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Kultur Das neue deutsche Fräuleinwunder
Nachrichten Kultur Das neue deutsche Fräuleinwunder
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00:15 21.12.2013
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Berlin

Das Kleid, das Helene Fischer an diesem Abend trägt, ist so blütenrein wie das Image der 29-Jährigen. Nur ein bisschen kurz ist es geraten, allerdings wird man das später im Fernsehen nicht sehen. Sechs Stunden ZDF-Aufzeichnung stehen Fischer bevor, doch zunächst ist Aljoscha Höhn an der Reihe. Der Nachwuchsmoderator ist eine echte kölsche Frohnatur und soll das Publikum der großen Helene-Fischer-Show, die am ersten Weihnachtsfeiertag um 20.15 Uhr im ZDF über die Bildschirme flackern und Millionen Zuschauerherzen erwärmen soll, in Stimmung bringen.

Denn der Abend wird lang. Und der richtige Applaus muss auch noch geübt werden. Höhn lässt von oben runterzählen. „Zehn, neun, acht, sieben, .... Hier ist die Helene-Fischer-Show 2013!“ 5000 recken die Faust in den Mehrzweckhallenhimmel des Berliner Velodrom. Und da steht sie, „die schönste Frau Deutschlands“. Das Publikum tobt vor Begeisterung, Frauen weinen Freudentränen und das ZDF zündet ein Feuerwerk in der Halle. Dann kommt auch schon Howard Carpendale, Helenes erster Gast, auf die Bühne. Gemeinsam tragen sie ein Medley seiner größten Hits vor und spätestens bei „Ti amo“ singen alle mit. Helene-Fischer-Superstar hat ihr Publikum im Griff.

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Im Fernsehen begeistert sie Millionen, zu ihren Konzerten kommen Zehntausende – und Tausende lockte die Autogrammstunde von Helene Fischer in den real-Markt in Altwarmbüchen.

2013 war das Jahr für „Germanys Goldkehlchen“ („Zeit“). Die 29-Jährige, die mittlerweile fest mit Volksmusik-Derwisch Florian Silbereisen liiert ist, hat den Schlager wieder salonfähig gemacht. Und neben ihr bleibt kaum noch Platz für andere. Denn Fischer ist überall. Egal, ob als Gast auf der „Wetten, dass...?“-Couch oder auf den Titelseiten der Boulevard-Blätter. Den Sprung in die Klatschspalten schaffte sie an der Seite von Silbereisen. Der wurde auf das zierliche Fräuleinwunder aufmerksam, als er gemeinsam mit ihr in seiner Sendung „Hochzeitsfest der Volksmusik“ ein Duett sang. Fischer säuselte ihm sehnsuchtsvolle Melodien ins Ohr. Das war 2005 und Silbereisen sofort verzaubert. Diese junge Frau konnte nicht nur singen, sie sah auch noch hübsch dabei aus und wirkte so angenehm bescheiden. Aber vielleicht ist man das automatisch, wenn man wie Fischer die ersten vier Jahre seines Lebens im sibirischen Krasnojarsk verbracht hat und später das harte Brot des Showgeschäfts an der Stage & Musical School in Frankfurt am Main kennenlernte. Seit dem weiß Fischer zumindest, wie man große Gefühle in leichte Melodien verpackt und wie sie mit ihrem Kleinmädchencharme die Massen erobert.

Dass sie im Schlagerfach landete ist ihrem Manager Uwe Kanthak zuzuschreiben, der das Mädchen mit der glockenklaren Stimme kennenlernen wollte, nachdem ihre Mutter eine Demo-CD an ihn geschickt hatte. Kanthak, damals noch mit Schlagersängerin Kristina Bach verheiratet, schuf ein Produkt, das sich derzeit wie kaum ein anderes durch alle Generationen verkauft.

Denn Fischer singt nicht nur Lieder, die von Liebe und Sehnsucht handeln, sie performt auch im Katy-Perry-Look ihre Hit-Single „Atemlos durch die Nacht“. Sie tanzt und turnt durch die Halle und ist auch nach der dritten verpatzten Anmoderation noch fit genug für einen kleinen Flirt mit ihrem Publikum. Das setzt sich an diesem Abend zusammen aus älteren Ehepaaren, Single-Frauen mit stark gesträhnten Haaren, Single-Männern in Karohemden, Teenager, die gerade ihren ersten Liebeskummer verkraften, junge Paare, ganze Familien. Helene Fischer bietet ein Programm für alle. Vor allem aber bietet sie eine Projektionsfläche für all die heimlichen Sehnsüchte ihrer Fans. Wenn sie davon singt wie sie auf der Suche nach sich selbst „auf Scherben getanzt“ hat und „die Seele eine paar Schrammen“ nahm, dann ist die Inszenierung perfekt. Helene Fischers Paraderolle heißt Authentizität.

Sechs Alben in sieben Jahren, ausverkaufte Tourneen vor mehr als 400.000 Fans und eine eigene Fernsehshow, die erst in der ARD, jetzt im ZDF regelmäßig ein Millionenpublikum auf dem Sofa fesselt. In kurzer Zeit hat sie viel erreicht. Ihr Name ist mittlerweile eine eingetragene Marke, bei Madame Tussauds in Berlin steht eine Wachsfigur von ihr. Helene Fischer ist dort angekommen, wo man den Schlager nie vermutet hätte: im deutschen Promi-Olymp. Sie ist so omnipräsent im deutschen Fernsehen, dass sich kaum noch einer über ihren Versprecher bei der diesjährigen Bambi-Verleihung wunderte. Am Ende der Show verabschiedete sich Fischer mit den Worten „Das war der Echo 2013“. Anschließend witzelte sie via Twitter, keiner sei ‚fehlerfrei‘ - eine Anspielung auf ihren gleichnamigen Song, den sie gegen 23 Uhr im Velodrom anstimmt. Fischer steht am Bühnenrand und singt von „Spinnern und Spielern, Träumern und Fühlern ... Auf Biegen und Brechen, wir feiern die Schwächen“. Und weil Fischer da noch mehr als zwei Stunden Aufzeichnungs-Marathon vor sich hat, honoriert das Publikum den Auftritt mit „Applausstufe zwei“ - wer weiß, was noch kommt. Beatrice Egli zum Beispiel. Die 25-Jährige gewann die RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ und eifert seit Jahren ihrem Vorbild Fischer nach. An diesem Abend darf sie gemeinsam mit ihr eine Swing-Nummer singen. Anschließend nimmt Fischer Egli in den Arm und wünscht ihr, dass sie immer aus eignener Kraft entscheiden darf. Man ahnt in diesem Moment, dass Fischer ganz genau weiß, wovon sie spricht.

Von Nora Lysk

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