heißt, Sie wollen ethische Grundlagen für die ganze Menschheit. Wer definiert diese Regeln?

Niemand. Wir müssen diese Regeln nicht erfinden, das können wir gar nicht. Sie sind schon gegeben, man findet sie vor, wenn man die großen Religionen untersucht.

Welche Regeln sind das?

Wir folgen in unserem Projekt zwei Grundregeln. Zum einen ist dies das Humanitätsprinzip: Jeder Mensch soll menschlich und nicht unmenschlich behandelt werden. Und zum zweiten die goldene Regel der Gegenseitigkeit: Tue nicht anderen, was du nicht willst, das sie dir tun. Dazu kommen vier Imperative der Menschlichkeit: Nicht morden. Nicht falsches Zeugnis geben. Nicht Sexualität missbrauchen. Nicht stehlen. Das Entscheidende ist, dass diese Prinzipien und Weisungen in allen großen Religionen und Traditionen existieren.

Gibt es denn eine Leitreligion, eine Leitkultur?

Nein. Es ist ganz wesentlich für das Projekt, dass man nicht verlangt, eine einzige Religion zu bilden. Im Gegenteil: Es kann jeder seine Religion beibehalten.

Ist Ihr Projekt ausschließlich auf den Dialog zwischen Religionen ausgerichtet?

Keinesfalls. Es können genauso Menschen ohne Religion dabei sein. Wir dürfen die Atheisten, die Skeptiker, die Agnostiker nicht ausschließen. Insofern geht es um eine Allianz zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden.

Sind die Weltreligionen Chance oder Stolperstein auf dem Weg zu Frieden?

Sie sind beides: Sie können zu Hass aufrufen, können die Ressentiments verstärken, können sogar zu Krieg führen. Aber sie können natürlich auch zum Frieden anstiften und versöhnend wirken. Für beides gibt es Beispiele.

An welche Beispiele denken Sie?

Die negativen sind wohlbekannt. Man liest ja täglich darüber in der Zeitung. Aber wir wissen doch auch, dass gerade die Religionen und religiös motivierte Menschen dazu beigetragen haben, die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland herbeizuführen. Dass die Kirchen auch maßgeblich an der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen beteiligt waren. Und in Südafrika waren es ebenfalls kirchliche Kreise, die mithalfen, die Apartheid friedlich und ohne Blutvergießen abzuschaffen. Das „Projekt Weltethos“ arbeitet dafür, dass die Religionen sich von der guten Seite zeigen und dass sie zum Frieden und nicht zum Hass aufrufen.

Die Imperative, nicht zu töten, nicht zu stehlen, die Würde des Menschen zu achten, existieren seit Jahrtausenden. Aber gegen diese Regeln wird immer wieder verstoßen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus, dass Sie das mit Ihrem Projekt ändern können?

Stellen Sie sich vor, wir hätten gar keine Regeln. Es ist doch so, dass der Großteil der Menschheit sich an elementare Regeln halten will und auch hält. Aber wir haben immer wieder Situationen, in denen Menschen diese Normen verletzen. Sie brechen diese Regeln, etwa aus egoistischen Gründen.

Aber wie können Sie dem entgegenwirken?

Es kommt darauf an, zum Bewusstsein zu bringen, dass diese Regeln nicht beliebig, sondern universal sind. Die grundlegenden Regeln, die ich genannt habe, gelten in allen Situationen der Menschheit.

In Ihrem Buch „Handbuch Weltethos“ schreiben Sie, dass ohne „katastrophales Versagen der Moral“ mehrere Krisen der jüngeren und jüngsten Geschichte hätten verhindert werden können. Gilt das auch für die Euro- und Finanzkrisen der vergangenen Jahre?

