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Kultur Hans Magnus Enzensberger: Ein Lob der Inkonsequenz
Nachrichten Kultur Hans Magnus Enzensberger: Ein Lob der Inkonsequenz
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19:36 10.11.2009
Von Karl-Ludwig Baader
Vielen bleibt er ein wenig schleierhaft: Hans Magnus Enzensberger spricht vor Schülern.
Vielen bleibt er ein wenig schleierhaft: Hans Magnus Enzensberger spricht vor Schülern. Quelle: ddp
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Ob nun der zergrübelte und zerquälte, tiefsinnige und tiefernste Dichter oder der politisch engagierte Intellektuelle – Hans Magnus ­Enzensberger erfüllt weder das traditionell bildungsbürgerliche noch das traditionell linke Klischee vom Schriftsteller. Noch heute versetzt der seit Jahrzehnten jungenhaft-spitzbübisch wirkende ­Autor, der heute vor 80 Jahren in Kaufbeuren geboren wurde, Freund und Feind ob seiner intellektuellen Beweglichkeit in Erstaunen. Manche glaubten, ihm zu folgen, während er schon wieder ganz andere politische oder theoretische Wege erkundete – vereinnahmen ließ er sich nie.

Als er in seinen Zwanzigern ins öffentliche Leben der noch jungen Bundesrepublik trat, sah man in ihm den damals hoch im Kurs stehenden Typus des „engagierten Intellektuellen“, der sich der gesellschaftlichen Aufklärung verschreibt und die Selbstzufriedenheit der von ihrem eigenen Wirtschaftswunder beeindruckten Gesellschaft aufstört. Mit dem lakonischen Sarkasmus in seinem Gedichtband „Verteidigung der Wölfe“ (1957) und einem frechen Essay über die Sprache des „Spiegels“ (der ihm prompt die Einladung einbrachte, für das Nachrichtenmagazin zu schreiben) wurde er zum jungen Star, 1963 bekam er sehr früh den hoch angesehenen Georg-Büchner-Preis.

In der sich entwickelnden Protest­bewegung der späten Sechziger spielte er eine prominente Rolle, gründete und redigierte deren Sprachrohr, das „Kursbuch“. Dass er sich später, im Rückblick, als „teilnehmender Beobachter“ sah, der also mit ethnologischem Interesse diese linke Bewegung begleitete, ist von vielen Historikern als Selbststilisierung entlarvt worden. Er erging sich durchaus in zugespitztem Verbalradikalismus, als er beispielsweise anlässlich einer Demonstration gegen die Notstandsgesetze einen militanten Aufruf formulierte: „Schaffen wir endlich, auch in Deutschland, französische Zustände.“ Sein Jahrgangsgenosse Jürgen Habermas charakterisierte ihn damals als „zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre“.

Vielleicht hatte der Narr ein besonderes Gespür für die Narrheiten dieser Bewegung, auf jeden Fall schaute er genauer hin. Enzensberger, der sich immer mal wieder für eine gewisse Zeit nach Norwegen oder Italien zurückzog, setzte sich 1968 den Strapazen des realen kubanischen Sozialismus aus und verabschiedete sich bald von seinen Illusionen. Schon zwei Jahre zuvor hatte er linken Kritikern, denen er nicht orthodox genug war, mitgeteilt: „Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.“

Sein „Recht auf Irrtum“ hat er immer wieder verteidigt und 1982 das „Ende der Konsequenz“ gefordert, gefeiert und mit der tänzelnden Leichtigkeit seines Stils beglaubigt. Er hat die kleinbürgerliche Gemütlichkeit genauso gegeißelt, wie er das Lob der Normalität gesungen hat, er hat den Krieg im Kosovo und Irak unterstützt – dabei Saddam Hussein als „Wiedergänger Hitlers“ beschrieben (diese Gleichsetzung später aber korrigiert). Er hat nicht nur viele Themen (von der Medientheorie bis zum spanischen Anarchismus) und Textsorten (Lyrik, satirische Oratorien wie den „Untergang der Titanic“, Essays, Reportagen und Kinderbücher, auch Abhandlungen über Mathematik) ausprobiert. Er hat seine Neugier und Vielseitigkeit auch bei vielen Tätigkeiten bewiesen: als Redakteur („Transatlantik“), als Übersetzer, als Entdecker und Förderer (Christoph Ransmayer, W.  G. Sebald), als Verleger, („Andere Bibliothek“).

Der Lernbegierige traute Universitäten und Schulen nicht allzu viel zu, er orientierte sich an Personen, deren Eigensinn und Abenteuerlust er bewunderte. Das galt nicht nur für Alexander von Humboldt, dessen Werke er neu herausgab, oder den französischen Enzyklopädisten Denis Diderot.

Er ist zutiefst davon überzeugt, dass es intellektueller Wortführer nicht mehr bedarf (zumal sich diese wegen ihrer intellektuellen Blindheit immer wieder blamiert haben). Er setzt der Aufgeregtheit des Engagierten die Abgeklärtheit des Skeptikers entgegen.

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