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Kultur Pantomimisches Armrudern
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09:14 22.02.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Faustisch: Sven Regener liest. Quelle: Küstner
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Hannover

„Faceless Techno“, das muss eine ziemlich schräge Sache gewesen sein, damals in West-Berlin – ein Musikstil, der auf anonyme Akustik setzte, auf Gesichtslosigkeit eben. „Dabei sein, abhängen, Unsinn reden, das war’s“, sagt Karl Schmidt, der in den achtziger Jahren den metallischen Sound mit dem Seitenschneider erzeugte. Nur wenn man aus der Kreuzberger Technoszene vor lauter Kokserei in die Altonaer Psychiatrie gerät, dann wird Gesichtslosigkeit zum Grauen – auch für Karl Schmidt, der in einer Entzugs-WG in Hamburg-Altona noch jahrelang sediert um seine Identität ringen muss.

Aus den Kluften zwischen Hochgefühl und Depression, den Erfahrungen der achtziger und neunziger Jahre und dem Post-68er-Zeitgeist spinnt Sven Regener seinen neuen Roman „Magical Mystery“. Und mit der Lesung daraus lockt der Mann, der als Gründer und Sänger der Band Element of Crime schon bekannt war, bevor seine Bücher Bestseller wurden, Endfünfziger ebenso wie Mittzwanziger in den ausverkauften Pavillon.

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Das ist schon bemerkenswert. Denn zunächst scheint der 52-Jährige das Lebensgefühl seiner Altersgruppe zu bedienen, die für 68er zu jung und für die „Generation Golf“ zu alt sind. Aber weil er aus den großen Legenden und kleinen Lebenslügen dieser Generation neben Kalauern und Komik auch einigen die Jahrzehnte überdauernden Tiefsinn zu schürfen vermag, ist die Lektüre seiner Bücher längst ein Mehrgenerationenprojekt. Die meisten im Pavillon kennen Karl Schmidt daher als jene Figur, die am Ende von „Herr Lehmann“ kollabiert, dem ersten Teil von Regeners Trilogie. Zu der gehören noch „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“. Und mit „Magical Mystery“ könnte man jetzt auch von einer Tetralogie sprechen.

Karl Schmidt bricht praktisch gleichzeitig mit der Berliner Mauer zusammen, und darin liegt schon eine fast welthistorische Ironie. Denn die deutsche Einheit bekommt er in der Psychiatrie kaum mit, wodurch Regener später mit Schmidt einen erfrischend fremden Blick aufs neue Deutschland werfen kann. Denn sein Roman beginnt mit Schmidts Flucht aus  der Obhut vom „alten Sozpäd-Titanen“ Werner und der „Charity-Haubitze“ Gudrun in der Altonaer „Clean Cut“-WG mit ihren „Multitox-Insassen“ – weil Schmidts Kumpel von einst ihn für ihre „Magical Mystery“ anheuern. Das ist der Versuch, mit einer DJ-Tournee auch den alten Techno-Mythos („Es geht nicht um den Einzelnen, es geht um die Sache“) neu zu beleben. „Es war alles Teil eines großen Ganzen gewesen“, lässt Regener seinen Icherzähler schwärmen, „und wir darin unsterblich.“
So spielt auch der Autor mit Neoromantik und Szenenostalgie, während seine Psychostory zum Roadmovie wird,  das weiter von Schmidts bizarrem Kampf gegen Depression und Neurosen durchdrungen bleibt. Die bescheren ihm beispielsweise zwanghafte Freude am Handy. „Das kann man abschalten, das ist das Gute daran“, sagt er und erinnert an die düsteren Zeiten des Postmonopols. „Da gab es Leute, die das Telefon in den Kühlschrank gestellt haben, weil sie das Klingeln nicht hören wollten.“ Bisweilen gelingen Regener kleine Sittenbilder des Underground sogar da, wo man, wie in der Berliner Klubszene, fast nichts sieht. „Es roch nach Bier und Zigaretten, gemischt mit jenem säuerlichen Mischmaschgeruch aus Müll, Kotze und Schimmel, der einem anzeigt, dass es draußen schon wieder hell ist.“

Zur Klubatmosphäre passt im Pavillon der rote Scheinwerferfächer hinter Regener, der am Pult davor beim Lesen pantomimisch mit den Armen rudert und auch dafür immer wieder Zwischenapplaus bekommt. Nach gut zwei Stunden bietet er als Zugabe dann noch das Kapitel „Das  Peter-Prinzip“, in dem Karl Schmidt „den Punkt meiner höchsten Inkompetenz“ erreicht, als er als Ersatzmann am DJ-Pult aus lauter Verlegenheit „das einzig Wahre“ tut: „Ich drehte mich um und wackelte mit meinem fetten Riesenarsch – das war es ja wohl, faceless Techno, mein Gesicht kriegst du nicht, aber meinen Arsch kannst du haben.“ Na, vielen Dank. Das Publikum aber jubelt – und strömt zum Büchertisch.

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