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Kultur Die Toten im Garten
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12:55 02.11.2013
Von Martina Sulner
Der schwedische Autor Henning Mankell. Quelle: dpa
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Hannover

Wallander stolpert. Gewohnt schlecht gelaunt schaut sich der schwedische Kommissar ein Bauernhaus an, das ihm ein Kollege zum Kauf angeboten hat. Wallander will raus aus seiner alten Wohnung, raus aus seinem alten Leben. Als er beim Besichtigungstermin im Garten strauchelt, denkt er erst an eine Harke oder eine Baumwurzel. Doch, nicht ganz überraschend, stellt sich heraus, dass Schwedens berühmtester Ermittler über die Hand eines Skeletts gestolpert ist.

Mord im Herbst“ heißt das aktuelle Buch von Henning Mankell. Die eigentliche Handlung umfasst nur wenige Wochen von Ende Oktober bis Weihnachten. Doch um aufzuklären, wer da im Garten vergraben wurde, muss Wallander bei seiner Recherche immer weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Bald steht fest, dass es sich bei der Leiche um eine Frau handelt, die erhängt wurde. Dann taucht auf dem Grundstück noch das Skelett eines Mannes auf. Der wurde erschlagen, stellt die Gerichtsmedizinerin fest. Wohl ein halbes Jahrhundert haben die Toten auf dem Grundstück in der Nähe von Ystad gelegen.

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„Ein Fall für Kurt Wallander“ heißt das Buch im Untertitel. Wieder steht der melancholische Ermittler im Mittelpunkt, der mit sich und dem Zustand der Welt hadert. Eigentlich hat Mankell die Reihe um den Kommissar schon vor Jahren abgeschlossen. „Mord im Herbst“ ist denn auch bereits 2004 erschienen – allerdings nur in den Niederlanden. Der Text war eine Gratisbeigabe für jeden, der in einer Buchhandlung einen Krimi kaufte. Eine kleine Beigabe, denn die Geschichte umfasst gerade mal 120 Seiten; mit dem Nachwort bringt es die deutsche Ausgabe auf 135 Seiten.

Nichts gegen kompakt erzählte Geschichten, aber „Mord im Herbst“ ist eher die Skizze eines Krimis, denn ein Kriminalroman. Bis auf Wallander fehlt es den Figuren an Tiefe und Glaubwürdigkeit; die Tragödie, die einst zu den zwei Toten führte, ist nur grob umrissen; und die Ermittlungsarbeit oft protokollartig zusammengefasst.

In einem Nachwort schreibt Mankell, dass er die BBC-Verfilmung von „Mord im Herbst“ mit Kenneth Branagh als Wallander gesehen und gedacht habe, „dass die Geschichte immer noch Leben hat“. Da muss man dem schwedischen Bestsellerautor widersprechen – weder hat die Geschichte Leben noch ist sie spannend. Doch zum Glück heißt es in dem Nachwort auch: „Weitere Erzählungen über Kurt Wallander gibt es nicht.“

Allemal interessanter als der neue alte Fall ist Kirsten Jacobsens Buch „Mankell über Mankell“, das jetzt zeitgleich erscheint. Die dänische Journalistin hat den 65-Jährigen, dessen Bücher in 40 Sprachen übersetzt sind und sich gut 40 Millionen Mal verkauft haben, eingehend zu seiner Arbeit und seinem Leben befragt. Zudem hat sie ihn auch auf einigen Reisen begleitet. Der Autor, der einen Großteil des Jahres in Mosambik lebt, ist ein begehrter Gast auf Literaturfestivals. Ausführlich beschreibt Kirsten Jacobsen etwa einen gemeinsamen Auftritt von Mankell und dem kanadischen Literaten Michael Ondaatje in den USA. Dort schildert Mankell, wie er die Figur Kurt Wallander geformt und wie sich sein eigenes Schreiben entwickelt hat. Beides ist – das wird in dem Buch (über)deutlich – untrennbar verbunden mit seinem Engagement für Benachteiligte, Arme und Flüchtlinge, besonders für Kinder.

Im Laufe der Zusammenarbeit mit Jacobsen scheint Mankell aufgetaut zu sein. Er erzählt auch über seine Liebe zu Afrika, seine Kindheit und seine Ehe mit Eva Bergman, der Tochter Ingmar Bergmans. Die Theaterregisseurin hat einen kurzen Text zum Buch beigesteuert. Sie habe einen Troll geheiratet, der am liebsten in seiner Grotte sitze und schreibe, heißt es da. Mittlerweile verlasse er die Grotte oft – und schreibe immer noch. „Er gleicht mehr und mehr einem richtigen Menschen.“

Henning Mankell: „Mord im Herbst“. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay. 135 Seiten, 15,90 Euro.

Kirsten Jacobsen: „Mankell über Mankell“. Aus dem Dänischen von Lutz Volke. Zsolnay. 336 Seiten, 19,90 Euro.

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