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Kultur Historisches Museum Hannover zeigt Ausstellung „Fremd im eigenen Land“
Nachrichten Kultur Historisches Museum Hannover zeigt Ausstellung „Fremd im eigenen Land“
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08:43 23.10.2009
Von Simon Benne
Lange diskriminiert: Sinti in den fünfziger Jahren in Stöcken. Quelle: Historisches Museum
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Oder doch „Zigeuner“, obwohl einige das für diskriminierend halten, weil da schnell Vorstellungen von Wäsche- und Kinderdieben wach werden oder vom romantisch verklärten „lustigen Zigeunerleben“? Im besten Fall sind es Unsicherheit und die Angst vor dem Fettnäpfchen, die den Umgang der meisten Deutschen mit – ja, mit wem eigentlich? – prägen.

Hans-Dieter Schmid geht das Wort „Zigeuner“ flüssig über die Lippen. Der Historiker engagiert sich im „Verein für Geschichte und Leben der Sinti und Roma in Niedersachsen“, der im Historischen Museum die Ausstellung „Fremd im eigenen Land“ mitgestaltet hat. „,Zigeuner‘ war anfangs eine Selbstbezeichnung“, sagt er. So nannten sich die Migranten aus Nordwestindien, als sie vor 600 Jahren in Deutschland auftauchten. Erstmals erwähnt wurden sie 1407 in Hildesheim. Der Rat entbot ihnen damals einen Willkommenstrunk; sie galten als ehrbare Gäste. Leider eine rühmliche Ausnahme, wie die Schau zeigt. Diese knüpft an die Ausstellung „Aus Niedersachsen nach Auschwitz“ an, die seit ihrer Eröffnung 2003 im Landtag zehntausende Besucher an 35 Orten gesehen haben. Beide sind als Wanderausstellungen konzipiert. Es dominieren Text- und Bildtafeln, spektakuläre Exponate gibt es kaum, sieht man von Sinti-Jazz-Instrumenten und einigen Puppenspielfiguren einmal ab. Im Zentrum steht das Leben niedersächsischer Sinti nach dem Krieg. Anders als Roma, die meist erst in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge vom Balkan kamen, leben Sinti teils seit Jahrhunderten in Deutschland. „Es gibt es eine Hierarchisierung der Holocaust-Opfer“, sagt Historiker Schmid. „Sinti werden oft vergessen – dabei war für viele von ihnen die NS-Zeit 1945 nicht zu Ende.“

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Beeindruckende Fotos zeigen ärmliche Nissenhütten und Wohnwagen am Rande der Städte, rattenverseuchte Quartiere, wo Sinti vegetieren mussten. Gemeinden wiesen ihnen Plätze bei Müllkippen oder Kläranlagen zu, und bei der Polizei pflegte man alte Vorurteile: „Für Zigeuner sind besondere Maßnahmen erforderlich, da der Kriminalitätsanteil dieses Volkstums erfahrungsgemäß besonders hoch ist“, hieß es in einem Schreiben der Polizeidirektion Hannover vom November 1945 in altbekannter Diktion. Auch um eine Entschädigung als NS-Opfer mussten viele lange kämpfen – ein besonders mühsames Unterfangen, da ihre traditionelle Kultur schriftlos war.

Auch in der Nachkriegszeit besuchten viele keine Schule. In Filminterviews, die Schüler der KGS Hemmingen und vom Gymnasium Burgdorf geführt haben, berichten Sinti von dieser Zeit. Freilich gab es auch Versuche, den Kreislauf aus Bildungsmangel und sozialer Ausgrenzung zu durchbrechen: In Hildesheim, einem Zentrum der rund 10 000 Sinti in Niedersachsen, gründeten die Kirchen schon in den Sechzigern einen Förderverein. Heute betreibt die Caritas in der Siedlung Münchewiese, wo drei Dutzend Sinti-Familien leben, einen Kindergarten und ein Zentrum für Jugendliche. Sinti organisieren dort renommierte Musikfestivals.

So populär wie die reizvollen historischen „Stadtansichten“ von Hannover, die das Museum derzeit gleich nebenan zeigt, ist die Sinti-Ausstellung nicht. Aber mindestens genauso wichtig.

„Fremd im eigenen Land“ ist im Historischen Museum bis zum 31. Januar zu sehen. Zur Eröffnung heute um 18 Uhr spielt das Kussi-Weiß-Ensemble aus Hildesheim Sinti-Jazz. Die nächsten Führungen gibt es am 25. Oktober, am 8. und 22. November sowie am 6. Dezember jeweils um 12 Uhr. Infos: (05 11) 16 84 30 52.

Aufführungen von Douglas Laubingers Puppenspielbühne „Sternschnuppe“ gibt es unter anderem am 1. und 29. November, 15 Uhr, sowie während des Kinderfestes am 15. November um 13 und 14 Uhr.

Im Vortragsprogramm spricht am Dienstag, 27. Oktober, 18 Uhr, Hans Richard Brittnacher von der FU Berlin über „Leben auf der Grenze – Sinti und Roma in der Literatur“. Am 17. November, 18 Uhr, referiert Mareile Krause vom Landesinstitut für Lehrerbildung in Hamburg zum Thema „Alle können lernen – Schule gestalten mit Sinti und Roma“. Und am 24. November, 18 Uhr, spricht Rudko Kawczynski über „Roma und Sinti im vereinigten Europa“.

Die Diskussionsveranstaltung „Abschiebung ins Ungewisse – oder Bleiberecht für Roma-Flüchtlinge in Niedersachsen?“ für den 1. Dezember, 18 Uhr, auf dem Programm.