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Kultur Von den Wunden der Seele
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18:40 13.06.2014
Neurobiologe Thomas Elbert. Quelle: Suhwa Lee
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Hannover

Bei mehr als 200 Einsatztagen in Afghanistan musste Johannes Clair nur an 20 Tagen kämpfen. Doch an jedem Tag, in jeder Sekunde hatte der ehemaliger Stabsgefreite der Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr nur den einen Gedanken: „Gleich knallt’s, gleich knallt’s!“ Direkte Angriffe, Hinterhalte, Minen, Autobomben - alles war immer und überall möglich. Schusswechsel seien sogar befreiend gewesen, berichtet Clair. Der Feind wurde sichtbar, plötzlich war da eine Front. Eine klare Front, klare Ziele, klare Gegner, die werden seltener in den sogenannten asymmetrischen Kriegen dieser Zeit, von denen es aktuell mehr als 30 in der Welt gibt.

Mit dieser ständigen Belastung steigt die Gefahr, psychisch krank zu werden. Thomas Elbert, Neurobiologe an der Universität Konstanz, liefert eine prägnante Definition der Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, um die es beim 22. Herrenhäuser Gespräch im Schloss Herrenhausen ging. PTBS sei nicht nur „eine Wunde der Seele“, sondern sorge auch für ein „verändertes Wesen des Menschen“. Jeder Mensch erleide Schockmomente in seinem Leben, entgehe etwa nur knapp einem Verkehrsunfall. Aber das lässt sich verorten, auch zeitlich. Beim Soldaten ist das anders. Der Krieg ist eben immer da, auch wenn gerade niemand schießt.

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Wichtig ist die Prävention. Der Neuropsychologe Elbert berichtet von Programmen, die helfen sollen, die Suche nach Unterstützung schon zu fördern, wenn es noch nicht akut nötig ist. Auch gibt es heute Ansätze, die Soldaten schon vor einem Einsatz genauer psychisch zu untersuchen. Es gehe darum, „wie viel ein Soldat schon in seinem Rucksack mitbringt“, sagt Elbert.

Probleme im Alltag

Und dann war da noch die Heldenfrage. Elbert plädiert für eine andere Kultur des Umgangs mit Veteranen in Deutschland. Der Politologe Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung hält das für den falschen Weg. „Wichtiger ist das Ernstnehmen im Alltäglichen“, sagt er. Heldenverehrung bedeute Überhöhung, und die schaffe eben genau die Distanz, die Hilfe unmöglich macht. Wichtiger sei eine klare Bezeichnung, was der Einsatz genau ist. Er beklagt den Eiertanz der Verantwortlichen, den Einsatz einen Krieg zu nennen.

Peter Zimmermann, Oberst und Psychotherapeut bei der Bundeswehr, kennt die Erwartungshaltung von Soldaten aus dem Einsatz. „Soldaten wünschen, dass man Ihnen zuhört und die Geschichten anerkennt.“ Auch bei Clair gibt es keinen Wunsch nach Heldenverehrung. „Ich muss nicht mit wehenden Fahnen am Flughafen empfangen werden“, sagt er. Clair stört sich mehr an der Haltung der deutschen Gesellschaft. 80 Prozent seien gegen Kriegseinsätze, aber eine überwältigende Mehrheit wähle Parteien, die diese Einsätze beschließen - und das seit Jahren. Afghanistan sei Krieg, er habe keine Brunnen gebaut.

Clair berichtet über Gespräche mit Kameraden, über Strukturprobleme, er ist eloquent, auch witzig. Die Zuschauer im Schloss Herrenhausen lässt ein Satz des ehemaligen Soldaten daher umso mehr frösteln, der die Krankheit von vielen Soldaten so eindrücklich beschreibt: „Ich habe große Probleme, den Alltag zu bewältigen.“

Von Gerd Schild

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