Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Haus der Geschichte ordnet Dauerausstellung neu
Nachrichten Kultur Haus der Geschichte ordnet Dauerausstellung neu
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:28 24.05.2011
Ein alter VW Bulli als Symbol der Jugendrevolte der sechziger Jahre. Im Haus der Geschichte ist der Wagen Teil der Dauerausstellung zur deutschen Geschichte. Quelle: Haus der Geschichte
Anzeige

Der rosa bemalte Hippie-Bulli aus Kalifornien mit Regenbogen und Peace-Zeichen auf der Front und den trocknenden Marihuana-Blättern im Fond gehört nun fest zur deutschen Geschichte. Der gediegene, schwarzglänzende Adenauer-Mercedes 300 musste weichen. Er steht jetzt im Keller des Hauses der Geschichte, dort, wo auf einem toten Gleis der von Adenauer und Brandt genutzte Kanzlerzug steht, der schon Reichsmarschall Göring durchs Reich fuhr.

Das Haus der Geschichte in Bonn hat seine Dauerausstellung neu sortiert, und Bundespräsident Christian Wulff ist am Montag zur Eröffnung gekommen. In seiner Rede hat er nicht nur an die Verabschiedung des Grundgesetzes vor 62 Jahren erinnert, die Bedeutung des Hauses der Geschichte betont, sondern überhaupt dazu animiert, sich intensiv und kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. „Geschichte ist kein gemütlicher Themenpark, kein Nostalgieprojekt“, sagte er.

Anzeige

Geschichtsbewusstsein bedeute nicht, „dass wir glauben, am besten bleibe alles so, wie es ist“, warnte Wulff, „im Gegenteil, gerade wer ein lebendiges Bewusstsein von Geschichte hat, der weiß, dass nichts bleibt, wie es ist, dass niemals etwas geblieben ist, wie es war“.

Von der eigenen Geschichte wurde Wulff eingeholt, als er gefragt wurde, was ihn emotional mit dem bunten VW-Bus verbinde. Wulff begann, von der tollen deutschen Autoindustrie zu schwärmen, merkte dann die Irritation bei der Presse und entschuldigte sich eilig: Für wilde Erinnerungen an einen Hippie-Bully von 1966 sei er zu jung.

Der rosa VW Bus steht hier als Symbol einer Jugendrevolte: Man hört Hendrix und die Stones, das rote Che-Guevara-Transparent ist nicht weit, die Apo skandiert „Ho, Ho, Ho Chi Minh“, und aus der Kulisse des Hauses der Geschichte drängt gleichsam ein dunkelgrünes Monster von Wasserwerfer hervor. Protest- und Jugendkultur lassen Adenauers Karosse alt aussehen: Auf diese einfache Formel lässt sich der Wandel bringen, der auf den zweiten Blick natürlich viel komplexer funktioniert.

Nach drei Jahren Vorarbeiten und Planungen und acht Monaten Umbau präsentiert sich das Bonner Haus der Geschichte jetzt in großen Partien völlig verändert. Die Geschichte ist neu sortiert worden, man hat die Akzente versetzt: Es gibt große eindrückliche Bilder und Objekte, dafür weniger kleinteilige Inszenierung und Lesearbeit. Die bereits 2001 im Nachgang zur Wiedervereinigung umgebaute Dauerausstellung ist klarer, logischer geworden.
Ein Beispiel: Während 2001 das Kapitel Wiedervereinigung, sehr emotional präsentiert, fast etwas in der Luft hing, erscheint es jetzt etwas nüchterner, dafür eingebettet in einen spannend erzählten Strom der Geschichte.

Die ganze Dramatik des Mauerfalls wird in der Ausstellung jetzt nachvollziehbar, weil Kalter Krieg und Mauerbau viel stärker thematisiert werden. Gerade hier sind neue Forschungen eingeflossen. Vor roten (DDR) und weißen (Bundesrepublik) Wänden wird die Konfrontation spürbar. Man sieht, wie die Massen aus dem Arbeiter- und Bauernstaat fliehen, mit der S-Bahn in den Westen, dann mit den Flugzeug in die Bundesrepublik. Man liest, wie Walter Ulbricht, Generalsekretär des ZK der SED, klagt: „Westberlin stellt also ein großes Loch inmitten unserer Republik dar, das uns jährlich mehr als eine Milliarde Mark kostet.“ Wenige Tage vor dem Mauerbau sagt der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im US-Senat, J. William Fulbright: „Ich verstehe nicht, weshalb die Ostdeutschen nicht schon längst zugemacht haben, denn ich glaube, sie haben jedes Recht dazu.“

Handschriftliche Protokolle in der Vitrine veranschaulichen den Weg des Befehls zum Mauerbau von Moskau nach Ostberlin. Dann kommen zwischen den Resten eines Stalinrasens, wie man die Hindernisse auf dem Todesstreifen nannte, einige Bilder, die man kennt, und viele, die weniger bekannt sind: vom Bau der Mauer, von Verzweiflung und Protest, von Resignation und Tod.

Die Ausstellungsmacher haben es nicht bei auffälligen Exponaten, Fotos, Dokumenten und Filmmaterial aus der jeweiligen Zeit belassen. Neu hinzugekommen sind insgesamt 15 biografische Stationen mit Zeitzeugenberichten, Interviews und etwa Ausschnitten aus Bundestagsreden. Politiker aller Couleur sind vertreten, aber auch „einfache“ Arbeiter, Vertriebene und Andreas Ibscher, genannt „Gosse“, von der Gammlerkommune in Gera. Es lohnt sich, vor der großen Kulisse der Objekte, diese kleinen Chroniken des Alltags zu sehen und zu hören.

Kaum einen Quadratzentimeter der Ausstellung haben die Planer ausgelassen. Schon im Eingangsbereich, wo der Rosinenbomber blieb und der Adenauer-Benz weichen musste, bemerkt man den Wandel. Das Thema Arbeit und die frühen DDR-Jahre erscheinen neu strukturiert, es gibt Sichtachsen und Überraschungen, darunter den riesigen russischen T-34-Panzer, der um die Ecke zu kommen scheint und die ganze Dramatik des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in Ostberlin spüren lässt. Jedes Objekt bringt seine Geschichte mit. Unter die Haut gehen etwa die Relikte eines über den Ural abgeschossenen Spionageflugzeugs aus der Zeit des Kalten Kriegs.

Deutsche Historie, durch die internationale Brille gesehen, das war eine der Vorgaben des neuen Konzepts. Sie ist besonders im letzten Kapitel aufgegangen: Auf Inseln werden die großen Probleme unserer globalisierten Welt thematisiert. Integration und Finanzkrise, Klimawandel und das lange Zeit Unaussprechliche in Afghanistan: Das Tagebuch eines deutschen Soldaten liegt da. „Sandra, ich liebe Dich. Es geht nach Kundus, ist das Krieg? Wer weiß. Jedenfalls sterben dort Menschen.“ Und über dem Kopf kreisen die neuesten Meldungen der Nachrichtenagenturen.

Thomas Kliemann