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Kultur Harry Rowohlt im Pavillon
Nachrichten Kultur Harry Rowohlt im Pavillon
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08:00 17.01.2011
Harry Rowohlt liest im Pavillon. Quelle: Nico Herzog
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„Die Kunst bei einer Lesung ist das Zuhören, nicht das Vorlesen“, sagt der, der vorliest zu denen, die zuhören, treffend. Er sagt das in der ersten Hälfte seiner Lesung zum Fotografen, der mit seiner Arbeit den Vortragenden stört. Natürlich hat der Übersetzer, Autor und Schauspieler Harry Rowohlt recht mit der Behauptung, es kommt bei einer Lesung auf das Zuhören an. Und wie sollte man ihm, dem begnadeten Vorleser, nicht gerne zuhören? Seine Lesungen sind legendär, weiß man doch, dass sie nur zur Hälfte aus Gelesenem bestehen – die andere Hälfte sind spontan eingeflochtene Betrachtungen und Anekdoten, alltagsphilosophische Erbauungen und etymologische Belehrungen, Witze und gesungene Hymnen, die einen Harry-Rowohlt-Abend erst ausmachen. Wie die vom Fußball-Bundestrainer Jogi Löw, der während der letzten Weltmeisterschaft beim Popel-Essen an der Seitenlinie zu sehen war, groß im Fernsehen, woraufhin Rowohlt ausländische Freunde anerkennend ansprachen: „Dass bei euch Türken und Neger mitspielen – geschenkt. Aber dass euer Trainer Popel isst ...“ Darauf gekommen ist Rowohlt beim Vorlesen aus dem von ihm übersetzten Buch „Sie sind ein schlechter Mensch, Mr Gum!“ von Andy Stanton, ein Werk „in der Tradition des schwerst bekifften englischen Kinderbuchs“, wie Rowohlt sagt. Wobei er an dieser Stelle nicht umhinkann zu erklären, warum aus dem „Mr Gum“ beim Übersetzen nicht „Herr Gumm“ geworden ist. Schließlich, so Rowohlt, „wird man nicht dafür bezahlt, dass man ,Sandwich‘ mit ,Sandwich‘ übersetzt, sondern mit ,Klappstulle‘“ – aber das führte hier zu weit.

Harry Rowohlt, 65-jähriger Hamburger, liest mit Hingabe. Er lässt seine Stimme raunzen, knarzen, knurren oder bellen, mühelos wechselt er die Sprecherrollen, verleiht allen Figuren eines Textes eigene Färbungen – und unterbricht sich gerne selbst, oft inmitten eines Satzes. Dann ist ihm wieder etwas eingefallen, das er an dieser Stelle unbedingt noch erzählen muss, zum Beispiel, woher er sich die Stimme des Esels I-Ah aus „Pu, der Bär“ geliehen hat, das hoffentlich jedes Kind in Rowohlts Übersetzung und, viel wichtiger, von ihm gelesen auf Tonträger gehört hat: „Zu 80 Prozent Georg Lenz und zu jeweils zehn Prozent Peter Zadek und Hildegard Knef.“ Rowohlt ist ein Meister des sprachlichen Ausdrucks und ein hervorragender Übersetzer – aber er ist auch ein Selbstdarsteller, der spielend den Vortragstext vergessen lässt und stattdessen seine eigenen Entertainerqualitäten in den Mittelpunkt rückt.

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Rowohlt hat seine Lesungen früher gerne „Schausaufen mit Betonung“ genannt, weil die Flasche Whiskey stets mit auf dem Tisch stand und nicht nur Requisite war. Seit fast vier Jahren aber, seitdem er an Polyneuropathie leidet, verzichtet er auf Alkohol. („Mein Arzt sagt, ich dürfe mir durchschnittlich viermal im Jahr die Kante geben. Seitdem hab’ ich Angst, die Termine zu verpassen.“)

Er erzählt ein paar Schwänke von den Dreharbeiten der „Lindenstraße“, bei der er den Obdachlosen Harry spielt, liest alte und neuere Kolumnen, die er für die „Zeit“ geschrieben hat, erfreut sich und das Publikum mit norddeutschen Adjektiven wie muksch, fiensch und figeliensch („die Steigerung in Hamburg davon ist ,katholisch‘“) und verabschiedet sich mit der vorab eingebauten Zugabe „Knolls Katzen“ von Jan Neumann, einem furios-skurrilen Einakter. Und wer dann, nach mehr als drei Stunden Nettolesezeit, noch keine Ermüdungserscheinungen zeigt, ist gestandener Wagner-Hörer, Proust-Gesamtleser oder Herr-der-Ringe-Trilogie-am-Stück-Gucker. Alle anderen rufen sich wieder in Erinnerung, dass die Kunst bei einer Lesung das Zuhören ist, nicht das Vorlesen, und gehen erschöpft, aber glücklich nach Hause.

Matthias Schmidt

Am 4. April kommt Harry Rowohlt zu einem Zusatztermin in den Pavillon.