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Kultur Fischer und Maffay begeistern im Sportpark
Nachrichten Kultur Fischer und Maffay begeistern im Sportpark
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00:15 25.06.2013
Von Uwe Janssen
Foto: Helene Fischer bietet im Sportpark eine spektakuläre Bühnenshow.
Helene Fischer bietet im Sportpark eine spektakuläre Bühnenshow. Quelle: Behrens
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Hannover

Wenn du ein Konzert in Hannover gibst und zu Beginn die Leute „hier in Hamburg“ begrüßt, kannst du eigentlich gleich wieder nach Hause gehen. Oder nach Hamburg. Es sei denn, du hast Kredit. Peter Maffay hat 40 Jahre Kredit, ihm ist dieser Fettnäpfchenklassiker am Sonnabend passiert, aber er hätte auch „Hallo Braunschweig“ sagen können. Die, die in den Sportpark hinter dem 96-Stadion gepilgert sind, verzeihen ihm so ziemlich alles. Auch, dass er lange keine wirklich neue Rockplatte abgeliefert hat. Die Fans legen das so aus: Er kommt trotzdem und macht Musik.

Peter Maffay und seine Band haben am Sonnabend im Rahmen ihrer Deutschland-Tournee im Sportpark Hannover gespielt.

Die Geschichte von Schlagerstars und ihren Fans ist immer auch eine von gegenseitiger Treue. Das ist an diesem und am Folgeabend bei Helene Fischer am Beispiel zweier Musikergenerationen zu sehen. Und hier ähneln sich die beiden Phänomene. Obwohl der 63-jährige Maffay längst den Schritt zum Rocker vollzogen hat und die 28-jährige Fischer schon jetzt ein Allroundshowstar ist. Auf ihre Fans können beide zählen, mehr noch, sie sind Teil des Konzepts.

Zu Maffay kamen viele schon, da war Fischer noch gar nicht geboren. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie nicht mehr partyfähig sind. 12.000 Stühle hat Veranstalter Hannover Concerts in dem umfunktionierten Erika-Fisch-Stadion aufgestellt, die meisten der knapp 8000 Erschienenen wollen aber gar nicht sitzen. Sie laufen schon beim ersten Song direkt vor die Bühne und machen das Konzert zu einem echten Rockkonzert.

Helene Fischer hat bei ihrem Auftritt im hannoverschen Sportpark mächtig aufgefahren: Showtreppe, Sänger, Tänzer und viele Outfits hatte die Schlagersängerin dabei. 12.000 Fans dankten es ihr.

Das scheint die Band anzuspornen. Wirkte sie neulich beim Tourneeauftakt in Bad Segeberg noch ein wenig verkrampft und verhalten, sprüht sie in Hannover nur so vor Energie. Maffay, der Authentische, trägt halboffene Weste auf nackter, reich verzierter Haut. Das muss man sich in dem Alter auch erst mal trauen. Er ist wie meistens in bester Plauderlaune, sagt mindestens 100-mal „Leute“, und irgendwann sagt er zu seinem baumlangen Gitarristen: „Komm, Carl, arbeiten!“ Das ist launig gemeint, aber es steckt ein Kernwert maffayschen Schaffens drin: Arbeit.

Wenn Maffay sich die Gitarre umschnallt, arbeitet er. Er arbeitet viel, verlangt viel von seinen Mitarbeitern, legt Wert auf Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Erst dann fängt der Spaß an. Nie würde er seinen Fans eine lustlose Performance anbieten, sie bezahlen schließlich Eintrittsgeld, auch wenn es viel teurere Konzerte gibt als seine. So versteht sich dieser Mann, als Rockarbeiter. Und so kommt er auch rüber. Links vor der Bühne hält einer ein großes selbstgemaltes Pappplakat hoch: „Unser Kleiner ist für uns der Größte.“ Also los, an die Arbeit!

Peter, Carl und die anderen haben musikalische Raritäten aus der jüngeren Vergangenheit dabei, eher untypische Songs wie das groovende „Bring mich nach Haus“ oder „Freier Fall“. Mit „Verlier sie nicht“ oder „Das geht tief“ gibt es ein Wiederhören. Aber Maffay sagt auch, dass er die ersten zwanzig Jahre seiner Karriere musikalisch mehr oder weniger abgearbeitet hat und dass er Songs wie „Eiszeit“ eben nicht mehr spielt. Was trotz einiger Unmutsbekundungen im Publikum eine kluge Entscheidung ist. „Eiszeit“ war ein Betroffenheitssong aus einer Betroffenheitsära. Das würde auch Maffay heute anders machen.

Dafür hat er drei neue Lieder dabei. Er hat auch ein paar, aber nicht zu viele Hits dabei. Und er hat Laith Al-Deen dabei. Der Mannheimer Soulsänger steigt bei „Über sieben Brücken“ ein, gönnt dem Star des Abends für ein paar Songs ein Päuschen – und erlebt, wie es ist, auf einem Maffay-Konzert nicht Maffay zu sein. Viele Fans gehen Bier holen, Wurst essen, austreten.

Das macht Helene Fischer anders. Sie hat die Stimmungsmacher von Santiano dabei, die vorher Schunkeldampf machen und die sie für ein Duett noch mal holt, ansonsten gehört die Bühne ihr. Sie will im Gegensatz zu Maffay noch etwas beweisen: dass sie die größte Showgranate im Land ist. Dafür fährt sie für eine solche Sommertour mächtig auf. Showtreppe, Sänger, Tänzer, viele Outfits.

Wie Robbie Williams seinerzeit schwebt sie von der Bühnendecke ein, singt „Let me entertain you“ und thront dann auf den Schultern kräftiger Herren. Ihr Publikum – 12 000, ausverkauft – wird immer jünger, ganze Männerrunden in „I love Helene“-Shirts machen Party, nachdem sie sich am Bierstand warmgelaufen haben. Eine Schuhfirma hat einen halben Laden aufgebaut, wer will, kann sich mit einem Helene-Poster in der Hand „kostenlos fotografieren lassen“. Poster hinterher bitte wieder abgeben. Die Marketingmaschine läuft.

Die Show auch. Nach ein paar eigenen Schlagern dankt Fischer für „sieben Jahre“ Karriere, die ihr oft vorkämen wie 30. Maffay würde es mit einem Schmunzeln nehmen. Als die junge Kollegin dann im viertelstündigen Medley unter anderem die „Biene Maja“, „Volare“ und „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ zusammenrührt, stehen auch alle, am Rand wird Diskofox in Outdoorjacke getanzt. Das hatte sich Jack Wolfskin auch anders vorgestellt. Aber auch hier: Alle haben Spaß. „An Tagen wie diesen“ singt sie. Den Hosen-Schlager.

So sehr sie auch musikalisch internationale Kollegen zitiert oder in die West Side Story schweift – Fischer steht zum Schlager. In einer Gospelparodie beschwört sie ihn als Wanderpredigerin geradezu. Wollt ihr Rock? Soul? Jazz? Nein! Wir wollen den Schlager! Denn der Schlager, gepaart mit so einer Universalinterpretin, macht die Säle voll. Und er zieht junge Leute. Weil Helene Fischer den Schlager gießt, wächst er prächtig nach.
Und Peter Maffay kann sich beruhigt dem Rock widmen.

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