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Kultur Hinter den Kulissen im Kunstverein
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00:35 01.11.2014
Da geht nicht nur ein Licht auf: Cally Spooner an der Showtreppe im Kunstverein Langenhagen.
Da geht nicht nur ein Licht auf: Cally Spooner an der Showtreppe im Kunstverein Langenhagen. Quelle: Surrey
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Hannover

Der Zeigefinger pocht nervös aufs Papier, die Hände werden gefaltet, geöffnet, geballt - der Körper dieses Mannes spricht eine andere Sprache als seine Stimme: „Es geht um die Repräsentation ganz neuer Technologien avancierter Beobachtung“, ist da auf Englisch zu hören, nur den Worten nach ganz souverän, doch ganz unsicher repräsentiert. „Once more“, fordert eine andere Männerstimme, „again, again.“ Und Frauenstimmen lassen das „Again, Again“ in Dreiklangkadenzen a cappella wie Hohn im Hintergrund plätschern.

Im Hintergrund ist man bei dieser Performance sowieso gleich in vielerlei Hinsicht. Denn gezeigt wird der sogenannte „Off Camera Dialogue“ als Projektion auf der hinteren Wand des schmalen, langen Ausstellungsraums im Kunstverein Langenhagen. Auf dessen Vorderseite ist eine 16 Stufen hohe Glamourbühne mit Glühbirnen installiert, die davor alles in 32-fachen Lichterglanz tauchen sollen. Doch hinter dieser Kulisse ist alles so schummrig, dass man dort versehentlich achtlos am Stahlrohrgestell vorbeigehen könnte, an dem meterhohe Riesenlettern den Aufschrei „Ooooh“ verkünden.

„The Overall Ooooh“ lautet der Titel dieser neuen Kunstvereinsausstellung. Und darin widmet sich Cally Spooner eben dem überbordenden „Ooooh“, der stromlinienförmigen Akklamation, die in den Medieninszenierungen unserer Tage allgegenwärtig ist. Deren Hintergründe leuchtet die britische Künstlerin stets in ihren Performances aus. Und auch in dem „Off Camera Dialogue“, bei dem, wie der Name sagt, eigentlich keine Kamera dabei sein sollte. „Die Figuren sind Schauspieler, aber der Text ist dokumentarisch“, sagt sie zur Entstehung des Sieben-Minuten-Werks. „Ich habe diese Worte in einer Agentur gehört, die einen Mann auf einen Werbeauftritt vorbereitete.“

Das ist das Thema der 31-Jährigen, die in London erst Philosophie und dann Kunst studiert hat. Schon beim Philosophiestudium, erzählt sie, sei ihr die Diskrepanz zwischen realer Lebenswelt und ritualisierter Kommunikation unangenehm aufgefallen. „Darin steckte der ganze Frust des akademischen Lebens.“ Später, am Goldsmith College, zu dessen prominenten Absolventen Graham Sutherland, Damien Hirst und Michael Sailstorfer gehören, hat sie sich die immer weiter um sich greifende Ritualisierung als Künstlerin vorgenommen - mit ihren oft von ebenso pathetischen wie ironischen Tanz- und Gesangsszenen durchsetzten Performance-Acts.

„And You Were Wonderful On Stage“, lautet der sarkastische Titel einer ganzen Serie so entstandener Filme, die sie bereits für das Stedelijk Museum in Amsterdam, die Tate Modern in London und das Museum der National Academy of Design in New York inszeniert hat - und die nun die „Off Camera Dialogues“ im Kunstverein Langenhagen fortsetzen. Kein Wunder, dass dessen Chefin Ursula Schöndeling stolz darauf ist, zur ersten Einzelausstellung Cally Spooners in Deutschland einladen zu können.

Aber sind Rituale in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht ebenso selbstverständlich wie unvermeidlich? „Mir geht es darum, wohin fortschreitende Ritualisierung durch Training, Coaching und Inszenierungen für Präsentationen, Talk- und Castingshows führt“, sagt sie. „Nämlich zu einer immer weiteren Ausrichtung auf marktkonformes Verhalten und zur allgemeinen Entpolitisierung.“

Man ahnt: Cally Spooner hat nicht nur von ihrem Kunst-, sondern auch von dem Philosophiestudium profitiert. Sie verweist in ihren Arbeiten auf Hannah Arendt und Bernard Stiegler. Der Philosoph am Pariser Centre Pompidou warnt vor dem Zerstreuungseffekt des Fernsehens, das Zuschauern wie Beteiligten eine unmündige Rolle zuweise und so die Errungenschaften der Aufklärung gefährde. Und bei der in Hannover geborenen Denkerin Hannah Arendt hat Cally Spooner die Warnung vor sozialer Normierung entdeckt - und dem damit drohenden „Despotismus der Mehrheit“. Wenn alle für dieselben Instant-Formen der Kommunikation konditioniert sind, sagt Cally Spooner, „spürt keiner mehr den Verlust, den das für ein authentisches Miteinander bedeutet“.

Echtes Miteinander? Besteht Cally Spooner also auf warmer Zwischenmenschlichkeit inmitten kühlen kapitalistischen Kalküls? Ist die so vernunftbetont argumentierende Künstlerin insgeheim zugleich Romantikerin? „Ich will eine Stimme gegen die Instrumentalisierung menschlicher Ausdrucksformen für den Markt sein“, sagt sie. Nur so könne man sich öffnen für Unerwartetes und Überraschendes, kurz: für neue Erfahrung. Und wo findet sie den Raum dazu? „In meinen Performances“, sagt sie spontan. „Nicht außerhalb des Systems, aber innerhalb meiner künstlerischen Arbeit.“ Und die liefert jetzt in Langenhagen spannenden Betrachtungs- und Reflexionsstoff.

„Cally Spooner: The Overall Ooooh“. Bis 7. Dezember im Kunstverein Langenhagen. Eröffnung heute um 19 Uhr in der Walsroder Straße 91a, Langenhagen. Details auf der Internetseite des Kunstvereins.