Es gibt natürlich ein vielfaches Versagen der Märkte, es gibt ein vielfaches Versagen von Institutionen, die die Märkte nicht genug überwacht haben. Aber es gibt eben auch ein Versagen der Moral. Es ist keine Frage, dass diese institutionalisierte Gier, die durch die neuen Finanzmethoden der Banken seit den neunziger Jahren aufgekommen ist, geradezu zu diesen Zuständen geführt hat. Die Leute gieren nur noch nach Geld, und jedes Mittel ist erlaubt. Da muss ein Gesinnungswandel eintreten. Selbst von großen Banken, etwa der Deutschen Bank, wird ja mittlerweile gefordert, eine neue Bankenkultur zu schaffen. Da muss man sagen: Ja, wahrhaftig! Aber nicht eine andere Kultur, sondern überhaupt eine Kultur. Bislang hatten wir in diesem Bereich eine Unkultur. Da müssen die Köpfe und Herzen der Menschen verändert werden. Auch Ökonomie braucht Moral.

Einer der zentralen Punkte des „Projekts Weltethos“ ist der Dialog zwischen den Religionen. Hat Papst Benedikt XVI. in seinem Pontifikat da etwas in Ihrem Sinne erreicht?

Es war ja eine kühne Tat von ihm, mich damals (im September 2005, kurz nach der Wahl Benedikts, d. Red.) als seinen schärfsten Kritiker zu einer Unterredung nach Castel Gandolfo einzuladen, wo wir vier Stunden in freundschaftlicher Weise miteinander geredet haben. Nach dem Gespräch damals war mir eigentlich klar, dass er sich für den Dialog der Religionen einsetzen will.

Hat er das Versprechen eingelöst?

Leider hat es sich in der Wirklichkeit nicht bewährt. Er hat seine unglückselige Rede in Regensburg gehalten, die alle Muslime verärgert hat. Er hat die Karfreitagsfürbitte wieder rückgängig gemacht in die alte Form, was die Juden verärgert hat. Er hat die Lateinamerikaner und Indios verärgert, als er sagte, sie hätten sich nach den spanischen und portugiesischen Eroberern gesehnt.

Nicht zu vergessen die Protestanten.

Richtig. Auch die hat er verärgert, als er sagte, sie seien gar keine richtigen Kirchen. Benedikt hat leider nicht viel Gutes erreicht, sondern viel durcheinandergebracht.

Erhoffen Sie sich denn vom neuen Papst Verbesserungen, oder ist es noch zu früh für eine Prognose?

Man kann auf jeden Fall sagen, dass er sehr gut angefangen hat. Es geht ja nicht um einzelne Taten, sondern um einen neuen Stil der Einfachheit, der Schlichtheit, der Bescheidenheit: keine pompöse Kleidung, kein unnötiges Pathos. Er hat sich als Mensch gezeigt und nicht als Vize-Gott auf Erden.

Papst Franziskus hat am Wochenende ein Beratungsgremium aus acht Kardinälen gegründet, das an der Reform der Kurie arbeiten soll. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Ich hoffe, dass auf diesem Weg wirkliche Strukturreformen erreicht werden und nicht nur oberflächliche kosmetische Verbesserungen. Ich beurteile diesen Schritt positiv.

Ist die Berufung dieses Gremiums ein Schritt weg von der Allmacht des Papstes?

Ja, insofern, als er sieht, dass er allein nicht durchkommt. Es ist ja ein Zeichen der Kollegialität, wenn er acht Kardinäle bittet, mit ihm zu diskutieren, was getan werden soll.

Herr Küng, eine letzte persönliche Frage: Ihnen wurde 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Erhoffen Sie sich vom jetzigen Papst eine Rehabilitierung?

Na ja, das wäre nett. Es wäre ein Zeichen für viele, dass Unrecht wieder gutgemacht wird. Dass im Grunde wir auf dem richtigen Weg waren und nicht diejenigen, die uns angegriffen und verleumdet haben. Insofern wäre es natürlich schön, wenn das noch zu meinen Lebzeiten geschieht.

19.04.2013
Kultur Finanzierungsprobleme wegen Sparpolitik - Den Museen geht das Geld aus
16.04.2013
16.04.2013