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Kultur Heinz Strunk: "In Afrika"
Nachrichten Kultur Heinz Strunk: "In Afrika"
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13:21 03.01.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Heinz Strunk: „In Afrika“. Rowohlt. 270 Seiten, 19,95 Euro.
Heinz Strunk: „In Afrika“. Rowohlt. 270 Seiten, 19,95 Euro. Quelle: HAZ-Bild
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Schöner erster Satz: „Dem ersten Satz eines Buches wird für gewöhnlich eine viel zu hohe Bedeutung beigemessen“, beginnt das neue Buch von Heinz Strunk. Und weil das so ist, fängt der Autor nach einem Absatz mit Reflexionen zum ersten Satz („Monatelang schrauben und schwitzen und feilen die Autoren am verdammten ersten Satz, der einfach nicht gelingen will“) auch gleich mit dem zweiten an: „C.s Anruf erreichte mich in den frühen Nachmittagsstunden des 14. November 2007.“

C. ist in Wirklichkeit Christoph Grissemann, ein Kabarettist und Radiomoderator, mit dem Heinz Strunk gern mal verreist. Im Buch ist C. nur C., ein alter Freund, ein wahrer Freund, einer, mit dem man Unsinn reden kann oder auch mal nichts. C. ruft an, um zu fragen, ob Heinz, Heinz Strunk, der Icherzähler, mit ihm in Urlaub fahren wolle. Kenia. Über Weihnachten. Strunk sagt zu. Und wenig später hebt ein wunderlicher Herrenurlaub an. Zwei Männer am Pool, zwei Männer an der Bar, zwei Männer beim Geldverlieren im spackigen Kasino, zwei Männer im schlecht temperierten Ozean.

Der eine raucht, der andere trinkt, wenn sie nicht übers Meer gucken, erfinden sie ein abenteuerliches Drehbuch in dessen Zentrum ein Pudelkongress steht, bei dem auch ein „Schornsteinfegerporno“ eine gewisse Rolle spielt. Das ist sehr witzig, sehr abgedreht. Man lacht, wie man auch schon über den Tanzmusiker Heinz in „Fleisch ist mein Gemüse“ oder den pubertierenden Thorsten in „Fleckenteufel“ gelacht hat.

Erstaunlich an Heinz Strunks Romanen (von denen er erstaunlich viel in erstaunlich kurzer Zeit verfasst) ist, dass sie alle nicht einfach nur komisch sind, sondern dass sich die Komik auf einer Folie aus Grau entfaltet. Heinz Strunk (auch Mitglied der Hamburger Spaßfabrik „Studio Braun“) ist ein genauer und gemeiner Beobachter. In seiner Mitleidslosigkeit wirkt er wie die norddeutsche Antwort auf Michel Houellebecq.

Seinen Beschreibungen mangelt es nie an ätzender Genauigkeit, aber immer an Barmherzigkeit. Einmal liegt er mit Freund C. am Strand, da taucht vor ihnen eine Familie auf. Strunk sieht das so: „Mit der Ruhe ist es vorbei, als wenige Meter von uns eine Familie Quartier bezieht, die einer nachmittäglichen Dokusoap entsprungen sein könnte: der Mann, fliehendes Kinn, fusseliges, rotblondes Bärtchen, in den kaputten Kiefer geschraubte Kunstzähne; der Kopf sitzt auf seinen dürren Schultern wie ein funktionsuntüchtiger Leuchtturm. Die Frau, praktisch keine Figur, das wulstige Fleisch farblos wie das einer Schnecke, winzige Tätowierung am Oberarm, die wie ein halbherziges Aufbegehren gegen den vorgezeichneten Lebensentwurf wirkt. Das Kind, dicklich, stumpfes, plattes Gesicht. Er hat erkennbar irgendeine schwere Macke, ADHS sowieso, vielleicht noch ein seltener genetischer Defekt, eine Art Entstellung, nicht lokalisierbar, mehr spürbar als sichtbar.“ (135)

Puh. So kann man also eine Familie beschreiben: fast ohne Verben und ganz ohne Mitgefühl. Strunk ist böse – auch sich selbst gegenüber. Und das ist nicht die schlechteste Grundlage für Witze aller Art. Böse ist auch die Welt, in der sie sich befinden, all die hässlichen, dummen, spießigen anderen Menschen. Die anderen stellen immer eine Herausforderung dar, der man dummerweise nicht gewachsen ist. Da hilft nur konsequente Leidenschaftslosigkeit – und die pflegen die beiden Helden sehr intensiv. Am Pool rumsitzen, schlafen, essen, rauchen, trinken, in der Spielhalle vorm Automaten sitzen, das macht ihr Urlaubsglück aus. Will man diesen Overkill von Durchschnittlichkeit wirklich lesen? Erstaunlicherweise: ja.

Heinz Strunk: „In Afrika“. Rowohlt. 270 Seiten, 19,95 Euro.

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