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Kultur Helmut Dietl ist tot
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22:16 30.03.2015
Von Stefan Stosch
Helmut Dietl (1944–2015 Quelle: dpa
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München

Einen seiner letzten Auftritte hatte er vor einem knappen Jahr beim Deutschen Filmpreis, da bekam Helmut Dietl die Lola fürs Lebenswerk. Die überhandnehmende Rührung wehrte der traurige Komödiant hilflos ab: „Bitte setzen Sie sich hin, sonst muss ich weinen.“ Viele im Saal weinten da schon längst. Die Berliner Gala war die Stunde des Abschieds, denn die ärztliche Diagnose hatte der von der Krankheit gezeichnete Preisträger öffentlich gemacht: Lungenkrebs. Heilungschancen: zehn Prozent.

Der Regisseur und Filmemacher Helmut Dietl ist tot. Dietl starb im Alter von 70 Jahren.

In einem Interview hatte Dietl kurz zuvor tapfer verkündet: „Wenn man bedenkt, wie viel ich geraucht habe, dann ist es geradezu ein Wunder, dass es so lange gut gegangen ist.“ Im Alter von 70 Jahren ist Helmut Dietl nun am Montagmittag in seiner Münchner Wohnung gestorben.

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Was bleibt, sind Dietls Filme, mit denen er sich einen Ruf als deutscher Woody Allen erwarb. Gemeint war damit: So wie sich Woody Allen über das New Yorker Gesellschaftsleben amüsierte, hielt Dietl seinen Münchnern die Treue. Dietls Stil aber war ein ganz eigener, da braucht es keine Vergleiche. Liebenswerte Schlawiner, Aufschneider und Frauenhelden zeichnete er. Die Prototypen seiner Fernsehserien in den Achtzigern waren der Boulevardjournalist Baby Schimmerlos in „Kir Royal“ und der „Monaco Franze – Der ewige Stenz“. Dieses Busserl-Personal schrieb Fernsehgeschichte.

Die wichtigsten Werke von Helmut Dietl

Mit Fernsehserien wie „Monaco Franze“ wurde der Regisseur Helmut Dietl berühmt. Auch im Kino war Dietl jahrzehntelang erfolgreich. Eine Auswahl der wichtigsten Werke:

Serien

„Münchner Geschichten“ (1974): Zeigt den Alltag des Münchners Karl Häusler („Tscharlie“). Mit Ruth Drexel und Towje Kleiner.
Monaco Franze - Der ewige Stenz“ (1983): Über die Münchner Schickeria und den Lebemann Franz Münchinger und seine Frau „Spatzl“. Mit Helmut Fischer, Ruth-Maria Kubitschek und Christine Kaufmann.
„Kir Royal“ (1986): Dreht sich um den Klatsch-Reporter Baby Schimmerlos. Mit Franz-Xaver Kroetz und Senta Berger.

Filme

„Schtonk!“ (1992): Satire über die gefälschten Hitler-Tagebücher. Mit Götz George, Uwe Ochsenknecht und Veronica Ferres.
„Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997): Komödie über die Münchner Medienszene. Mit Götz George, Heiner Lauterbach, Veronica Ferres und Gudrun Landgrebe.
Late Show“ (1999): Komödie über einen Fernseh-Chef im Quotentief. Mit Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Veronica Ferres.
„Vom Suchen und Finden der Liebe“ (2005): Liebeskomödie, angelehnt an den Orpheus-und-Eurydike-Mythos. Mit Moritz Bleibtreu, Alexandra Maria Lara und Uwe Ochsenknecht.
Zettl“ (2012): Komödie um den Chefredakteur eines Berliner Klatschmagazins. Mit Michael „Bully“ Herbig und Dieter Hildebrandt.

Vergnügt spottete Dietl über die Helden von traurig-komischer Gestalt, genussvoll sezierte er ihre Schwächen – und erzählte damit letztlich irgendwie auch von sich selbst. Schließlich verkörperte er die Münchner Grandezza wie kaum ein anderer. In elegantem, selbstverständlich maßgeschneidertem Weiß war er in seinem Schwabinger Reich der Eitelkeiten unterwegs. An einem Schwabinger Gymnasium hatte er auch Abitur gemacht. Das Studium der Kunst- und Theatergeschichte brach er ab. Über Jobs als Assistent bei den Kammerspielen und als Aufnahmeleiter beim Bayerischen Rundfunk kam er zu Fernsehen und Film.

Im Kino begeisterte Dietl später mit „Schtonk!“ (1992), einer Satire über die gefälschten Hitler-Tagebücher, und mit dem Münchner Gesellschaftspanorama „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997). Die Melancholie war Dietl dabei stets ebenso nahe wie die Komik.

Das berufliche Glück verließ Dietl immer dann, wenn er sein geliebtes Bayern verlassen musste. Als die Berliner Republik Gestalt annahm und München zum Schickimicki-Außenposten verkam, musste er sein heimisches Biotop notgedrungen räumen. Es begann die Zeit des Fremdelns. Seine Satire „Late Show“ über die traurige bundesdeutsche Fernsehwirklichkeit spielte in Köln. Der Film mit Thomas Gottschalk und Harald Schmidt war, freundlich gesagt, harmlos. „Zettl“ (2012) mit Michael „Bully“ Herbig über das Hauen und Stechen in der Hauptstadt geriet zu einem grandiosen Flop, wie ihn nur ein großer Regisseur zustande bringen kann.

Die große Münchner Zeit war unwiderruflich abgelaufen. Helmut Fischer, der ewige Stenz, der ein eigenes Denkmal in München hat, war tot, genau wie Dietls Spezl-Produzent Bernd Eichinger, von dem Dietl sich im Zweifelsfall mal eben ein paar Millionen für seinen nächsten Film vorstrecken lassen konnte.

Dietl selbst war viermal verheiratet, und auch dieser Bilanz versuchte der gut gelaunte Pessimist Positives abzugewinnen: „Man darf nicht den Glauben an die große Liebe verlieren, selbst wenn die Erfahrung das Gegenteil lehrt“, sagte er mal. Sonst könne man „sich gleich hinsetzen und auf den Tod warten“.

Das hat Dietl nicht getan: Zuletzt arbeitete er an einem Film mit dem österreichischen Humoristen Josef Hader. Titel: „Ich freu mich, wenn es regnet.“ Dieses Werk werden wir wohl nun nicht mehr zu sehen bekommen. Obwohl man natürlich gern an das unschlagbare Motto von Monaco Franze glauben würde: „A bisserl was geht immer.“

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