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Kultur Helsinki ist Weltdesignhauptstadt
Nachrichten Kultur Helsinki ist Weltdesignhauptstadt
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00:00 07.03.2012
Von Martina Sulner
Helsinki ist Deisgnhauptstadt 2012 - und will seine Lebensqualität weiter verbessern.
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Helsinki

Weiß, zartes Grün und knalliges Rot: Die schlanke Säule ist ein Hingucker. Sie steht vor dem 1875 gegründeten Designmuseum in Helsinki und wirbt für die finnische Metropole als "World Design Capital" (WDC), als Weltdesignhauptstadt 2012. Von außen sieht das bekannte Museum am Rande der Innenstadt aus wie eine alte Schule, innen sind die Produkte berühmter finnischer Designer wie Alvar Aalto und Oiva Toikka ausgestellt - und Nokia-Handys verschiedener Generationen.

Der 1976 verstorbene Aalto gilt als Übervater des finnischen Designs. Mehrere Dutzend Gebäude - unter anderem das Kulturhaus und weitere Bauten in Wolfsburg - hat er entworfen. Seine berühmte Vase und einige Sitzmöbel verkaufen sich noch immer bestens. Doch die Begeisterung der Finnen für gute Gestaltung setzte schon vor Aalto ein. Am Ende des 19. Jahrhunderts begann, wie das Designmuseum zeigt, die Suche nach dem "finnischen Stil". Finnland, damals autonomes Großfürstentum im russischen Reich, vergewisserte sich seiner nationalen Identität auch durch Gestaltung. Wahrscheinlich ist auch deshalb Design in dem jungen Land, das erst 1917/18 eigenständig wurde, so wichtig.

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Nach Turin im Jahr 2008 und Seoul (2010) hat die Weltdesignorganisation ICSID für dieses Jahr das Label Weltdesignhauptstadt an Helsinki vergeben. Rund 300 Projekte entwickelt die 600.000-Einwohner-Stadt unter dem Schlagwort "Offenes Helsinki - Design ist ein Teil des Lebens". Design meint mehr als schicke Mode, Möbel und Autos. In Wettbewerben, Workshops und Ausstellungen dreht sich in diesem Jahr viel um neue Stadtplanungsprojekte; in ehemaligen Hafengebieten entstehen gerade neue Stadtteile für insgesamt 50.000 Bewohner. Dabei geht es auch um ökologisch nachhaltiges "Green Design". Und man beschäftigt sich auch mit dem sogenannten Service-Design und fragt, wie man zum Beispiel Abläufe in einem Krankenhaus oder einer Verwaltung optimieren kann. Ein ziemlich weites Verständnis von Design.

Die Weltdesignhauptstadt sei kein zwölfmonatiges Kulturfestival, sagt der WDC-Chef Pekka Timonen, sondern "ein gesellschaftliches Anliegen, dessen Wirkung weit in die Zukunft reichen wird". Ob das mehr ist als ein frommer Wunsch, muss sich zeigen. Doch deutlich ist, dass Helsinki das Label nicht in erster Linie nutzen will, um Touristen in die Stadt zu locken, sondern um nach innen zu wirken, um Projekte in der Stadt anzuschieben und zu vernetzen. Das Budget dafür liegt bei 16 Millionen Euro. Dazu kommen private und öffentliche Investitionen, beispielsweise für neue Wohnviertel am Wasser.

Das Label Weltdesignhauptstadt sei grundsätzlich eher gemacht für Städte in der "zweiten Reihe", meint Ralph Wiegmann, Geschäftsführer der in Hannover ansässigen International Forum Design GmbH. Es seien Städte, "deren politische Lenker erkannt haben, dass Gestaltung eine wichtige Rolle spielt, sie fit zu machen für die künftigen Herausforderungen. Fragen zum demografischen Wandel, zum Thema Mobilität, öffentlicher Personennahverkehr sind mit sinnvoll eingesetztem Design wesentlich besser zu beantworten."

Wie unter dem Dach eines (öffentlich geförderten) Labels eine Stadt oder Region aufgemöbelt wird, ließ und lässt sich auch regelmäßig bei den Europäischen Kulturhauptstädten und bei den Internationalen Bauausstellungen (IBA) beobachten. Zentrales Anliegen der Europäischen Kulturhauptstadt 2010, dem Ruhrgebiet, war es, den 53 Städten der Region, die einander traditionell in herzlicher Abneigung zugetan waren, eine gemeinsame Ruhrgebiets-Identität nahezubringen. Und auch bei der IBA Wilhelmsburg, die im kommenden Jahr abgeschlossen sein wird, geht es weniger darum, in dem Hamburger Stadtteil architektonische Novitäten zu bauen, als vielmehr darum, das lange vernachlässigte Wilhelmsburg insgesamt aufzuwerten.

Helsinki, die am schnellsten wachsende Stadt Europas, ist zwar wohlhabend und sozial recht friedlich. Doch das Design-Label (und die dadurch generierten Gelder) nutzt die Stadt nur zu gern, um, wie es heißt, die Lebensqualität zu verbessern. Die Projekte und Ausstellungen sind dabei auffällig unaufgeregt und zurückgenommen - ein bisschen so wie das Aalto-Museum in Helsinki. In einer ruhigen Straße, direkt neben einer öffentlichen Bibliothek gelegen, steht das 1936 fertiggestellte Wohn- und Arbeitshaus des Architekten und Designers. Auf den ersten Blick wirkt es fast unscheinbar, doch wenn man durch die möblierten Räume geht, ist man begeistert: In diesem Haus ist es hell und luftig, formschön und funktional, es wirkt angenehm kühl, aber nicht kalt. Typisch finnisch eben.

Informationen zum Designjahr in Helsinki im Internet unter www.wdchelsinki2012.fi

Martina Sulner 06.03.2012
06.03.2012