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Kultur „Es war leichter, die Queen zu spielen“
Nachrichten Kultur „Es war leichter, die Queen zu spielen“
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14:14 04.06.2015
Quelle: Square One Entertainment

Frau Mirren, was haben Sie denn da für ein Tattoo am Handgelenk?

Das habe ich mir zu einer Zeit zugelegt, als nur Hells Angels und Matrosen mit Tattoos rumgelaufen sind. Ich bin geradezu schockiert, wie selbstverständlich diese Dinger heute spazieren getragen werden. Damals war ich in einem Indianerreservat in Minnesota und betrunken. Bei den Indianern dort waren Tattoos üblich, keine Muster, nur Punkte und so verrücktes Zeug. Ein passender Platz für so eine Bemalung.

Ein Tattoo hätte ich nicht bei Ihnen erwartet. Sie gelten eher als der britisch-korrekte Typ: Neulich saßen Sie mit Handtasche auf dem Schoß in der New Yorker U-Bahn: durchgedrückter Rücken, aneinandergepresste Knie – passend zur Werbekampagne der U-Bahn.

Oh ja, stimmt, aber ich hatte keine Ahnung, dass man in der New Yorker U-Bahn so sitzen soll, und dass da jemand fotografiert, wusste ich auch nicht. Ich habe am Broadway gearbeitet, und ich sitze nun mal so in der U-Bahn.

Wie schwer fällt es Ihnen, persönliche Verhaltensweisen abzulegen, wenn Sie in so eine ungewöhnliche Rolle schlüpfen wie jetzt in „Die Frau in Gold“: Wie haben Sie sich in die Holocaust-Überlebenden Maria Altmann verwandelt?

Glücklicherweise gibt es Filmmaterial von Maria. Diese Frau war fantastisch. Ich würde nicht sagen: Sie hatte Würde. Denn das klingt eher schwerfällig, behäbig. Maria aber war sehr lebendig, hatte einen wunderbaren trockenen Humor und schaute weise in die Welt. So kann man vermutlich nur werden, wenn man Erfahrungen wie Maria durchgemacht hat.

Haben Sie während der Vorbereitung Leute mit ähnlicher Biografie kennengelernt?

Ja, zumindest indirekt: Ich habe mit meinem Arzt in Los Angeles über den Film gesprochen, und er sagte: Meine Mutter ist auch aus Wien – dieselbe Generation wie Maria, und auch sie ist damals in die USA geflüchtet. Er schickte mir dann seine privaten Filme. Und seine Mutter war ganz genauso wie Maria! Dieselbe Eleganz, Intelligenz, Bildung, Großzügigkeit, auch dieselbe Extravaganz. So wurde meine Maria gewissermaßen zu einer Kombination aus Maria und der Mutter meines Arztes.

Der Film

Solche Geschichten liebt das Kino: Ein ungleiches Paar macht sich auf, um von einer scheinbar unbezwingbaren Übermacht Gerechtigkeit einzufordern. In „Die Frau in Gold“ geht es aber um mehr als die handelsübliche Drehbuchformel: Es hat Maria Altmann (Helen Mirren) und ihren Rechtsbeistand Randol Schoenberg (Ryan Reynolds) – Enkel des Komponisten Arnold Schönberg – gegeben. Zusammen traten sie die Auseinandersetzung gegen ein verstocktes Österreich an.

Ende der Neunzigerjahre forderte Maria Altmann ihren von den Nazis geraubten Familienbesitz zurück – fünf Gemälde des Jugendstil-Malers Gustav Klimt. Eines davon, das Porträt „Goldene Adele“, zeigte Marias geliebte Tante Adele. Es geht hier weniger um Kunstmillionen als um moralische Werte – lange, bevor der Fall Gurlitt hochkochte.

Regisseur Simon Curtis („My Week with Marilyn“) verwebt geschickt zwei Zeitebenen: den sich hinziehenden Streit um die Gemälde und die Zeit des Einmarsches der Nazis in Österreich, in blassen Farben gefilmt – die Wiener Bevölkerung applaudiert, die Juden werden drangsaliert. Viel deutsche Schauspielprominenz taucht auf. Ein Journalist (Daniel Brühl) ist der einzige hilfsbereite Österreicher, seine Landsleute werden durchweg als unsympathische Zeitgenossen dargestellt. Das wirkt allzu holzschnittartig. Zudem tischt Curtis österreichische Lebensart so üppig auf, als serviere er eine Sachertorte, überzuckert mit dicker Streichmusik von Hans Zimmer. Und doch verliert Simon Curtis die Geschichte seiner Protagonistin nie aus den Augen. Für Helen Mirren bietet die Rolle die Chance, einer alten Dame Ecken und Kanten zu verleihen – und Maria Altmann als eine Frau zu zeigen, die in ihrem Leben viel verloren hat, aber nie ihre Würde.

