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Kultur Heinrich Thies über sein neues Buch "Das Mädchen im Moor"
Nachrichten Kultur Heinrich Thies über sein neues Buch "Das Mädchen im Moor"
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07:17 10.09.2010
Heinrich Thies ist Reporter der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und mehrfacher Buchautor. Sein neuer Krimi „Das Mädchen im Moor“ erscheint von Sonnabend an als  Fortsetzungsroman in der HAZ.
Heinrich Thies ist Reporter der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und mehrfacher Buchautor. Sein neuer Krimi „Das Mädchen im Moor“ erscheint von Sonnabend an alsFortsetzungsroman in der HAZ. Quelle: HAZ
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Herr Thies, haben Sie kein Vertrauen zur deutschen Polizei?
Doch eigentlich schon. Als Gerichtsreporter habe ich allerdings erlebt, dass auch mal ein Falscher verdächtigt oder sogar eingesperrt werden kann.

In Ihrem neuen Roman „Das Mädchen im Moor“ hilft eine Journalistin – und eben kein Polizist – maßgeblich bei der Aufklärung mehrere Mordfälle. Ist das Ihr Journalistentraum?
Nein, überhaupt nicht, das würde ich mir auch niemals zutrauen. Auch wenn mich schon mehrmals Häftlinge angeschrieben haben. Die meinten, sie seien zu Unrecht verurteilt worden, und baten mich, ihren Fall neu aufzurollen. Es gibt ja durchaus Journalisten, die so was machen, zum Beispiel Sabine Rückert von der „Zeit“. Ich bewundere das sehr. Überflüssig wird die Polizei damit aber natürlich nicht, wie man auch an meinem Krimi
sieht.

Sie erzählen von einem 17 Jahre zurückliegenden Mord an einer Schülerin im Moor bei Walsrode. Sind Sie bei einem Sonntagsspaziergang zu Ihrem Buch inspiriert worden?
Das nicht gerade. Aber ich empfinde die Moorlandschaft als ungeheuer geheimnisvoll. Sie beflügelt die Phantasie – eine ideale Projektionsfläche. Das haben schon die Dichter der Romantik mit ihren Gespenstergeschichten bewiesen. Man bewegt sich auf schwankendem Grund, droht zu versinken. Das Moor ist daher eine sehr poetische Kulisse für einen Kriminalfall.

Sie schildern eine dubiose Sekte und trunksüchtige Bauern, und auch von Neonazis liest man in Ihrem Buch. Finden Sie es in Niedersachsen so düster?
Überhaupt nicht. Außerdem stehen in meinem Buch andere Figuren im Vordergrund: ein Lehrer, ein Rechtsanwalt, ein Hotelier, eine Sekretärin, also ganz bürgerliche
Figuren aus der Kleinstadt. Das Spannende im Krimi ist ja gerade, wenn durch ein Verbrechen der Alltag unter Generalverdacht gerät, wenn die vermeintliche
Normalität und Harmlosigkeit der Kleinstadt in einem anderen Licht erscheinen.

In „Das Mädchen im Moor“ geht es um mehrere Familien, die alles andere als intakt sind ...
Bei näherer Betrachtung zeigen sich immer Risse unter der vermeintlich glatten Oberfläche, die heile Welt gibt es nicht. Außerdem sind für mich Krimis moderne
Märchen: Da kann man Figuren und Situationen schon mal überzeichnen.

Sie zeigen in Ihrem Buch zahlreiche Menschen, die alle irgendwie in den 17 Jahre zurückliegenden Mordfall verstrickt sind. Hatten Sie vor Beginn des Schreibens die genaue Struktur des Buches geplant?
Nein, das hat sich entwickelt und durchaus geändert. Erst hatte ich vor, viel über eine Schule und die dortigen Lehrer zu erzählen. Meine Hauptfigur Markus Mahnke – also der Mann, der vor 17 Jahren als Mädchenmörder verhaftet wurde und jetzt freikommt – war Lehrer. Dann haben die Figuren ihr Eigenleben entwickelt.

Auch wenn Sie Markus Mahnke als Hauptfigur bezeichnen: Für mich war dessen halbwüchsiger Sohn Sören das Zentrum des Romans.
Das ist auch nicht falsch. Auf die Idee zu dem Buch bin ich durch einen realen Kriminalfall gekommen: ein Kindermörder mit einem Sohn, der wusste, was sein Vater gemacht hat. Das hat mich sehr beschäftigt. Wie entwickelt sich nach so einer schockierenden Erkenntnis das Verhältnis zwischen Vater und Sohn? Das war der Ausgangspunkt.

In Ihrem Krimi tauchen an mehreren Stellen Zitate von Hermann Löns und Georg Büchner auf. Warum von zwei so unterschiedlichen Dichtern?
Hermann Löns ist nun mal der Dichter der niedersächsischen Moor- und Heidelandschaft. Seine Texte sind zum Teil schwülstig, kitschig und voll von Blut-und-Boden-Metaphorik. Doch von Löns stammen auch wunderschöne Naturbeschreibungen, die einem die Augen für diese Landschaft öffnen. Und zu Büchner: Ich bin einfach ganz großer Fan, ich finde ihn genial. Büchner ist für mich ein unglaublich moderner Dichter, der die Zerbrechlichkeit der Menschen in Worte gefasst hat. Das Büchner-Zitat „Jeder Mensch is’ ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht“ habe ich meinem Buch als Motto vorangestellt. Außerdem ist Büchners „Woyzeck“ ja
auch eine Art Krimi; das Werk handelt ja auch vom Mörder einer jungen Frau.

Sie selber haben neben einer Romanbiografie über Ihre Mutter und Sachbüchern mehrere Krimis geschrieben. Was kann der Krimi, was andere Genres nicht leisten?
Erst einmal ist es ein Genre, mit dem man eine breite Leserschaft erreichen kann; und das möchte ich schon. Bei der Klärung eines Verbrechens kommt es immer
dazu, dass man das vermeintlich Vertraute mit anderen Augen betrachtet. Der Krimi ermöglicht eine Art Verfremdungseffekt: Ein Verbrechen verunsichert die Wahrnehmung, unseren Blick auf Normalität. Aufgabe des Ermittlers ist es zu klären, was sich hinter dem unscheinbaren Normalen verbirgt.

Interview: Martina Sulner

Heinrich Thies ist Reporter der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und mehrfacher Buchautor. Sein neuer Krimi „Das Mädchen im Moor“ erscheint von Sonnabend an als Fortsetzungsroman in der HAZ. Am 15. September kommt das Buch, verlegt im zu Klampen Verlag, in den Buchhandel. Am 24. September, 19.30 Uhr, liest Heinrich Thies daraus im Antiquitäten Café Schwarmstedt, Am Hohen Ufer 1, und am 28. September, 20.15 Uhr, in der hannoverschen Buchhandlung Schmorl & von Seefeld, Bahnhofstraße 14.