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Kultur Hungrig nach Worten
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19:00 28.09.2014
Von Martina Sulner
Foto: Von „meinem dreckigen Alleinsein“ erzählt die Literaturnobelpreisträgerin im Gespräch mit der Lektorin Angelika Klammer in dem am Montag erscheinenden Band „Mein Vaterland war ein Apfelkern“.
Von „meinem dreckigen Alleinsein“ erzählt die Literaturnobelpreisträgerin im Gespräch mit der Lektorin Angelika Klammer in dem am Montag erscheinenden Band „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. Quelle: Sören Stache
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Hannover

Diese Welt hatte etwas Verwunschenes: Da gab es riesige Maisfelder, dicht an dicht standen die hohen Maisstängel; das Kind, das in die Felder hineinlief, fühlte sich wie in einem Wald. Nach dem ersten Schnee sahen die Felder, die man nicht abgeerntet hatte, plötzlich ganz anders aus: „Und so von weitem und von außen gesehen waren sie wie hungrige Herden, die senkrecht um die ganze Welt ziehen.“ Märchenhaft klingt das - und bedrohlich.

Herta Müller, die in solch einer Landschaft in Rumänien aufwächst, ist kein unbeschwertes Kind. Sie habe sich einsam gefühlt, fremd und traurig. Von „meinem dreckigen Alleinsein“ erzählt die Literaturnobelpreisträgerin im Gespräch mit der Lektorin Angelika Klammer in dem am Montag erscheinenden Band „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. Es ist in diesem Buch wie oft bei Herta Müller: Sie berichtet von großen Schrecklichkeiten in wunderschönen Formulierungen.

Aufgewachsen ist sie in einem Dorf voller „beschädigter“ Menschen: Müllers Mutter, die zur deutschen Minderheit gehörte, war 1945 in ein sowjetisches Lager deportiert worden; der Vater, ebenfalls Donauschwabe, war erst glühender Nationalsozialist und dann Alkoholiker. Was beide vor Herta Müllers Geburt 1953 erlebt hatten, versuchten sie zu verschweigen. Überhaupt wurde in dem Dorf im Banat nicht allzu viel geredet.

Müllers gesamtes Werk ist autobiografisch geprägt. Romane und Erzählungen handeln von Menschen, die - wie sie - zur deutschsprachigen Minderheit Rumäniens gehörten. Die Texte schildern Frauen, die - wie sie - in die Fänge des Geheimdienstes Securitate gerieten. Detailliert beschreibt sie im aktuellen Buch die Geheimdienstmitarbeiter. Dem ehemaligen Geheimdienstler Wladimir Putin hafte dies alles immer noch an, sagt Müller im Buch. In einem „Spiegel“-Interview kritisiert sie jetzt den russischen Präsidenten wegen seiner Annexion der Krim und seiner Ukraine-Politik - „die Sowjetunion kehrt in Teilen zurück“.

Vieles aus dem neuen Gesprächsband kennt man. Man hätte gern mehr darüber gewusst, was zum Beispiel die Ausreise nach Deutschland 1987 und die räumliche Distanz zur rumänischen Sprache für die Autorin bedeuten. Doch die Zeit bis 2009, als „Atemschaukel“ erschien und die Autorin den Literaturnobelpreis erhielt, taucht in dem Band kaum auf.

„Mein Vaterland war ein Apfelkern“ gibt Auskunft über Herta Müllers Schreiben. Es gehe ihr um das „Glitzern im Satz“, sagt sie einmal, darum, dass die Realiät nicht außer Kraft gesetzt, sondern durch Sprachbilder verdeutlicht wird. Real und surreal bilden da für die Autorin kein Gegensätze. Je surrealer ihr manche Gedanken manchmal schienen, desto „exakter trafen sie die Welt. Wenn ich zum Verhör bestellt wurde, probierte ich auf dem Weg dahin allerlei Reime, zum Beispiel: Mein Vaterland ist ein Apfelkern, man irrt umher zwischen Sichel und Stern.“

Das Reimen habe ihr geholfen, Ängste zu beherrschen, sagt sie im Gespräch mit Angelika Klammer. Das Schreiben sei „eine innere Notwendigkeit gegen einen inneren Widerstand“. Denn: „Mit dem Aufschreiben warte ich jedesmal, bis es unausweichlich ist. Ich zögere es hinaus, weil ich weiß, dass es mich, wenn ich damit anfange, so in Besitz nimmt, dass ich Angst davor habe.“ Wenn dann das Schreiben von ihr Besitz genommen habe und sie nach den richtigen Worten suche, entstehe ein regelrechter „Worthunger“.

Herta Müller: „Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch mit Angelika Klammer“. Hanser. 239 Seiten, 19,90 Euro.

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