Klimts „Adele“ verkaufte Altmann später, es hängt heute in New York. Einen großen Teil des Erlöses von 135 Millionen Dollar spendete Altmann. Sie starb 2011 im Alter von 94 Jahren.

sto

Die Frau in Gold, Regie: Simon Curtis, 107 Minuten, FSK 6, Hochhaus

Das klingt ja ein bisschen nach einer Beschreibung von Ihnen selbst.

Oh nein, da passt nicht alles so perfekt zusammen, ich bin viel unordentlicher.

Sind Sie mit Ihrer Darstellung von Maria zufrieden?

Ich habe versucht, ihr so nahe wie möglich zu kommen. Ich habe meine Augenfarbe geändert, die Haare, alles, ich habe ihre Art Kleidung getragen, mir ihre Gestik abgeschaut. Aber ich habe nun mal nicht ihre Erinnerungen. Die innere Welt von Maria lässt sich kaum auf der Leinwand erfahrbar machen. Das lässt sich nur schwer spielen, du willst es nicht einmal spielen, weil das nur unpassend wirken würde. In Maria liegt eine bestimmte Qualität, die ich nicht wirklich erreicht habe.

So sehen Sie das? Sie haben doch schon ganz andere, viel bekanntere – und auch schwierige – Charaktere gespielt.

Wissen Sie was? Witzigerweise konnte ich eher ins Innere von Queen Elizabeth als in das von Maria schlüpfen. Aber wie empfinden Menschen, die ihre ganze Familie verloren haben? Sie sind in der Welt zurückgeblieben und müssen das Leben allein meistern.

Wenn die Rolle so kompliziert war: Warum haben Sie den Part übernommen?

Weil es wichtig ist. So wie Maria im Film sagt: Die Leute vergessen schnell. Sie wollen vergessen, weil es wehtut, sich zu erinnern. Aber die Erinnerung kommt immer wieder. Ich kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Welt, aber diese Dingen gehören zu meiner Generation.

Sie wurden als Ilyena Vasilievna Mironova in London geboren, Ihre Familie stammt aus Russland. Welche Erfahrungen hat Ihre Familie mit der Historie gemacht?

Na ja, auch wir wurden beraubt. Mein Großvater erlebte die Russische Revolution in England, und in dem Chaos zu Hause kam unsere Familienikone abhanden. Sie war wertvoll, juwelenbesetzt, aber vor allem repräsentierte sie über Jahrhunderte unsere Familie.

Was wurde aus dem guten Stück?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich hängt es im Haus von irgendeinem Oligarchen.

Würden Sie heute Rechtsanwälte engagieren, um die Ikone wiederzubekommen, so wie Maria?

Vielleicht. Tatsächlich bin ich aber mit meiner Schwester nach Russland gefahren, und wir haben uns das Land angeschaut, das einst meinem Großvater gehörte. Es war gerade von einem Investor gekauft worden, auch so ein oligarchischer Typ, er tauchte mit Bodyguard und Waffe auf. Wir haben gesagt: Das gehörte mal uns! Er hat uns gar nicht reingelassen und gesagt, es gehöre ihm. Was ja auch stimmt.

Dann gibt es also doch Parallelen zu Maria?

Gewissermaßen, ja, es gibt persönliche Erfahrungen – insofern, als ich auch ein Kind des 20. Jahrhunderts bin. Meine Familie wurde von ihrem Besitz getrennt. Mein Vater war in einem Moment der Sohn einer wohlhabenden Landbesitzerfamilie in Russland und im nächsten ein Taxifahrer in London. Aber das geschah nicht, weil er Jude war, sondern weil er ein Aristokrat in der Russischen Revolution war.

Und wie haben sich diese Erfahrungen in Ihrem Leben widergespiegelt?

Dank meines Vaters bin ich mit dem Verständnis aufgewachsen, dass man wissen muss, was man loslassen muss. Und dass man das Leben nehmen muss, wie es ist. Was auch Maria getan hat. Erst viel, viel später hat sie gesagt: Es gibt da ein Bild, und das gehört meiner Familie.

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