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00:17 22.06.2014
Der zweite Krimi von Potter-Autorin Rowling ist wieder unter Pseudonym erschienen. Quelle: JUSTIN TALLIS
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London

„Seidenwürmer, welche sich mit liebender Hast selbst dem Tode näher spinnen, das köstliche Geweb’ aus ihrem Innersten entwickeln, und nicht eher ruhen, bis daß sie sich in ihren Sarg gesponnen ...“ So heißt es im „Damen Conversations Lexikon“ von 1834 über die Tiere, die J. K. Rowlings am Donnerstag in englischer Sprache veröffentlichtem Krimi „The Silkworm“ ihren Namen geben. Um an die Seide zu kommen, verbrennen die Menschen die Larven im Kokon gemeinhin – und auf ähnlich grausame Weise lässt die Harry-Potter-Autorin ihr Opfer in ihrer jüngsten Fiktion sterben. Mit Säure übergossen wird der Schriftsteller Owen Quine, dessen Genius nicht ganz so groß ist wie seine Selbstliebe, in einem grausigen Ritualmord hingerichtet. Der verschlossene Privatdektektiv Cormoran Strike, der als Soldat ein Bein verlor und durch seine massige Statur auffällt sowie seine warmherzige und pfiffige Assistentin Robin begeben sich auf die Suche nach dem Mörder.

Es ist der zweite Fall für das Ermittlerduo. Die Geschichte um den ersten Band, „Der Ruf des Kuckucks“, klingt selbst wie ein Krimi: Die britische Verlagsgruppe Little Brown Book veröffentlichte den Roman unter dem Pseudonym Robert Galbraith im April 2013, er bekam wohlwollende Kritiken, ging innerhalb von drei Monaten jedoch nur 1500 Mal über den Ladentisch. Dann die Enthüllung: Die Bestsellerautorin J. K. Rowling, die zuletzt den mittelmäßigen Roman „Ein plötzlicher Todesfall“ vorgelegt hatte, steckt hinter dem Pseudonym. Im Nachhinein kursierten die abenteuerlichsten Theorien, wie man Rowling von Anfang an hätte enttarnen müssen: Die genaue Beschreibung von Damenmode weise auf eine weibliche Feder hin. Ein Oxford-Professor wollte gar über ein Computerprogramm, das die Häufigkeit von Wörtern misst, auf Rowlings Spuren gekommen sein.

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Joanne K. Rowling schreibt wieder unter Pseudonym

Es mag sein, dass Rowling diese Erfahrung zu ihrer jüngsten Geschichte inspiriert hat. Denn auch in „The Silkworm“ geht es um ungewisse Autorschaften und um versteckte Botschaften im letzten Werk des Opfers. In einem Schlüsselroman portraitierte Owen Quine Verleger, Geschäftsführer, Frau, Geliebte und einen erfolgreicheren Schriftstellerkollegen auf wenig schmeichelhafte Weise und plauderte dabei auch noch ihre schmutzigen Geheimnisse aus. Die Liste möglicher Mörder ist also lang.

Der später ermordete Schriftsteller wählte den Romantitel „Bombyx Mori“ – lateinischer Name für Seidenwurm. Das Opfer nennt sich im Roman selbst so, seine Weggefährten stellt er als widerwärtige Insekten oder Giftpilze dar. Rowling kostet die Anspielungen auf diese seltsame, allegorische Parallelwelt so genüsslich aus wie in ihren Romanen um den Zauberlehrling Harry Potter. Es macht Spaß, ihren Ermittlern dabei zuzuschauen, wie sie Verbindungen zwischen Realität und dem Roman aufdecken. Das ewig regnerische London, das Rowling mit ihre Schilderung von Menschen mit feuchter Kleidung in der U-Bahn wunderbar einfängt, ist die perfekte Kulisse für die düstere Geschichte.

Auch die Dramaturgie passt: Cormoran Strike geht in Pubs, Verlagsgebäude und auch mal mit einer Frau ins Bett, um an winzige Informationsdetails zu gelangen, die ihn zur nächsten Station führen. Auch das ungleiche Ermittlerpaar – der versehrte Held mit weichem Kern und die hübsche Sekretärin mit Köpfchen – und die verhohlene erotische Anziehungskraft zwischen den beiden ist reizvoll. Lediglich die Verehrung von Armee und Soldatentum stößt beim Lesen bitter auf. Strike – selbst der Name „Treffer“ passt zu seiner Veteranenkarriere – sehnt sich nach der Anonymität der Truppe, immer wieder kommt er auf soldatische Tugenden wie Ehre und Ordentlichkeit zu sprechen. Rowling teilt diese Einstellung offenbar: Ihrem Alter Ego Robert Galbraith dichtete sie eine Soldatenkarriere samt Tapferkeitsmedaille an. Und das Geld, das der Anwalt zahlen musste, der das Geheimnis ihrer Autorschaft ausplauderte, spendete sie an Kriegsveteranen.
In deutscher Sprache erscheint „Der Seidenspinner“ am 24. November bei Blanvalet. Der Verlag hatte sich die Rechte am ersten Cormoran-Strike-Roman gesichert, ohne zu ahnen, dass er sich damit eine Bestsellerautorin ins Haus holte. Vom ersten Band „Der Ruf des Kuckucks“ wurden bislang 300 000 Exemplare verkauft.

Rowling hat zwei lesenswerte Krimis geschrieben, die im Vergleich mit den Potterromanen jedoch gewöhnlich wirken. Doch was aus ihrer Feder kommt, verkauft sich gut. Insofern ist J. K. Rowling die wahre Seidenspinnerin.

Robert Galbraith (alias J. K. Rowling): „The Silkworm“ (englischsprachige Originalausgabe), Sphere Books, 464 Seiten; 19,95 Euro

Nina May

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