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Kultur Heiner Goebbels inszeniert John Cage
Nachrichten Kultur Heiner Goebbels inszeniert John Cage
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06:15 22.08.2012
Von Rainer Wagner
Zum Auftakt der Ruhrtriennale zeigt Heiner Goebbels seine Inszenierung von „Europeras 1 & 2". Quelle: dpa
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Bochum

Er wollte ein Zirkusdirektor sein, wenn er nicht gerade als Zen-Gelehrter unterwegs war. US-Komponist John Cage hatte einen „Circus of Independent Elements“ im Sinn, aber aus den voneinander unabhängigen Elementen hat man ihm jetzt einen Sockel gebaut. Schließlich wäre Anfang September sein 100. Geburtstag zu feiern. Doch zum Denkmal taugt er nicht, dieser Tüftler und Spieler, dieser Anarchist mit der Vorliebe für zufallsbestimmte Regeln.

Prompt wurde die Cage-Huldigung, die Heiner Goebbels zum Auftakt der Ruhrtriennale inszenierte, ein länglicher Musiktheaterabend, der Respekt und Ausdauer forderte, aber kaum Begeisterung weckte. Oder waren die Erwartungen zu groß? Immerhin ist Goebbels selbst ein wichtiger Komponist und Schöpfer eigenständiger szenischer Konzerte und Musiktheaterabende - und neuerdings Intendant der Ruhrtriennale, die nicht so heißt, weil sie nur alle drei Jahre stattfindet, sondern weil jeder Intendant drei Jahre Spielzeit hat. Diese begann Goebbels (der am Premierentag seinen 60. Geburtstag feierte) mit „Europeras 1 & 2“.

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Den Werktitel kann man mit „Europas Opern“ übersetzen, aber auch mit „Eure Opern“. Cage hat den Inhalt seiner Arbeit pointiert zusammengefasst: „200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt, jetzt schicke ich sie zurück - und zwar alle auf einmal.“ Weil man Sperriges besser versenden kann, wenn man es zerlegt, hat er die Operntradition demontiert. Er hat die Opern in ihre Bestandteile zersplittert: Arien, Orchesterbegleitung, Kostüme, Bühnenbilder, Aktionen und Beleuchtung. Dann hat er all diese unabhängigen Elemente nach dem Zufallsprinzip neu zusammengesetzt.

Als das Werk vor 25 Jahren in Frankfurt uraufgeführt wurde, provozierte diese Musiktheatercollage auch manchen Lacher. Und als der Regieirrwisch Nigel Lowery 2011 in Hannover gleich alle fünf „Europeras“ auf die Bühne brachte, wurden Scherz, Satire und tiefere Bedeutung putzmunter durcheinander gewirbelt: zur Freude des Publikums. In Bochum gibt es den ersten Lacher nach 19 Minuten. Er sollte einsam bleiben. Der Witz, dass nichts mit nichts zusammengehört und zusammenpasst, verläuft sich in der Tiefe des Raumes. Das ist bei der Jahrhunderthalle wörtlich zu nehmen, denn die Bühne ist geschätzte 60 Meter tief. Wer dann noch in den hinteren, erhöhten Zuschauerreihen sitzt, hat zwar den besseren Überblick, ist aber von allem weit, weit entfernt.

Bühnenbildner Klas Grünberg hat die Spielfläche in Viererreihen aufgeteilt. Da hinten fackelt ein Weisheitstempel ab, vorne wird ein Vorhangprospekt nach dem anderen auf- und eingerollt. Zu Beginn geht erst einmal still eine Theatersonne auf, nach zwei Minuten ertönt der erste Ton. Und nach gut acht Minuten ist mit dem „Abendsegen“ aus „Hänsel und Gretel“ die erste Arie zu identifizieren.

Es rächt sich, dass Dramaturg Stephan Buchberger nach eigener Aussage in die Arienfindung eingegriffen hat. Jeder Sänger darf eigentlich singen, was er will - aber nicht wann und wo er will. Doch die Dramaturgie wollte nicht zu viele Opernhits, um den Erkennen-Sie-die-Melodie-Effekt zu verringern. So viel Vorsicht wäre gar nicht nötig gewesen, weil die zehn Solisten durchweg schwer zu verstehen sind. Wenn Bariton Nikolay Borchev im Louis-XIV.-Kostüm mit Lortzings „Wildschütz“ die „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ beschwört, erkennt man die Melodie eher als den Text. Was nicht selbstverständlich ist, weil etliche Sänger hörbare Probleme haben, ohne Begleitung oder gegen eine Begleitung anzusingen, die zusammenhanglos und deshalb für den Sänger sinnfrei tönt.

Es gibt be- und verzaubernde Momente, die meisten werden vom Bühnenbild bestimmt. Man freut sich, wenn Gounods Mephisto pfeift und weil dann „Europeras 1“ fast zur Hälfte vorbei ist: Die Spielzeit ist auf den großen Uhren abzulesen, die hier den Dirigenten ersetzen.

Das ist eine staunenswerte logistische Leistung, alles klappt, nichts hakt. Aber es springt auch nichts über. Der Beifall nach dem ersten Teil ist mehr Respektbekundung als Zeugnis der Begeisterung. Wenn die Bühnenassistenten zum Verbeugen von ganz hinten nach vorne an die Rampe mit dem Roller fahren, kommt doch noch mal Heiterkeit auf.

Dazu gibt es im zweiten Teil dann keinerlei Anlass mehr. Cage wollte beide Teile eigentlich pausenlos durchgespielt wissen, die Frankfurter Uraufführung nutzte aber die Pause, um das Publikum noch weiter zu irritieren (und in Hannover hatte man Teil 1 & 2 munter verquirlt).

In Bochum bog Goebbels endgültig vom Opernzirkus ins Museum ab. Nun hatte ihm Grünberg aus zweidimensionalen Grafiken einen engen Opernraum vorne an der Rampe imaginiert, in dem das Ensemble in Gewändern aus dem 18. und 19. Jahrhundert (Kostüme: Florence von Gerkan) erhabene Posen zu beliebigen Tönen abliefert. Das ist nicht nur Schwarz-Weiß, sondern auch Grau in Grau. Und es gibt nicht einmal eine sichtbare Uhr, die signalisiert, wann alles ein Ende hat. Die Taschenspielertricks des John Cage sind vergessen, es wird eine Partitur nachgelesen, aber nicht vorgelebt.

Am Ende sehr freundlicher, aber nicht enthusiastischer Beifall. Pilzkenner John Cage hätte wohl an alle Beteiligten ein paar berauschende Pilze verteilt.

Auch am 21., 29. und 31. August sowie am 2. September. www.ruhrtriennale.de.

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