Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Heirat in der Halbzeitpause
Nachrichten Kultur Heirat in der Halbzeitpause
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:30 09.11.2009
Von Stefan Stosch
Wahre Fans sind nie einsam – auch wenn die Hochzeit platzt. Quelle: farbfilm
Anzeige

Das muss eine Show im Braunschweiger Stadion gewesen sein! Am Mittelkreis nahmen in der Halbzeitpause ein Mann und eine Frau in blau-gelben Trikots Aufstellung. Der Stadionsprecher kündigte Bedeutsames an – und der langhaarige Typ haspelte einen Heiratsantrag herunter. Und was passierte? Die Frau lehnte ab. Der Typ nahm noch einen Anlauf. Und blitzte wieder ab.

Die Szene war gespielt, aber das wussten nicht alle 15 000 Fans bei dem Freundschaftsspiel gegen ZSKA Sofia. So erzählen es die Regisseure Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser. Das Duo drehte im laufenden Spielbetrieb den Kinofilm „66/67 – Fairplay war gestern“. Inzwischen dürften sämtliche Fans von Eintracht Braunschweig von dem Film gehört haben. Nicht alle sind begeistert. Denn heute ist klar, dass es sich nicht um einen Werbefilm für den deutschen Meister der Saison 1966/1967 handelt – sondern um eine Hooligan-Geschichte.

Anzeige
Mai 2008 - es ist der Tag der Entscheidung, ob sich Eintracht Braunschweig für die 3.Liga qualifiziert oder in die Regionalliga absteigen muss, aber die Freunde, für die es sonst nichts Wichtigeres gibt, hören nur mit einem halben Ohr zu, denn sie befinden sich auf einer Trauerfeier.

„66/67“ beschreibt eine brutale und doch zerbrechliche Männerwelt. Sechs verunsicherte Dreißigjährige (angeführt von Fabian Hinrichs) drücken sich vor dem Erwachsenwerden. Schon bei den Filmtagen in Hof wurde der Film als präzises Generationenporträt gelobt. Heute eröffnet „66/67“ (Kinostart: 19. November) das 23. Braunschweiger Filmfest. Viel Aufmerksamkeit dürfte ihm gewiss sein.

Bis Sonntag hat das Filmfest weitere Höhepunkte auf Lager: Im Wettbewerb um den Publikumspreis „Der Heinrich“ treten zehn europäische Regisseure an. Eine eigene Reihe ist dem jungen lateinamerikanischen Kino gewidmet. Und es geht auch wieder um die Verbindung von Musik und Film.

Am Wochenende holt sich der Brite John Hurt den mit 10 000 Euro dotierten Preis für seine Verdienste ums europäische Kino ab. Viele kennen den 69-Jährigen durch eine kurze, blutige Szene aus Ridley Scotts „Alien“: Da schlüpft aus seinem Brustkorb ein ebensolches Alien-Viech. Tatsächlich war Hurt David Lynchs „Elefantenmensch“ (1980), gleich zweimal verkörperte er den Dandy Quentin Crisp – in „The naked civil Servant“ (1975) und in „An Englishman in New York“ (2009). Beide Filme sind in einer Retrospektive zu sehen.

Erwartet wird auch Hanna Schygulla, „Europa“-Preisträgerin 2007, mit ihrem Regiedebüt. Die ehemalige Fassbinder-Muse bringt einen Film über die kubanische Schauspielerin Alicia Bustamante mit. Vor zwei Jahren hatte Schygulla in Braunschweig verkündet, sich vom Preisgeld eine Kamera kaufen und eine Karriere als Regisseurin starten zu wollen. Sie hat Wort gehalten.

Braunschweiger Filmfest.