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Kultur Hélène Grimaud spielt Solokonzert
Nachrichten Kultur Hélène Grimaud spielt Solokonzert
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14:06 16.11.2010
Von Jutta Rinas
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Eigentlich sind es drei separate Akkorde. Irgendwann ganz am Schluss der Liszt-h-Moll-Sonate – nach irrwitzig schnell gespielten Oktavketten – müsste man eigentlich drei sich wiederholende Akkorde hören. Schlusspunkte, Ton gewordene Ausrufezeichen, bevor das gewaltige „Grandioso“-Thema wieder beginnt. Aber bei der Französin Hélène Grimaud hört man an diesem Abend im Großen NDR-Sendesaal in Hannover die Repetitionen nicht mehr. Die Akkorde verschwimmen förmlich ineinander, so donnernd laut und dabei schnell hintereinander werden sie angeschlagen.

Diese kurze und extrem interpretierte Stelle ist typisch für die Suche, ja, fast schon die Sucht nach Ausdruck, nach Intensität, mit der die zierlich wirkende Pianistin ihren ersten Soloabend bei Pro Musica gestaltet. Bislang war sie in Hannover nur in Klavierkonzerten mit Orchester zu hören. Jetzt kam sie unter anderem mit Mozarts Klaviersonate a-Moll KV 310, mit Alban Bergs Klaviersonate h-Moll op. 1 und Franz Liszts großer h-Moll-Sonate: mit Stücken also, die jeweils eine singuläre Rolle im Gesamtwerk der Komponisten einnehmen und die allesamt ungewöhnlich leidenschaftlich und ausdrucksstark sind. Jedes dieser Stücke könnte für sich den Höhepunkt eines Programms bilden. Es ist deshalb ebenso mutig wie ungewöhnlich (und zugleich typisch für Hélène Grimaud), einen Abend zusammenzustellen, der schon auf dem Papier ein Konzert unter Dauerstrom, eine Art Non-Stop-Intensitätserlebnis verspricht.

Liszts h-Moll-Sonate kommt diese extreme Haltung zugute. Hélène Grimaud taucht ihr gebannt lauschendes Publikum im fast ausverkauften NDR-Sendesaal direkt nach der Pause in ein Wechselbad der Gefühle. Sie jagt in den schnellen Passagen wild, ungestüm und mit absolut beeindruckendem Tempo durch das Stück, das Presto gerät fast schon zur Raserei. Mit dem unablässig, manchmal schon mit unbarmherziger Intensität pochenden „Hammerschlag“-Motiv treibt sie das einsätzige Werk immer weiter voran. Den denkbar stärksten Kontrast dazu bildet das Motiv des Andante sostenuto. Die kleine Französin mit dem großen, kristallklaren Ton macht aus ihm eine ergreifend ruhige, gesangliche Melodie.

Es ist originell, aber stellenweise sehr gewöhnungsbedürftig, auch Mozarts a-Moll-Klaviersonate und Alban Bergs op.  1 aus diesem expressiv-romantischen Blickwinkel zu lesen. Bei Mozart fällt dem forcierten Spiel im Allegro maestoso manche gesangliche Linie zum Opfer. Innigkeit, Intimität prägen dagegen das wunderschöne Andante cantabile con espressione.

Alban Bergs Sonate deutet die Pianistin nicht mit Blick auf die Moderne; sie betont – ganz im Gegenteil – das romantische Erbe. In der manchmal geradezu rauschhaften Interpretation Grimauds, die dieses Stück als einziges an diesem Abend vom Blatt spielt, geht aber manche klare Linie, manche faszinierende harmonische Reibung unter.

Dennoch: Nach Bartóks „Rumänischen Volkstänzen“ und einer zugegebenen schlichten Melodie aus Glucks „Orpheus und Eurydike“ gibt es großen Applaus und Bravorufe.

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